Das Chaos in Thüringen färbt auf "Anne Will" ab: CDU, FDP und SPD schieben sich die Schuld zu, und AfD-Frau Alice Weidel lacht sich eins. Eine blamable Vorstellung von allen Seiten.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Anne Will stellt manchmal verdammt gute Fragen. Nur nicht unbedingt den richtigen Leuten. Was die ARD-Moderatorin am Sonntagabend von Sahra Wagenknecht wissen wollte zum Beispiel, das hätte sie am besten sich selbst und ihre Redaktion gefragt: "Alle gegen die AfD, ist das nicht gefährlich?"

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Wenn es so läuft wie bei "Anne Will", dann schon.

Was ist das Thema bei "Anne Will"?

In Thüringen beginnen am Montag die Winterferien, aber die Landespolitiker dürften sich auf alles andere als eine ruhige Woche einstellen – auch CDU-Landeschef Mike Mohring ließ ja Meldungen dementieren, dass er sich in Ski-Urlaub verabschiedet habe.

Politische Aufräumarbeiten stehen an nach dem Wahl-Desaster vom vergangenen Mittwoch, nicht nur in Thüringen, sondern auch im Bund. Anne Will fragte in ihrer Sendung nach den Plänen der Parteien: "Wahl-Eklat in Thüringen – welche Konsequenz hat der Tabubruch?"

Wer sind die Gäste?

CDU-Vorstandsmitglied Peter Altmaier räumt ein, er habe sich selten so unwohl gefühlt: "Das war eine Blamage für ganz viele auch aus meiner eigenen Partei." Jetzt ein "Scherbengericht" über CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer zu halten, sei aber nicht okay. "Wir haben Schwierigkeiten mit der Situation, aber es wird nicht mehr passieren."

Wolfgang Kubicki (FDP) putzt sich erst einmal an Kurzzeit-Ministerpräsident Thomas Kemmerich ab: Er hätte die Wahl unter den Umständen nicht angenommen. "Ich bin mental stärker als er." Allerdings habe in der FDP niemand mit der Zustimmung der AfD gerechnet.

Eine Ausrede, meint Journalistin Melanie Amann: Das Szenario sei schon Tage vor der Sitzung diskutiert worden, auch in den Gremien von FDP und CDU. Die Leiterin des "Spiegel"-Hauptstadtbüros sieht das Problem noch lange nicht gelöst: "Auch Neuwahlen sind keine ausgemachte Sache."

An denen führt für Kevin Kühnert kein Weg vorbei, weil im aktuellen Parlament jene sitzen, "die das angerichtet haben". Er verwies auch auf die aktuellen Umfragen, in denen vor allem Thüringens CDU komplett abgestürzt ist: "Offenbar würden viele Wähler von FDP und CDU gern ihr Votum ändern."

Sahra Wagenknecht (Linke) macht FDP und CDU nicht nur für den Schlamassel vom Mittwoch verantwortlich, sondern auch für die schwierige Konstellation, in der eine starke AfD zum Zünglein an der Waage wird: "Warum ist den Volksparteien das Volk weggelaufen?" Ihre Antwort, wenig überraschend: Die schlechte Arbeit der Groko.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht hörte AfD-Fraktionschefin Alice Weidel dieser Analyse zu. Sie hält, auch wenig überraschend, nicht den Wahlvorgang für den Skandal, sondern die Entwicklungen seit Mittwoch: "Hier wird ein Viertel der Wähler einfach ignoriert."

Was ist der Aufreger des Abends?

Überhaupt lächelt Alice Weidel sehr viel an diesem Abend. Schon die Einladung in die wichtigste Talkshow der Republik darf die AfD als Erfolg verbuchen, der Rest ist ein Selbstläufer: Alle keilen sich, und hier und da streut Weidel eine kalkulierte Provokation ein.

Wobei statt dem Oscar wohl eher nur die Goldene Himbeere in der Kategorie "Gespielte Empörung" herausspringt: "Unglaublich" findet es Weidel, dass Melanie Amann der AfD "schmutzige Tricks" unterstellt. Als die Autorin des Buches "Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD" auch noch daran erinnert, dass Weidel 2017 Björn Höcke aus der Partei schmeißen wollte, spult Weidel die "Unglaublich"-Nummer wieder ab, und gleich nochmal, als Kevin Kühnert die Entlassung des Ostbeauftragten Christian Hirte begründet.

Aber Weidel hat nicht nur die Opferrolle im Repertoire, sie kann die Debatte auch aktiv zerstören: "Seien Sie doch mal still", herrscht sie einmal Melanie Amann an, und als Peter Altmaier genervt auf Weidels Angriffe reagiert, ruft die AfD-Frau: "Warum schreien denn alle so? Ist ja unglaublich."

Eine Frage beantwortet Weidel übrigens nicht: Wie sie denn nun steht zu Björn Höcke – und wie sie ihn nennen würde, wenn er nicht der Nazi ist, als den ihn Sahra Wagenknecht bezeichnet.

Was ist das Rede-Duell des Abends?

Wer Wolfgang Kubicki schon öfter in Talkshows gesehen hat, weiß, dass der Anwalt gern den Advocatus Diaboli spielt. Aber an diesem Abend muss er sich selbst und seine FDP verteidigen, die teuflisch auf die Schnauze gefallen ist mit ihrem dann doch nicht so genialen Manöver gegen Bodo Ramelow.

Dass sich Kubicki dann auch noch als mental stärker als Parteikollege Kemmerich gebrüstet hatte, nutzt Will genüsslich als Vorlage: "Warum haben Sie, der mental viel stärker ist, ihm dann gratuliert?" Kubicki schlingert sich durch eine halbgare Rechtfertigung, Kühnert setzt einen linken Haken: "Was haben Sie denn gedacht, wer Kemmerich gewählt hat? Die Linken etwa?" Aber der Erfurter Bischof habe Kemmerich doch auch gratuliert, wendet Kubicki ein. K.o.-Schlag Kühnert: "Ja, göttlichen Beistand kann er brauchen."

Wie hat sich Anne Will geschlagen?

Selbst schuld, Anne Will. Natürlich hatte sie eine Runde aus echten Kapazundern zusammengestellt. Aber wenn man so viele Leute einlädt, die sich am liebsten selbst reden hören, versteht man am Ende eben kein Wort. Es sei denn, die Gastgeberin setzt die grundlegenden Spielregeln der Diskussionskultur durch - was Will an diesem Abend zu selten gelingen wollte.

Ganz zu schweigen vom Umgang mit AfD-Frau Alice Weidel: Wer unbedingt mit Rechten reden will, muss wenigstens darauf bestehen, dass sie Konventionen einhalten und Fragen beantworten. Will ließ Weidel ein ums andere Mal mit Ausflüchten und ihren unzähligen "Unglaublich"-Ausrufen davonkommen. Zeit für eine neue Strategie.

Was ist das Ergebnis?

"Show, don't tell" lautet ein ehernes Gesetz des Journalismus: Zeigen, nicht erzählen. Wenn man diesen Maßstab anlegt, hat Anne Will eigentlich gar keinen so schlechten Job gemacht an diesem Sonntagabend. Jedenfalls wenn das Ziel war, zu illustrieren, wie ratlos die Parteien nach dem Dammbruch vom Mittwoch noch immer sind – und wie unfähig viele Talkshows, die billige Strategie der AfD zu kontern.

Was die Konsequenzen aus dem Dammbruch von Thüringen angeht, hat "Anne Will" eher noch weitere Fragen aufgeworfen: Was genau will eigentlich Thüringens CDU? Der unkonzentrierte Peter Altmaier (er verwechselte Christian Lindner mit Guido Westerwelle) weiß das offenbar selbst nicht, genauso wenig wie er weiß, ob in der CDU nun ein Parteitagsbeschluss gilt oder eben nicht.

"Ich habe Sorge, dass bei Ihnen was ins Rutschen kommt", sagt Kevin Kühnert, und mahnt "Führung" an. Aber kann Kramp-Karrenbauer die bieten? Fest im Sattel sitzt sie nicht, ätzt "Spiegel"-Journalistin Melanie Amann: "Sie hängt eher mit einem Fuß im Steigbügel und wird hinterhergeschleift." Das Führungsvakuum an der Spitze sei ein Risiko, wenn es bis zur Wahl 2021 so weitergehe, seien von der zerstrittenen CDU "nur noch rauchende Ruinen übrig".

In der Causa Thüringen sei das "Blame Game" von CDU, FDP und SPD der größte Erfolg der AfD, urteilt Amann. Wagenknecht stimmt zu: "Wenn Sie glauben, Sie können der AfD schaden, haben Sie noch immer nichts verstanden. Die Debatte nutzt der AfD."

Weidel lehnt sich derweil entspannt zurück und verfolgt, wie Altmaier und Kühnert sich erst um Fragen der Geschäftsordnung des Thüringer Landtags in die Haare bekommen. "Es gibt null Annäherung und kein Rezept", resümiert Melanie Amann sichtlich konsterniert am Ende der Sendung.

And the winner is … Alice Weidel.