Sandra Maischberger hatte am Mittwochabend Prominenz zu Gast: Neben Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) sprach sie auch mit Virologe Dr. Anthony Fauci, der auch die US-Regierung berät. Während der sich an die Zeit unter Donald Trump erinnerte und einen Ausblick in der Corona-Lage gab, warnte Özdemir im Studio mit einer beunruhigenden Analyse: Russlands Präsident Wladimir Putin versuche über eine "Strategie des Aushungerns" in der Ukraine den Konflikt auf den Rest der Erde zu übertragen.

Eine Kritik
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Zerbombte Städte, Leichen von Zivilisten, rollende Panzer: Deutschland verfolgt die schrecklichen Bilder aus den Kriegsgebieten in der Ukraine. Doch die Folgen des Krieges sind längst nicht mehr nur vor dem heimischen Fernseher spürbar, sondern bereits im Alltag angekommen. Sei es durch gestiegene Lebensmittelpreise oder durch Menschen, die aus der Ukraine auch nach Deutschland geflohen sind.

Das sind die Themen bei "Maischberger"

Die Deutschen müssen an vielen Stellen tiefer in die Tasche langen: Die Strom-, Benzin- und Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Wochen spürbar gestiegen. Wie kann die Bundesregierung die Belastungen abschwächen? Der Ukraine-Krieg war bei "Maischberger" auch Thema im Zusammenhang mit einem geplanten Ölembargo. Wird Putin sich davon einschüchtern lassen? Außerdem ging es um Elon Musks Twitter-Kauf, den Rücktritt des CSU-Generalsekretärs Stephan Mayer und die chinesische Null-Covid-Politik.

Das sind die Gäste

  • Cem Özdemir (Grüne): Der Bundeslandwirtschaftsminister machte deutlich: "Solange Putin an der Macht ist, gibt es keine Rückkehr zu dem, wie es vorher war." Man müsse sich lösen von der Vorstellung, dass der Krieg durch eine Verhandlungslösung zu Ende gehe und man dann zum Vorkriegs-Status zurückkehre. Zugleich kritisierte Özdemir, dass mit Blick auf Putins Vorgehen immer so getan werde, "als wenn das alles überraschend käme". Özdemir erinnerte: "Der Mann hat alles gesagt" und fragte: "Wann fangen wir endlich mal an, Diktatoren zuzuhören, wenn sie sagen, was sie vorhaben?"
  • Dr. Anthony Fauci: Der Virologe und Berater der US-Regierung erinnerte sich an die Amtszeit von Ex-Präsident Donald Trump: "Es war nicht so einfach, weil viele Dinge, die gesagt wurden, einfach nicht stimmten. Ich war in der unglücklichen Lage, den Präsidenten der USA korrigieren zu müssen. Das mache ich nicht so gerne, aber es war wirklich notwendig", sagte Fauci. Mit Blick auf die aktuelle Corona-Lage sagte er, der Trend gehe dahin, dass Varianten ansteckender aber weniger gefährlich seien. "Wir sollten allerdings auch nicht zu optimistisch sein", warnte er. Es sei wichtig, sich auf weitere Wellen vorzubereiten – durch Impfungen und die Anpassung von Impfstoffen.
  • Dr. Frank Ulrich Montgomery: "Es gibt die theoretische Möglichkeit, dass wir ein Virus bekommen, dass den Immun-Escape hat", warnte der Vorsitzende des Weltärztebundes. Ein solches Virus sei nicht von der Impfung abgedeckt, habe die Ansteckungsfähigkeit von Omikron und die Gefahr von Delta. "Das wäre eine Art worst-case", so Montgomery. Wenn ein solches Virus komme, falle man in die alten Prinzipien von Lockdown und ähnlichen Maßnahmen zurück. Mit Blick auf China hielt er allerdings fest: "Die Null-Covid-Strategie ist gescheitert. Immer wieder Lockdown, das geht nicht."
  • Theo Koll: "Wir erleben eine völlig neue Strategie der Kommunikationspolitik der Ukraine", analysierte der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios. Die Videoansprachen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskij, die er in zahlreichen Parlamenten der Welt abhielt, seien auf die jeweilige Kultur zugeschnitten gewesen. "Gleichzeitig erleben wir dieses Bullying des Botschafters – auch in Österreich", sagte Koll. Kritik übte er allerdings auch an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD): "Olaf Scholz muss sein Kommunikationsverhalten ändern", bemerkte der Journalist.
  • Hannah Bethke: Die Journalistin der "Neuen Züricher Zeitung" kritisierte hingegen den ukrainischen Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, scharf: "Ich finde das bodenlos", sagte sie über seine jüngste Aussage, Kanzler Scholz sei eine "beleidigte Leberwurst". Bethke ergänzte: "Ich weiß nicht, wie diese Beschimpfungen der Sache dienen können. Es war ein ungeheurer Affront, dass Steinmeier ausgeladen worden ist."
  • Sascha Lobo: Der Kolumnist und Autor zeigte mehr Verständnis für Melnyk. "Ich kann den ukrainischen Botschafter verstehen", sagte Lobo. Dass dieser sehr ruppig agiere, hänge damit zusammen, "dass man es sich lange bequem gemacht hat in Deutschland und Russland hofiert hat", analysierte Lobo. Ohne die Debatten, die Melnyk angestoßen habe, wären die politischen Entscheidungen beispielsweise über Waffenlieferungen nicht so gefallen, war sich Lobo sicher.
Ein Teil der Runde am Mittwochabend (v.l.n.r.): Sascha Lobo (Kolumnist und Autor), Hannah Bethke (Journalisti bei der "Neuen Zürcher Zeitung"), Theo Koll (Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios) und Moderatorin Sandra Maischberger.

Das ist der Moment des Abends bei "Maischberger"

Maischberger bat Landwirtschaftsminister Özdemir zu erklären, was er meine, wenn er von einer Strategie des Aushungerns in der Ukraine spreche. Özdemir entgegnete, Putin wolle die Menschen in Ukraine notleiden lassen, die Landwirtschaft zum Erliegen bringen und verhindern, dass Ernte exportiert werden könne.

"50 Prozent des Weizens für das World Food Programm kommen aus der Ukraine. Das kompensieren Sie nicht so leicht", erinnert Özdemir. Instabilität in der Dritten Welt sei die Folge und in dieser Situation könne Russland das Angebot machen: "Wir können euch liefern". Özdemirs Fazit über Putins Strategie: "Das ist der Versuch, den Konflikt auf den Rest der Erde zu übertragen."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Maischbergers Frage, wie die Reise des Oppositionsführers Friedrich Merz nach Kiew zu beurteilten sei, gab Anstoß für das Rede-Duell des Abends. "Jeder Besuch ist angemessen in dieser Lage", befand Journalist Koll. Die Landtagswahlen hätten zwar eine Rolle gespielt, Merz habe aber nach seiner Reise erklärt, "dass die Gespräche für ihn auch wichtig waren, um die Situation vor Ort noch einmal anders einzuschätzen", erklärte Koll.

Journalistin Bethke war deutlich skeptischer. "Es ist in erster Linie Symbolpolitik", war sie sich sicher. Man könne sagen, Merz mache "Wahlkampf im Kriegsgebiet". "Das hat schon ein bisschen ein Geschmäckle", betonte Bethke. Da mischte sich auch noch Kolumnist Lobo ein: "Ich würde ihm gar keinen Vorwurf machen wollen." Die Reise von Merz sei ein wichtiges Symbol nach innen. "Es könnte an die CDU selbst ein Appell sein, in Zukunft ein bisschen staatsmännischer mit der Situation umzugehen", sagte Lobo.

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Der Ukraine-Krieg ist ein wichtiges Thema und bestimmt zurecht die mediale Agenda. Sandra Maischberger widmete dem Krieg allerdings den Großteil ihrer Sendung und verpasste dabei die Chance, die spürbaren Folgen im Alltag der Deutschen oft genug einzubinden. Gestiegene Lebensmittelpreise behandelte sie nur als kleineren Aspekt – den Punkt hätte sie definitiv größer machen müssen.

Sparen hätte sich Maischberger lieber die Frage "Wie stoppen wir Putin?" – die wurde in den vergangenen Wochen einfach schon zu oft gestellt. Klug war hingegen ihre Frage: "Ist schon bei Allen angekommen, dass sie ihren Beitrag leisten müssen?"

Das ist das Ergebnis bei "Maischberger"

Özdemir sorgte in seinem Einzelinterview für eine wichtige Erkenntnis: Der Ukraine-Krieg hat globale Folgen auf vielen unterschiedlichen Ebenen und die Nachwehen des Krieges werden auch nach dessen Ende noch lange zu spüren sein. Ein besonderer Blick muss dabei auf dem afrikanischen Kontintent liegen.

Der Bundeslandwirtschaftsminister mahnte, auch die anderen Krisen nicht zu vergessen: Klima- und Biodiversitätskrise. Dieses Ergebnis der Sendung machte auch der Blick auf die Coronakrise deutlich. Auch wenn die beiden Mediziner Fauci und Montgomery den Höhepunkt als überschritten beschrieben – von "worst case"-Szenarien sprachen sie immer noch.