"Turning Point USA" will weniger: Steuern, Staat, Regulierung. Vor allem möchte die Organisation Donald Trump weiter im Präsidentenamt sehen. Um die Stimmung im Wahlkampf zu beeinflussen, bezahlen sie sogar Jugendliche für Troll-Postings.

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Es dürfte normal sein, dass einige US-Jugendliche in den Wochen vor den Präsidentschaftswahlen auf ihren Social-Media-Profilen für Donald Trump werben. Überraschend ist jedoch, dass Teenager im US-Bundesstaat Arizona dies koordiniert getan und dafür sogar Geld bekommen haben sollen, wie die "Washington Post" berichtet.

Hinter der Troll-Farm steckt demnach die rechtspopulistische Organisation "Turning Point USA" (TPUSA). Ihr Vorgehen ist hoch umstritten - nicht nur weil es Trumps demokratischen Herausforderer Joe Biden zusetzen könnte.

Tausende Postings auf Twitter, Facebook und Instagram sollen die teils Minderjährigen im Auftrag einer Unterorganisation von TPUSA abgesetzt haben, die gegen die Richtlinien der Social-Media-Plattformen verstoßen. Die "Washington Post" und ein unabhängiger Datenanalyst hätten insgesamt 4.500 Postings allein auf Twitter identifiziert, deren Inhalt nahezu identisch war. Es wird davon ausgegangen, dass diese Anzahl Tweets nur einen Bruchteil der gesamten Schwemme an Kommentaren darstellt.

Ziel der Kommentare und Postings sei es unter anderem gewesen, den Immunologen Dr. Anthony Fauci zu diskreditieren, der die US-Regierung in der Corona-Strategie berät, oder Behauptungen zu verbreiten, es habe Manipulationen in den vergangen US-Wahlen gegeben. Alles, um die Demokraten im Wahlkampf zu schwächen und Trump Rückenwind zu verschaffen.

Es soll der Anschein einer Jugendbewegung erzeugt werden

Es ist eine Sache, solche Behauptungen aus eigener Überzeugung zu verbreiten, eine ganz andere, dies im Auftrag einer Organisation zu tun, dies nicht kenntlich zu machen und schließlich noch dafür Geld zu nehmen.

Deswegen hätten die Trolle gegen die Nutzungsbedingungen der großen Social-Media-Plattformen verstoßen. "Diese Organisationen wollen, dass es so aussieht, als ob es sich hier um eine echte gewachsene Jugendorganisation handelt", erklärt Politikwissenschaftler Curd Knüpfer auf Anfrage unserer Organisation. Knüpfer forscht an der Freien Universität Berlin schwerpunktmäßig zu US-Politik und -Medien. Das Problem sei, dass diese von Interessengruppen finanziert würden, bei denen es schwierig bis gar nicht nachvollziehbar sei, wer diese sind.

Charlie Kirk steht an der Spitze von TPUSA.

Millennials sollen für konservative christliche Werte begeistert werden

TPUSA veröffentlicht auf seiner Website und seinen Social-Media-Kanälen mit Millionen von Followern professionell produzierte Videos und Memes.

Die Überschriften sind prägnant - und zielen alle in eine eindeutige Richtung: "Socialism Sucks" (Sozialismus stinkt), "BLM Co-Founder Teams With Communist China Group" (Black-Lives-Matter-Mit-Gründer macht sich mit kommunistischer China-Gruppe gemein). Dazu kommen Verschlagwortungen wie "#BigGovSucks" (Viel Staat stinkt).

Es gehe laut Knüpfer darum, junge Menschen für konservative christliche Werte zu begeistern - und damit für Trump. Besonders an Universitäten, die von Republikanern als besonders linke Orte wahrgenommen werden, versuche TPUSA zu diesem Zweck seine Mitglieder zu rekrutieren.

Männer mit Geld und Angst vor einem zu liberalen Amerika

An der Spitze von TPUSA steht der heute 26-Jährige Charlie Kirk, der laut einem Artikel von "Politico" nur einen Tag nach seinem Oberschulabschluss in einem Chicagoer Vorort im Jahr 2012 die Organisation gegründet haben soll.

Kirk wird beschrieben wie der Stereotyp eines guten Schwiegersohns: Großgewachsen, schlank, die Haare stets ordentlich gescheitelt, dunkler Anzug und redegewandt sei er.

Für einen möglichst ungeregelten freien Markt ohne staatliches Einmischen habe er sich mit TPUSA einsetzen wollen und hierfür Geld bei einflussreichen Geschäftsmännern gesammelt. Die meisten von ihnen sollen "Politico" zufolge Familienunternehmer sein, darunter auch einige Milliardäre oder Nachkommen von solchen. Allesamt Männer, die auch nach vier Jahren Trump-Regierung die Sorge umtreibt, die Vereinigten Staaten könnten zu liberal werden.

Einer dieser Männer war TPUSA-Mitbegründer Bill Montgomery. Der Unternehmer starb dieses Jahr an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Ausgerechnet jene Krankheit, deren Gefahr seine eigene Organisation ständig herunterzuspielen versucht.

Die Troll-Farmen folgen einem bewährten Muster

Wahlkämpfe in den USA werden grundsätzlich massiv mit Geldspenden finanziert, sagt Knüpfer von der FU Berlin. Allerdings gebe es schon einen Unterschied zwischen den Republikanern und Demokraten. Demokratischen Politikern wie zum Beispiel Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez gelinge es deutlich besser, Wähler zu mobilisieren, die wiederum aus eigener Überzeugung aktiv im Wahlkampf würden.

Michael Bloomberg, ehemaliger Bürgermeister von New York City, hatte zwar eine Milliarde Dollar für seinen Wahlkampf als demokratischer Präsidentschaftskandidat ausgegeben - viel davon jedoch aus eigener Tasche. Politikwissenschaftler Knüpfer zufolge sei es Bloomberg aber damit gelungen, Influencer und Aktivisten dazu zu bringen, über die Wahlkampfthemen der Demokraten zu sprechen.

Strategiewechsel im Wahlkampf der Republikaner

Seit den 1980ern könne man dagegen bei den Republikanern beobachten, dass diese eine umgekehrte Strategie verfolgten. Sie versuchen einerseits dafür zu sorgen, dass die eigene Gefolgschaft wählt. Andererseits soll das demokratische Kernklientel demobilisiert werden, vor allem Schwarze und andere Minderheiten. Jene, die eher den Demokraten stehen, sollen erst gar nicht zur Wahl gehen - unter anderem in dem sie verunsichert werden.

Ein Beispiel sei aktuell die Stimmungsmache Trumps gegen die US-Post, sagt Politologe Knüpfer. Die Kampagne, die auch online von Anhängern und Trollen weitergetragen wird, könnte viele potentielle Briefwähler von einer Stimmenabgabe abhalten.

Dass nun Facebook und Twitter derlei irreführende Postings sperrten, spiele den Republikanern möglicherweise sogar in die Karten, glaubt Knüpfer. "Denn was genau gegen die Nutzungsbedingen verstößt, da sind die Definitionen nicht ganz klar." Zudem behauptet TPUSA fortwährend, dass in der US-Öffentlichkeit und in den vornehmlich demokratisch geprägten Massenmedien politische Korrektheit überhand nehme. Kritiker würden dann vorschnell verurteilt oder deren Stimme sogar unterdrückt.

Über den Experten:
Curd Knüpfer ist Junior-Professor für Politikwissenschaften an der Freien Universität in Berlin. Er forscht darüber, wie sich die Medienlandschaft in Nordamerika verändert mit einem Schwerpunkt auf rechte Medien und rechter Politik.

Verwendete Quellen: