Tausende Tote, Millionen auf der Flucht, und der Vormarsch Russlands in der Ukraine geht weiter. Bei "Anne Will" fordert Ukraines Botschafter Melnyk mehr Waffen und eine Flugverbotszone – und lässt sich selbst von Annalena Baerbocks Warnung vor einem Atomkrieg nicht überzeugen.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Der Rubel stürzt ab, die Oligarchen werden nervös – die westlichen Sanktionen treffen Russland hart, und verfehlen ihr Ziel doch: Der Angriff auf die Ukraine läuft weiter, mit immer heftigeren Bombardements wie in Mariupol. "Krieg gegen die Ukraine – wie weit wird Putin gehen?", fragt Anne Will am Sonntagabend ihr Gäste.

Außenministerin Annelena Baerbock zeigt sich im Interview zerknirscht über die "Wahl zwischen Pest und Cholera", die sich den Diplomaten gerade biete. Und der ukrainische Botschafter fordert von Deutschland und der Nato mehr Engagement – auch auf die Gefahr eines Atomkriegs hin.

Das sind die Gäste bei "Anne Will"

"Es zerreißt mir das Herz", sagt Außenministerin Annalena Baerbock angesichts des Leids der Bevölkerung in der Ukraine. "Trotzdem müssen wir einen kühlen Kopf bewahren". Das heißt für die Grüne: Eine Flugverbotszone, so "richtig und defensiv" sie klinge, sei unmöglich – weil der Konflikt dann in einen Weltkrieg eskalieren könnte.

Für den ukrainischen Botschafter Andrij Jaroslawowytsch Melnyk nur eine "Ausrede". Er zeigt sich enttäuscht von Berlin - seit Olaf Scholz dramatischer 180-Grad-Wende in der Sicherheitspolitik habe die Ukraine statt Waffen nur 50.000 Esspakete für die Armee erhalten: "Die 'Zeitenwende' ist aus unserer Sicht nur eine leere Worthülse."

Wenn die Ukraine fällt – zieht Putin dann weiter Richtung Baltikum und bis Berlin? Davor warnte Wolodymyr Selenskyj jüngst, FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff hält das für übertrieben. Moldau und Georgien seien stark gefährdet, das Baltikum, Polen oder gar Deutschland nicht: "Putin wird vor der Nato-Grenze Halt machen."

Noch ist die Ukraine längst nicht besiegt. Ex-Nato-General Egon Ramms sieht sogar eine Chance, dass die Ukraine den Krieg gewinnen kann. "Russland hat die Moral der Soldaten und der Bevölkerung falsch eingeschätzt."

Wenn Russland den Krieg nicht gewinnen kann, werde es schwierig, einen Ausweg zu finden, meint EU-Klimaschutzkommissar Frans Timmermans: "Putin kennt keinen Schritt zurück. Er kann nur eskalieren."

Russland-Ukraine-Krieg bei "Anne Will": Der Moment des Abends

Fast eine Milliarde Euro pro Tag. So viel Geld fließt aus Europa nach Russland, im Gegenzug für Öl und Gas. Macht 365 Milliarden Euro im Jahr, oder sechs russische Verteidigungshaushalte, wie der ukrainische Botschafter Melnyk vorrechnet.

Enorme Zahlen, enormer Hebel - könnte man mit den Energielieferungen also auch Putins Invasion stoppen? Nicht mit Sicherheit, meint FDP-Mann Lambsdorff, schließlich verfolge Russland trotz der Sanktionen noch über genügend Geldreserven. So ein Importstopp müsse auch "über Monate" halten, erklärt Außenministerin Baerbock, und daran kann man angesichts der erheblichen Folgen - Energieknappheit, Inflation, Wirtschaftseinbruch – seine Zweifel haben, die unter der Woche schon Wirtschaftsminister Robert Habeck so zusammengefasst hatte: "Der soziale Friede wäre gefährdet."

Eine Abwägung, die beim ukrainischen Botschafter für einen, nach diplomatischen Maßstäben, mittelschweren Wutausbruch sorgt – und einen irritierenden Zynismus: "Ich frage mich, was ist aus Deutschland geworden, dieser großen Nation? Angst ist jetzt der Ratgeber: 'Atomkrieg – oh Gott, bloß nichts tun, damit wir nichts riskieren. Energiestopp – der soziale Frieden ist gefährdet.' Es kann doch nicht sein, dass man wie das Kaninchen vor der Schlange steht."

Trotz Krieg: Russisches Gas fließt weiter in den Westen

Russisches Gas fließt nach Angaben des Staatskonzerns Gazprom weiter im normalen Umfang über die Ukraine nach Westen. Moskau hatte immer bekräftigt, dass Russland trotz des Angriffs auf die Ukraine weiter Erdgas liefere. Doch ist das sicher?

Das Rededuell des Abends

Weil Außenministerin Baerbock nur für das einleitende Interview mit Anne Will zugeschaltet wird, übernimmt FDP-Außenpolitiker Lambsdorff den undankbaren Job, die Ampel-Linie gegenüber Melnyk zu rechtfertigen. "Bei allem Verständnis für das aufgewühlt sein", setzt der Liberale seinem Gegenüber noch einmal die Situation in einer Flugverbotszone auseinander: "Dann haben wir Luftkämpfe der zweitgrößten Nuklearmacht Russland gegen die größte Nuklearmacht USA. Dann sind wir an der Schwelle zum Atomkrieg." Die Bundesregierung tue, was sie könne – aber sie könne nicht "sehenden Auges den 3. Weltkrieg riskieren".

Ein Ausblick, der Melnyk offenbar nicht mehr schreckt. Er setzt gleich die nächste Irritation – und plädiert offenbar für eine Art Präventivschlag gegen Putin: "Sie verzögern diesen Krieg nur. Wenn Putin diesen Krieg will ... ob sie wollen oder nicht, er könnte auf Deutschland zurollen. Das kann man hier und jetzt verhindern. Die präventive Diplomatie hat versagt."

So hat sich Anne Will geschlagen

Die Gastgeberin lässt ihre Zuschauer mit den forschen Andeutungen Melnyks allein – keine Nachfrage, keine Einordnung. Dabei wäre es doch interessant zu wissen, was die Ukrainer sich erwarten, abseits der Wunschlisten, die ins Außenministerium geschickt werden.

Soll Deutschland, soll die Nato wirklich eine offene Konfrontation mit Russland riskieren? Oder sollen die Menschen hierzulande die Heizungen abdrehen, das Auto stehen lassen, sollen die Fabriken schließen, damit kein Euro mehr in Moskaus Kriegskasse landet? Was sind die "kreativen Lösungen", die Melnyk fordert? Liegen die Optionen auf dem Tisch, könnte man sie debattieren – so bleiben Melnyks Einwürfe nur interessante Provokationen, mehr nicht.

Das ist das Ergebnis

Das Wichtigste, daran erinnert Außenministerin Baerbock, sei das schnelle Ende des "Desasters" in der Ukraine. Dafür stünden auch noch weitere Sanktionen bereit. Welche, sagt sie nicht – genau wie sie Details zu weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine lieber "nicht in der Öffentlichkeit diskutieren" will. Ein Signal an Melnyk, dass sein Land mit weiteren Raketen rechnen kann?

Kommt der Frieden nicht, stehe das Schlimmste noch bevor, befürchtet FDP-Mann Lambsdorff - vor allem für den Fall, dass die Militärs im Kreml ungeduldig werden. Schon jetzt bombardiert Russland Wohngebiete, der Kampf um die großen Städte Kiew, Lemberg und Charkow könnte noch mehr Zivilisten treffen. "Die große Angst ist, dass Russland aus Verzweiflung die Grausamkeit erhöht." Eine Angst, die Ex-Nato-General Ramms teilt: "Putin könnte durch Bombenangriffe die Städte als Geisel nehmen."

Selbst wenn Russland den Krieg militärisch erfolgreich beende, meint EU-Kommissar Frans Timmermans, werde es das Land aber "nie kontrollieren". Stimmt die Analyse, wäre die Frage des Abends schon teilweise beantwortet: Putin ist bereits zu weit gegangen. Über das Ziel hinaus.

Bildergalerie starten

Fünfte Kriegswoche in der Ukraine: Die Ereignisse in Bildern

Am 24. Februar hat Russland auf Anordnung von Präsident Wladimir Putin mit einem breit angelegten Angriff auf die Ukraine begonnen. Nun geht der Krieg bereits in die fünfte Woche. Millionen Menschen sind auf der Flucht und immer mehr Städte in der Ukraine von den Kämpfen betroffen.
Teaserbild: © NDR/Wolfgang Borrs