Die abgelaufene Kalenderwoche wird als die Woche der Rebellen in die Geschichtsbücher eingehen. Selten war der Drang von alten, weißen Männern, sich als revolutionäre Großmeister einer fragwürdigen Pseudo-Vernunft zu inszenieren, größer als in den vergangenen Tagen. "Alter, weißer Mann" gilt in diesem Fall übrigens weniger als geschlechtsspezifische Jahrgangskategorisierung, sondern eher als Gesinnung. Grundsätzlich können nämlich auch Frauen, junge Männer oder Philipp Amthor "alte weiße Männer" sein. Aber mal direkt rein in die "Los Revoluzzer Wochos" bei Mc Deutschland.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Rebell Nummer 1: Marco Buschmann

Der sympathische Gelsenkirchener ist quasi das Schalke 04 der Bundesminister: Für ganz oben zu inkonstant, für die zweite Liga zu stolz und gerne blau. In seiner Eigenschaft als Verhinderer von Wolfgang Kubicki, den sich die "Lauterbach ist ein Spacken"-Bewegung so sehr als Bundesjustizminister gewünscht hätte, glänzte er diese Woche wieder erfolgreich in seiner Königsdisziplin: Dem wissenschaftsfernen, aber dafür besorgniserregend schwurbelnahen Wischi-Waschi-Kurs der WTF-Politik.

Steigende Infektionszahlen beim von FDP, AfD und deren treuen Begleitgeschwadern aus Chefreportern der "Welt" eigentlich bereits für beendet erklärten Thema Corona sorgten plötzlich für ein Comeback des Agendapunktes "Maskenpflicht ab Herbst". Buschmann, mit seinem Ministerium mittelbar betroffen, wollte sich diesen Elfmeter ohne Torwart für den FC Querdenker natürlich nicht entgehen lassen.

Er lief an – und was soll ich sagen: Hämmerte den Ball kilometerweit über das Tor der vernunftbasierten Rationalität. Hinein in einen jubilierenden Nachthimmel voller Telegram-Gruppen und "Impfen, nein danke"-Jünger, die auf der (Achtung!) Gegentribüne seinen inhaltlichen Fehlschuss als Tor des Jahres abfeierten.

Buschmann reißt Büchse der Nichtwissenschaft auf

Marco Buschmann, der mit seiner Aussage "Will der Staat Masken vorschreiben, etwa in Innenräumen, muss das evidenzbasiert und verhältnismäßig sein. Ob das der Fall ist, besprechen wir, wenn alle Gutachten vorliegen" die Büchse der Nichtwissenschaft weit aufgerissen hatte, sah sich plötzlich einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt.

Vor allem von Medizinern und Virologen. Gleichzeitig wurde er selbstredend (und kalkuliert?) im Rekordtempo zur neuen Resistance-Ikone der Vasallen um Corona-Geisterfahrer wie Stefan Homburg. Selbst der Wikipedia-Eintrag dieses rüstigen Meinungsrentners startet mit der Einordnung "bekannt wurde Homburg durch die Verbreitung von Falschinformationen während der COVID-19-Pandemie" – gefolgt von einer seitenlangen Dokumentation seines mannigfaltig ausgeprägten Drangs zu (sagen wir mal freundlich) kurios selektiv manipulierten Wiedergaben wissenschaftlicher Fakten.

In einer Reihe mit dem während der Pandemie vom Finanzwissenschaftler zum Chefvirologen des "Kompetenzzentrums Verschwörungstheorie" die Schwurbelkarriereleiter hochgestolperten Homburg genannt zu werden und als neues Sprachrohr der Evidenz-Allergiker und Fakten-Ignoranten zu gelten, das kann Marco Buschmann nicht gewollt haben. Oder doch?

Immerhin ist seine Aussage, man müsse zum Thema Wirksamkeit von Masken ("Evidenz") erstmal Gutachten abwarten, etwa so realitätsunterfüttert, als würde man sagen: Ob der FC Bayern München wirklich die letzten zehn Jahre Deutscher Meister geworden ist, muss erst nochmal von unabhängigen Experten untersucht und verifiziert werden.

Lesen Sie auch: Zurück zur Maskenpflicht? Warum Justizminister Buschmann skeptisch ist

Rebell Nummer 2: Klaus Stöhr

Hätte nicht bereits Konrad Adenauer den Satz "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" etabliert, man hätte ihn für den Epidemiologen Klaus Stöhr erfinden müssen. Nachdem die CDU Friedrich Merz zum neuen Chef gemacht und damit eindrucksvoll signalisiert hat, an Erneuerung und Zukunft etwa so großes Interesse zu haben, wie der Veganer Paul McCartney an Schweinenackensteaks aus dem Hause Tönnies, hat sie den in Wissenschaftskreisen recht umstrittenen, naja, Corona-Experten Stöhr als Nachfolger von Christian Drosten ins Spiel gebracht.

Ist auch etwa so, als würde ein großes "Friends"-Revival anstehen, nur Jennifer Aniston möchte nicht mehr dabei sein und die Produzenten verpflichten als Ersatz dann Alice Weidel als "Rachel".

Stöhr: Maskentragen nimmt Gelegenheit, sich langfristig mit Corona zu arrangieren

Exemplarisch für den originellen Umgang mit Daten, Fakten und den daraus entwickelten Thesen möchte ich hier im Zusammenhang mit Pandemie-Revolutionär Stöhr nur eines von unzähligen Beispielen aufführen. Oder vielleicht, weil es so absurd ist, maximal zwei: Klaus Stöhr findet zum einen, Masken würden nicht wirksam gegen Corona-Infektionen helfen. Zum anderen ist Klaus Stöhr überzeugt, "Maskentragen nähme den Menschen die Gelegenheit, sich langfristig mit dem Coronavirus zu arrangieren". Ja, Sie lesen richtig.

Mal abgesehen davon, dass man mit dieser Logik auch sagen müsste, Anschnallgurte nehmen den Menschen die Gelegenheit, sich langfristig mit einem Flug durch die eigene Windschutzscheibe zu arrangieren, heißt das letztendlich nichts anderes als: Masken helfen zwar nicht, aber weil sie ja helfen, verhindern sie ein Arrangement mit dem Virus. Ein klassischer Fall von Schrödingers Maske.

Stöhr: "FFP2-Masken sind keine Option für die Bevölkerung"

Und weil es so schön ist (und Zufall auszuschließen), hier ein weiteres Kleinod: Am 08. Juli 2021 stellte Klaus Stöhr, der inzwischen - logisch - einen festen Platz im Corona-Tribunal des Null-Prozent-Quote-Senders BILD TV innehat, via Twitter klar: "Wie oft muss noch gesagt werden: FFP2-Masken sind keine Option für die Bevölkerung". Heute, knapp elf Monate später, klingen seine Einlassungen zum Thema Masken in 2021 so: "Eine Kampagne für das Maskentragen wäre letztes Jahr nicht schlecht gewesen". Bizarr, oder?

Das Fazit an die politikverdrossene neue Generation kann hier nur lauten: Wenn ich heute behaupte, Zucker wäre sehr schlecht für Zähne und Gesundheit und dann in elf Monaten schreibe "eine Kampagne für mehr Zuckerkonsum wäre im letzten Jahr notwendig gewesen", dann werde ich Lieblingsexperte der Union für gesunde Ernährung und in die entscheidenden Gremien für Mundhygiene berufen. Da soll noch jemand sagen, die CDU hätte keine zukunftssicheren Konzepte.

Rebell Nummer 3: Fynn Kliemann

Erinnern Sie sich noch, als Fynn Kliemann nach "schwarzer Rollkragenpullover Steve Jobs" gegoogelt, sich ein Exemplar (natürlich in der europäischen Metropole Bangladesch fairtrade produziert) bestellt und dann ein reumütiges Entschuldigungs-Video veröffentlicht hat, in dem er sich dafür entschuldigt, versehentlich Masken in Vietnam produziert und diese dann umgelabelt als "Made in Europe" unter anderem in großen Mengen an den Versandhandel AboutYou verkauft zu haben?

Jan Böhmermann hatte da vor einigen Wochen eine Bombe platzen lassen, die wie ein Tsunami der aufgedeckten Unredlichkeit über das verträumte Kliemannsland herfegte. So gemein, dieser Böhmermann!

Es folgten weitere Recherchen, weitere Enthüllungen, die uns noch viele Monate beschäftigen werden (insbesondere die Verstrickungen namenhafter weiterer Promis als stille Teilhaber), Ermittlungen der Staatsanwaltschaft – und eine als Reue interpretierte Funkstille seitens Ex-Obergutmensch Kliemann.

Forscher: Sars-CoV-2 kann Beschwerden im Ohr auslösen

Corona kann auch das Ohr negativ beeinflussen. Das ist das Ergebnis einer Meta-Analyse von Forschenden der University of Manchester in England. Bei jedem Siebten der untersuchten Corona-Erkrankten wurde ein Tinnitus festgestellt.

Fynn Kliemann ist zurück

Nun: Mit Funkstille und vor allem mit Reue ist es vorbei. Fynn K, der Stefan Homburg der T-Shirt-Produzenten, ist zurück. Mit einer wilden Wutrede über linke Cancel Culture, die den armen Fynn nicht in Ruhe lassen will, nur weil er halt anders ist als der Mainstream. Seine Verteidigungslinie ist inzwischen über "bin halt auch nur ein Mensch und Menschen machen Fehler" bei "die linke Bubble will mich vernichten" angekommen. Fynn Kliemann ist damit in seinem zwanghaften Kommunikationsdrang argumentatorisch im Prinzip von Attila Hildmann nicht mehr zu unterscheiden.

Vielleicht sollte ihm mal jemand verraten, dass vogelwildes Austeilen gegen ehemalige Verbündete, die sich von Machenschaften wie dubiosen Masken-Deals dann aber doch eher distanzieren, weder sonderlich glaubhaft noch sonderlich intelligent "rüberkommt", wie man neudeutsch sagt? Und am aller wenigsten: unschuldig.

Klar ist unterdessen lediglich, dass Kliemann offensichtlich glaubt, es wäre revolutionär, einfach alles zu machen, womit man Geld verdienen kann, egal wie skrupellos man dabei vorgeht – und wenn man erwischt wird, alles auf den linken Lynchmob zu schieben. Ich persönlich hätte mir da – wenn schon Fuß vom Gas bei der Reue – wenigstens etwas Innovatives erhofft.

Fynn Kliemann - der Robin Hood der Maskenproduzenten

Andererseits muss man auch die berühmte Kirche im Dorf lassen. Fynn Kliemann ist nicht Wladimir Putin. Immerhin hat er die vielen defekten und fehlerhaft produzierten Masken nicht an AboutYou oder private Endkunden verkauft, sondern an Flüchtlingslager gespendet. Das ist soziale Verantwortung!

Da kann man es sich durchaus erlauben, sich als Robin Hood der Maskenproduzenten zu inszenieren, nur um dann als das Wirecard der Pandemiegewinner zu enden. Oder um es mit Kliemanns eigenen Worten zu sagen: "Ich bin gegen Vorurteile und Menschen mit Zeigefingern. Im Kliemannsland wirst du so akzeptiert, wie du bist." Selbstverständlich auch als Fynn Kliemann, die Masken-Mutter-Theresa. Versöhnlich, wie ich finde. In diesem Sinne: Bis nächste Woche!