Auf Christian folgt Christian: Nach den Lindner-Jahren greift Ex-Fraktionschef Dürr nach dem FDP-Vorsitz. Er soll das liberale Comeback aus der außerparlamentarischen Opposition heraus organisieren. Was hat Dürr vor?
Christian Dürr schaltet sich digital zum Gespräch zu. Im Hintergrund am Fenster hängt eine Happy-Birthday-Girlande, Überbleibsel eines Kindergeburtstags. Der kommende FDP-Chef ist gerade in Niedersachsen, seiner Heimat.
Dürrs beruflicher Mittelpunkt wird allerdings Berlin bleiben – auch nach dem Bundestags-Aus der FDP. Der Ex-Fraktionschef greift nach dem Parteivorsitz. Dabei will er einiges anders machen als sein Bald-Vorgänger
Herr Dürr, warum wollen Sie FDP-Chef werden?
Ein Neuanfang für die Partei sind Sie nicht. Als Fraktionschef in der Ampel-Zeit sind auch Sie mitverantwortlich für den Niedergang.
Die FDP hat Fehler gemacht. Wir wollen jetzt eine Neuaufstellung mit neuen, aber auch erfahrenen Köpfen. Ich war noch nie in der Rolle des Parteichefs. Ich war bisher auch noch kein Landesvorsitzender und es ist auch das erste Mal, dass ich für das Präsidium kandidiere. Deshalb will ich meine Ideen für die Partei einbringen.
Trotzdem: Wäre es nicht glaubwürdiger, wenn die FDP auf neue, unverbrauchte Gesichter für den Wiederaufbau setzt?
Es geht jetzt nicht darum, einfach etwas neu zu machen. Es geht darum, Leute zu versammeln, die deutlich machen: In Deutschland braucht es eine starke Partei der Mitte. Das Parteiensystem hat sich verändert. Das sehen Sie am Erstarken der Rechten – aber auch der Linken. Union und SPD sind in den letzten Wochen ebenfalls nach links gerückt. Ich bin überzeugt, dass es in der Mitte ein politisches Angebot geben muss. Nämlich eine Partei, die konsequent auf Freiheit und Eigenverantwortung setzt. Wir sind weder ein bisschen rechts noch ein bisschen links. Wir sind ein drittes politisches Lager – die Mitte.
Ihr Bald-Vorgänger Christian Lindner stand mehr als elf Jahre an der Spitze der FDP. Was wollen Sie anders machen als er?
Ich bin zunächst einmal ein anderer Typ als Christian Lindner, den ich sehr schätze. Wir müssen uns aber auch inhaltlich erneuern. Heute brauchen wir noch mehr Zukunftsantworten und müssen auf Zukunftsängste von jüngeren Menschen eine Antwort haben. Dazu will ich beitragen. In der Vergangenheit wurden wir oft missverstanden.
"Wir sind eine Pro-Markt-Partei und keine Pro-Business-Partei."
Inwiefern?
Als FDP ist uns Wirtschaftspolitik wichtig. Uns wurde aber nachgesagt, dass wir dabei nur an Unternehmer oder Führungskräfte denken. Das ist falsch. Und solche Fremdzuschreibungen haben wir uns in der Vergangenheit zu oft gefallen lassen. Das werde ich nicht länger zulassen. Denn der Kern liberaler Politik ist ein anderer: Es geht um mehr Chancen und mehr Freiheit für die Menschen. Wirtschaft betrifft uns alle.
Sie wollen also am Image der FDP arbeiten.
Genau. Wir sind eine Pro-Markt-Partei und keine Pro-Business-Partei. Wir wollen Wettbewerb haben – Wettbewerb um die besten Ideen, aber nicht einzelne Unternehmen unter staatlichen Protektionismus stellen. Niederlagen gehören zum Leben dazu – in der Politik und in der Wirtschaft. Aber danach muss man auch wieder aufstehen.
Zur neuen Führungsriege sollen auch Wolfang Kubicki und Marie-Agnes Strack-Zimmermann gehören. Sie stehen schon vom Alter her nicht für Erneuerung.
Gute Teams sind divers – das gilt für Alter, Geschlecht, Einstellungen. Menschen sollen unterschiedlich sein und das muss eine Führung einer modernen Partei auch spiegeln. Sehen Sie es mir aber nach, dass ich mich nicht an konkreten Personaldiskussionen beteilige.
Mit jungem Personal könnten aber auch junge Wähler erreicht werden, die Ihnen zur Bundestagswahl 2025 massiv abhandengekommen sind.
Eine Partei, die sich gegen die komplette Überschuldung wehrt, die für eine Reform der Rente wirbt, ist automatisch eine Partei für junge Menschen. Die Schuldenpläne von Union und SPD sind eine klare Kampfansage an die Jugend.
Sind nicht eine unpünktliche Bahn, bröckelnde Autobahnen, marode Schienen und Brücken, ein nicht funktionierendes Mobilfunknetz und schlecht ausgestattete Schulen viel eher die Kampfansage an die Jugend?
Sie sagen vollkommen zurecht: All diese Dinge gehen zulasten der jungen Generation. Aber die Politik macht es sich gerade zu leicht, wenn sie sagt: Die Jugend soll ihre Zukunft mal schön selbst bezahlen. Die Bahn wird nicht flottgemacht, indem mehr Milliarden reingepumpt werden. Sie muss neu organisiert werden. Eine Straße wird nicht schneller gebaut, weil mehr Euros auf den Asphalt gekippt werden. Planung und Umsetzung in Deutschland dauern viel zu lange. Und diese Behäbigkeit des Staats ist die wahre Kampfansage.
Im Wahlkampf hat die FDP nach rechts geblinkt. Plötzlich wurden Kryptowährungen beworben,
Ich denke nicht in diesen Kategorien. Bei Musk und Milei ging es nie darum, sie persönlich zum Vorbild zu nehmen. Es ging um den Mut, Dinge anders zu machen. Elon Musk ist ein Tech-Milliardär, der seinen Lobby-Einfluss in der neuen US-Regierung geltend macht – das kann gar kein Vorbild sein. Die Wahrheit ist aber auch: Sein Ansatz, Bürokratie zurückzuschneiden, darf kein Tabu sein. Die Antwort ist eben nicht immer mehr Staat.
Und was ist mit der Krypto-Begeisterung? Auch die wird in der libertären Szene geteilt.
Die FDP muss offen für neue Zahlungsmittel sein, das hat doch nichts mit links, rechts oder libertär zu tun. Es geht nämlich um Folgendes: Krypto ist ein Asset zum Vermögensaufbau. Wir wollen, dass alle Menschen die Chancen dazu haben – gerade auch die, die noch kein eigenes Vermögen haben. Es macht mich rasend, dass es in Deutschland so schwer ist, sich selbst etwas aufzubauen. Das wollen wir ändern.
Nach dem Bundestags-Aus ging es in der Partei schnell um die Suche nach einer Lindner-Nachfolge. Kommt die Fehleraufarbeitung dadurch zu kurz?
Der Eindruck täuscht. Wir beschäftigen uns natürlich mit Fehlern, das findet aber intern statt. Das ist auch mein Job. Aber die Fehleranalyse kann sich nicht darauf beschränken, einfach nur zurückzuschauen. Es geht auch darum: Was wollen wir in Zukunft besser machen?
Ein Markenkern der FDP ist das Festhalten an der Schuldenbremse. Schwarz und Rot starten ihre Koalition mit Milliardenschulden – und die Umfragewerte der FDP sinken trotzdem weiter. Sollten Sie Ihre Obsession nicht langsam überdenken?
Welche Obsession? Ich selbst habe die Errichtung eines Verteidigungsfonds vorgeschlagen, weil die FDP selbstverständlich die Notwendigkeit zusätzlicher Investitionen in unsere Sicherheit sieht. Wir sind nämlich nicht aus ideologischen Gründen gegen neue Schulden. Es geht immer um Freiheit. Ich habe etwas dagegen, dass sich Politiker mit dem Geld anderer Leute Popularität erkaufen. Die Staatsquote in Deutschland liegt bereits jetzt bei fast 50 Prozent. Und die schwarz-roten Pläne treiben sie weiter in die Höhe. Das schränkt private Initiative ein. Dabei bietet die Schuldenbremse genügend Flexibilität: Allein in diesem Jahr wäre eine Neuverschuldung von 50 Milliarden Euro möglich.
Hat CDU-Chef
Aber natürlich! Friedrich Merz macht das exakte Gegenteil dessen, was er im Wahlkampf versprochen hat. Durch kein Zitat von ihm war dieser Kursschwenk absehbar. Es ist offensichtlich, dass er die Wählerinnen und Wähler getäuscht hat.
Was macht die FDP – zumal in der außerparlamentarischen Opposition -, wenn Union und SPD mit ihrer Politik Erfolg haben?
Um das klarzustellen: Ich bin froh, wenn kein Chaos ausbricht und der wirtschaftliche Abstieg nicht weitergeht. Selbst wenn es aber gelingt, das Land durch die vielen Schulden eine gewisse Zeit zu stabilisieren: Was kommt danach? Das nächste Schuldenpaket? So erkauft sich die Politik nur Zeit. Es fehlt ein Zukunftskonzept.
Können Sie sich in Zukunft wieder eine Zusammenarbeit mit SPD und Grünen vorstellen?
Ich kann mir eine Zusammenarbeit mit Demokraten grundsätzlich immer vorstellen. Allerdings ist die FDP nicht Mehrheitsbeschafferin für Parteien, die auf Konzepte von gestern setzen und Angst vor der Zukunft haben. Wir haben in der letzten Koalition zwar einiges geschafft: das Sondervermögen für die Bundeswehr etwa oder das Startchancen-Programm für Schulen. Allerdings braucht Deutschland jetzt einen wirtschaftspolitischen Aufbruch.
Über den Gesprächspartner
- Christian Dürr ist Jahrgang 1977, in Delmenhorst geboren und war von Dezember 2021 bis März 2025 der bis dato letzte Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag. Im Mai will er als FDP-Vorsitzender kandidieren. Dürr beendete sein Studium an der Leibniz Universität Hannover 2007 als Diplom-Ökonom. Er trat 1995 zuerst den Jungen Liberalen (Julis) bei und kurze Zeit später auch der FDP. Von 2017 bis 2025 war er Mitglied des Deutschen Bundestages.