Es ist heiß in Berlin an diesem Samstagabend. Vielleicht etwas zu heiß. Berlin ist da genau wie New York. Nicht, was die Kultur angeht. Oder die Kunst. Oder die Musikszene. Man sitzt in Berlin auch nicht zufällig im Restaurant plötzlich neben Leonardo diCaprio oder Justin Bieber. Oder läuft versehentlich Fran Lebowitz in den übergroßen Herbstmantel. Nein, in Berlin trifft man alle diese Menschen nicht.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Wenn es schlecht läuft, trifft man dafür aber Jakob Augstein, Richard A. Falk, Svenja Flaßpöhler, Thomas Glauben, Josef Haslinger, Elisa Hoven, Alexander Kluge, Christoph Menke, Wolfgang Merkel, Julian Nida-Rümelin, Robert Pfaller, Richard David Precht, Jeffrey Sachs, Michael von der Schulenburg, Edgar Selge, Ilija Trojanow, Erich Vad, Johannes Varwick, Harald Welzer, Ranga Yogeshwar und Juli Zeh. Und das möchte man wirklich niemandem wünschen. Außer vielleicht Wladimir Putin. Dann könnte sich der neue Zar endlich persönlich bei seiner inoffiziellen PR-Brigade bedanken. Der Armada selbsternannter Deeskalations-Experten, die ihre wertvollen Ratschläge dieses Jahr im Modern Talking Stil vermitteln.

Modern besser nicht mehr so viel Talking

Modern Talking, stets angeführt von Dieter Bohlen, dem Richard David Precht der Camp David Polohemden, war bekannt dafür, ihren einzigen Song regelmäßig um eine Nuance zu ändern, die eine oder andere Vokabel auszutauschen und dann einfach immer und immer wieder als Single auszukoppeln. Im Prinzip macht die intellektuelle Vorhut Deutschlands fähigster Außenpolitik-Koryphäen mit ihren Offenen Briefen dasselbe. Alter Wein in neuen Schläuchen sagt der Volksmund gerne dazu. Diese Woche war es mal wieder so weit. Die neuen Schläuche ("Die Zeit" statt "EMMA") standen bereit und auch von dem (sehr) alten Wein wurde offensichtlich mehr als ausreichend verkostet.

Die Quintessenz jedenfalls des diesen Monat mal mit "Waffenstillstand jetzt!" titulierten Aufgusses eines bereits Ende April von einer weitestgehend deckungsgleichen Zynismus-Brigade unter der Regie der Diplom-Sachverständigen für Kriegstaktik Alice Schwarzer veröffentlichten Textes ist eine 1:1 Kopie einer schon damals hochproblematischen These: Deutschland sollte der Ukraine keine Waffen liefern, damit der Krieg nicht unnötig in die Länge gezogen wird. Dieser Brief schließt mit einer dramatisch unterkomplexen Forderung: Schluss mit Waffenlieferungen.

Ein Verhalten, das einer Kapitulation der Ukraine gleichkommen würde. Einem völkerrechtswidrig überfallenen Land, das sich anschließend dem größenwahnsinnigen Zarenreich-Erneuerer Putin wehrlos ausgeliefert sähe. Da muss die Sehnsucht nach weiteren Auftritten bei "Anne Will" schon sehr groß und das narzisstische Verlangen nach öffentlicher Wahrnehmung beinahe pathologisch ausgeprägt sein, um ernsthaft eine solche Position triumphierend in die Öffentlichkeit zu tragen, als hätte man gerade eigenhändig den dritten Weltkrieg verhindert.

Leerdenken leichtgemacht

Und auch die Lernkurve der beteiligten Edelfedern mit Buchabsatz-Störung, Hobbyphilosophen mit Talkshow-Turkey und den anderen Ensemble-Mitstreitern des Musicals "Frieden schaffen nur mit Gaffen" scheint eher dem aktuellen Kurs des Bitcoins zu gleichen als einer Erfolgsstory. Während Richard David Travolta und Olivia Newton-Zeh darauf hoffen, demnächst mit der Goldenen "Darüber wird zu reden sein"-Medaille ausgezeichnet zu werden, weht ihnen eine steife Querdenker-Brise euphorischer Zustimmung entgegen.

Schon beim ersten Offenen Brief, der als Kleinod gnadenloser Selbstinszenierung in die Geschichtsbücher eingehen wird, gab es quasi ausschließlich Jubel aus einer Ecke, von der man normalerweise hofft, man hätte schon alle lange bei Twitter geblockt. Eine bildungsferne Melange aus Ex-Kommentarspalten-Topvirologen, die inzwischen auf Putinversteher umgeschult haben, AfD-Claqueuren, Absolventen der Telegram-Universität für Selbstdenker und "Great Reset"-Schwurblern. Und was soll ich sagen: Geschichte wiederholt sich.

Endlich mal für Precht und Ordnung sorgen

Ich glaube, es war Albert Einstein, der mal gesagt hat "Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten". Was die Kompanie der Kriegswegschwafler dazu bewogen hat, davon auszugehen, dass sie für ihren bahnbrechenden Vorschlag, die Parteien sollten unbedingt zu Verhandlungen gedrängt werden, dieses Mal plötzlich Applaus aus einer Richtung bekommen würden, für die man sich nicht den Rest seines Lebens schämen muss, wird wohl das Geheimnis von Friedensengel Precht und seiner Arbeitsgemeinschaft "Diplomatie für Dummies" bleiben. Klug genug, um zu wissen, dass es kein Zufall ist, dass die Schnittmenge zwischen Impfgegnern und Waffenlieferungsgegnern sogar größer ist als die Schnittmenge zwischen CEOs von Mineralölkonzernen und Christian Lindner Fans, sind die meisten der Unterzeichner ja eigentlich.

Die Laudatio bei der Preisverleihung des auf "Cool Precht & The Offene Brief Gang" wartenden Friedensnobelpreises halten natürlich Sahra Wagenknecht und Markus Lanz, das dynamische False Balance Duo der Öffentlich-Rechtlichen. Danach werden der Rummeltruppe der Realitätsverweigerer noch schnell Ehren-Diplomatenpässe verliehen. Die Forderung, die Ukraine sollte bitteschön alleine klar kommen, weil wir ihren Niedergang nicht noch in die Länge ziehen möchten, ignoriert zwar zum einen, was die Ukraine möchte, die in diesem Ränkespiel der Pseudointelligenz (überraschend offenbar auch für Herrn Precht) immer noch das Opfer ist. Und auch, was Russland dort bereits für Gräueltaten begangen hat. Zum anderen wird ignoriert, dass ein militärisches Einknicken vor dem russischen Angriffskrieg nicht für Frieden, sondern für das Gegenteil sorgen würde – nämlich einen Freifahrtschein für Putin.

Diplomatie für Dummies

Aber zurück nach Berlin. Was ist denn nun gleich an Berlin und New York? Dass alle lieber Leo diCaprio als Jakob Augstein beim Essen begegnen möchten - klar. Die Antwort lautet daher: Das Wetter. Berlin und New York haben, wenn man es genau betrachtet, kaum wunderschöne Tage. Es ist entweder viel zu heiß oder viel zu schmuddelig. Entweder man möchte 24 Stunden am Tag unter der eiskalten Dusche schlafen, oder ein bitterkalter Wind schält dir die letzte jugendliche Feuchtigkeit aus den Pausbäckchen.

Dort jedenfalls, in Berlin, spaziere ich an diesem Samstagabend vom Bebelplatz zum Hackeschen Markt und sehe eine Gruppe älterer, eher konservativ gekleideter Menschen. Ich stelle mir vor, drüben im Kronprinzenpalais wäre die Jahreshauptversammlung der Stiftung "Frieden schaffen mit Offenen Briefen" und Precht, Zeh, Flaßpöhler, Augstein, Yogeshwar und ihre Entourage aus Waffenlieferungs-Verhinderern würden gerade gemütlich zum klassenfahrtähnlichen Friedensdinner spazieren. Dann kommen aber plötzlich zehn schwarze Vans und je acht schwer bewaffnete Gangmitglieder springen aus jedem Wagen, die umgehend damit anfangen, auf den Friedensmarsch der Zeugen Zehs zu schießen. Während bereits die ersten Unterzeichner im Kugelhagel feststellen, dass Offene Briefe nicht als Schutzschild gegen echte Kugeln taugen, schreien andere in Panik um Hilfe und erbitten Waffen, damit sie ihre Leben so gut wie möglich verteidigen können und verhindern, dass am Ende alle niedergemetzelt werden.

Als konsequent folgsame Ritter der prechtschen Schwafelrunde entscheiden die umstehenden Passanten und die herbeieilenden Polizisten aber natürlich, zunächst einen Offenen Brief an den Berliner Senat zu schreiben, damit die erstmal alles daransetzen, die Kontrahenten an den Verhandlungstisch zu bringen. Denn Waffenlieferungen und ein Einmischen von Außerhalb des Konflikts verlängern ja nur die Kampfhandlung. Außerdem könnten die Angreifer dann sauer auf uns Unbeteiligte werden. Und überhaupt: 80 bewaffnete Gangster gegen 21 Briefe schreibende Friedenstauben, der Konflikt ist doch ohnehin nach spätestens zwei Minuten entschieden.

Was soll man da groß helfen oder intervenieren? Diplomatie ist das Stichwort! Das teilen wir dann auch noch schnell Precht und den paar noch lebenden Mitunterzeichnern mit und widmen uns dann wieder unseren eigenen Problemen. Man kann sich nicht um alles kümmern, vor allem wenn man sonst selbst zur Zielscheibe werden könnte. Zivilcourage ja, aber nicht, wenn es unbequem werden könnte. Dann müssen warme Worte reichen.

Dann wache ich auf. Es ist schon lange Sonntag und ich habe verschlafen. Außerdem hatte ich einen dubiosen Traum. Draußen Unter den Linden suchen Touristen das Brandenburger Tor und Influencer springen in ihre Handykameras. Niemand hat irgendwen überfallen. Keiner wurde verletzt. Also, jedenfalls keiner, dessen Name hier heute genannt wurde. In der Ukraine sind dagegen viele Menschen verletzt worden, viele getötet. Zivilisten darunter, vermutlich sogar Kinder. Zum Glück gibt es aber Juli Zeh und Richard David Precht, die dieses Horrorszenario in der Ukraine per Brief beenden können. Entspannt und friedlich schlummere ich wieder ein. Die Macht der Diplomatie, gepaart mit der intellektuellen Wucht der Eloquenz. Da kann ich zwar nicht mithalten, aber immerhin ist dann jetzt Frieden. Also, bald. Wahrscheinlich. Oder es gibt im August halt wieder einen Offenen Brief.

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