• Wichtige Ministerinnen der Bundesregierung werden nicht zu den Olympischen Spielen in Peking reisen.
  • Die Grünen sprechen sich wegen der Menschenrechtslage in China für einen generellen diplomatischen Boykott aus.
  • Der CDU-Politiker und Olympiasieger Jens Lehmann findet: Am besten wäre es, wenn die Spiele künftig immer am gleichen Ort stattfinden.

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Russlands Präsident Wladimir Putin wird dabei sein. Genau wie der UNO-Generalsekretär, die Staatsoberhäupter von Polen, Ägypten und Saudi-Arabien und der Großherzog von Luxemburg. Lang ist aber auch die Liste der Staaten, die keine hochrangigen Vertreter schicken, wenn am Freitag in Peking die Olympischen Winterspiele eröffnet werden.

Die USA, Großbritannien, Australien und Japan haben angekündigt, dass ihre Spitzenpolitiker in China nicht mit von der Partie sein werden. Und auch aus Deutschland gab es schon im Vorfeld Absagen: Außenministerin Annalena Baerbock und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht haben klargestellt, dass sie nicht nach Peking reisen.

Das hätten sie wahrscheinlich ohnehin nicht gemacht, relevanter ist aber die Absage von Nancy Faeser. Die Bundesinnenministerin ist auch für den Sport zuständig. Als Peking 2008 die Sommerspiele austrug, war der damalige Ressortchef Wolfgang Schäuble noch ins Reich der Mitte gereist.

Grüne sprechen sich für "diplomatischen Boykott" aus

Ab Freitag wird die Weltöffentlichkeit also wieder nach China schauen. In ein Land, dessen kommunistisches Regime die eigene Bevölkerung überwacht und Minderheiten wie die muslimischen Uiguren massiv unterdrückt.

Die Grünen fordern nicht nur deswegen einen generellen diplomatischen Boykott der Spiele - dass also überhaupt keine Regierungsvertreter anreisen. "Ein diplomatischer Boykott ist ein wichtiges Signal", sagt der Bundestagsabgeordnete Philip Krämer im Gespräch mit unserer Redaktion. "Nicht nur wegen der Menschenrechtslage in China, wo ganze Bevölkerungsgruppen unterdrückt werden. Die chinesische Regierung nutzt diese Spiele auch als Propagandaspiele, um sich im Ausland offener und freiheitlicher darzustellen, als sie tatsächlich ist", sagt Krämer, der auch stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag ist.

Jens Lehmann
Jens Lehmann bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona während der Einerverfolgung.

Ex-Olympiasieger Jens Lehmann: "Sportler sind keine Diplomaten im Trainingsanzug"

"Mich ärgert es, wenn diese Dinge kurz vor Olympia hochgekocht werden", sagt Jens Lehmann im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Leipziger war einst selbst erfolgreicher Radsportler: Er fuhr 1992 und 2000 in der Mannschaftsverfolgung zu Olympia-Gold und in der Einerverfolgung zu Silber, sammelte zahlreiche deutsche Meistertitel. Seit 2017 sitzt er für die CDU im Bundestag.

Man merkt Lehmann an, dass er mit den aktuellen Diskussionen nicht viel anfangen kann. Niemand bestreite die Menschenrechtsverletzungen in China, sagt er. Wenn die Außen- und die Verteidigungsministerin nicht nach Peking reisen, dann seien das aber vor allem "Symbole". "Das sind Themen, für die Politiker und Diplomaten zuständig sind. Sportler sollen natürlich eine Meinung haben und sie vor Ort auch sagen dürfen. Aber sie sind keine Diplomaten im Trainingsanzug", sagt Lehmann.

"Wenn man die politische Situation so klar verurteilt, hätte ich mir ein deutlicheres Zeichen gewünscht, auch vom Bundeskanzler", sagt Lehmann. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte lange offen gelassen, ob er nach Peking fährt. Am Mittwochabend sagte er dann im ZDF, er habe "keine Reisepläne".

Jens Lehmann wirbt dafür, die Perspektive der Athleten einzunehmen: Die hätten sich jahrelang auf dieses Ereignis vorbereitet, inmitten von allen Unwägbarkeiten und Hindernissen durch die Pandemie. "Grundsätzlich glaube ich, dass die Chinesen die Spiele sehr gut ausrichten werden", sagt er. "Das sind sicher für uns gewöhnungsbedürftige Bilder, wenn die Leute in Schutzanzügen herumlaufen und das Essen mit dem Roboter kommt. Das hat mit dem olympischen Gedanken als Treffpunkt der Weltjugend nicht mehr viel zu tun. Die Alternative wäre aber gewesen, die Spiele ganz abzusagen. Das wäre für einen Sportler, der Jahre darauf hintrainiert, aber sehr bitter gewesen. Ich hätte diese Entscheidung nicht treffen wollen."

Olympia 2022: War schon die Vergabe ein Fehler?

Dass die aktuelle Debatte zu spät kommt, findet auch der Grünen-Abgeordnete Philip Krämer. "Der Fehler wurde schon gemacht, als die Spiele an China vergeben wurden", sagt er. "Diese Großveranstaltungen sollten nur noch in Ländern stattfinden, die Mindeststandards an Demokratie und Menschenrechten erfüllen und die auch die ökologischen Auswirkungen möglichst gering halten."

Allerdings befindet sich Deutschland bei dieser Frage in einer schwierigen Lage. Einerseits lassen sich Politik und Sport bei Großveranstaltungen nicht mehr trennen. Die Menschenrechtslage in den Ausrichterländern wird hierzulande kritischer verfolgt als früher. Das gilt auch für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar im kommenden Winter. Sie steht nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch wegen der Behandlung von Minderheiten und Arbeitskräften massiv in der Kritik.

Andererseits sind die Olympischen Spiele eine Veranstaltung der Weltgesellschaft, zu der eben auch viele Staaten gehören, in denen die Demokratie westlichen Standards nicht entspricht. Zudem hat Deutschland kein glückliches Händchen bewiesen, wenn es darum ging, selbst die Spiele auszurichten.

In Hamburg und München sind Olympia-Bewerbungen in den vergangenen Jahren am Veto der Bürgerinnen und Bürger gescheitert. "Es ist für uns in Deutschland auch eine Herausforderung, wieder vor Ort bei der Bevölkerung für Begeisterung für die Olympischen Spiele zu sorgen", sagt Philip Krämer.

Lehmann: "Spiele an einen festen Standort geben"

CDU-Politiker Jens Lehmann macht in diesem Zusammenhang einen Vorschlag: "Die Vergaben der Olympischen Spiele oder der Fußball-Weltmeisterschaften haben doch immer zu Diskussionen geführt", sagt er. "Man kommt aus der Situation nur raus, indem man zu den Wurzeln zurückkehrt. Ich plädiere dafür, dass man die Olympischen Spiele an einen festen Standort gibt."

Athen käme zum Beispiel für die Sommerspiele in Betracht, schließlich sind die Olympischen Spiele einst im antiken Griechenland erfunden worden. Für die Winterspiele müsste sich das Internationale Olympische Komitee aber wohl anderswo umschauen

Die Idee klinge vielleicht naiv, sagt Lehmann. Utopisch findet er sie aber nicht: "Das würde den Kommerz einschränken und wäre auch für die Nachhaltigkeit besser. Man hätte Sportstätten, die man dauerhaft benutzen kann und nicht jedes Mal neu bauen muss. Die Sportler könnten sich bestimmt damit anfreunden. Es geht ihnen ja nicht in erster Linie um das Reisen, sondern um den Wettkampf."

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Philip Krämer
  • Gespräch mit Jens Lehmann