Die Menschen gehen wieder raus, die Reproduktionszahl steigt: Waren die Lockerungen in der Coronakrise doch keine so gute Idee? Eine Expertin rät bei "Anne Will" eindrucksvoll zur Notbremse. Aber Wolfgang Kubicki hat was dagegen.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Auf die schweren Wochen der Disziplin folgt die Ungeduld: Tracking-Daten verraten, das sich die Menschen in Deutschland fast schon wieder so viel draußen bewegen wie vor Corona, in Umfragen plädiert ein immer höherer Prozentsatz der Befragten für weitreichendere Lockerungen. Irgendwie weiter, raus aus der Starre, diesen Eindruck vermitteln auch die Gäste bei "Anne Will" - nicht nur der notorische Unruhestifter Wolfgang Kubicki. Eine Krankheits-Forscherin übernimmt aber eindrucksvoll die Rolle der Corona-Notbremse.

Was ist das Thema bei "Anne Will"?

Es ist der schmale Grat zwischen Mut und Fahrlässigkeit, auf dem Deutschland in der Coronakrise gerade wandelt. "Wir können uns ein Stück Mut leisten", sagte Angela Merkel, als sie am Mittwoch die weiteren Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen verkündete. Nun liegt die Reproduktionszahl wieder über dem kritischen Wert 1, ab dem der Anstieg der Neuinfektionen exponentiell wird. "Deutschland macht sich locker – ist das Corona-Risiko beherrschbar?", fragt Anne Will deswegen in ihre Runde.

Wer sind die Gäste?

Das Risiko wäre beherrschbar, den Ausbruch unter Kontrolle zu halten, wäre "fast ein Kinderspiel" - hätte die Regierung die Beschränkungen noch ein paar Wochen weiter aufrechterhalten, meint Forscherin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut. Mit den Lockerungen aber habe man quasi mitten in einem Waldbrand die Löscharbeiten eingestellt: "Wir sind fast fertig, haben nur noch ein paar Brandherde - und gehen nach Hause."

"Wir waren sehr umsichtig", sagt dagegen die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD). Man müsse aber die Balance wahren zwischen der Vorsicht und den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen eines Lockdowns.

FDP-Vize Wolfgang Kubicki (FDP) setzt auf die Eigenverantwortung. Für ihre Sicherheit und die ihrer Angehörigen seien die Menschen selbst zuständig: "Wenn jemand Angst hat, dann soll er zu Hause bleiben."

Peter Dabrock, früher Chef und noch immer Vorstand des Deutschen Ethikrates, sieht in diesem Weg auch ein Angebot an jene, die zweifeln – und vielleicht beim "kruden Gebräu" von Verschwörungstheoretikern landen. Die "Attilas und Kens und Xaviers" bekomme man wohl nicht mehr zurück, aber man müsse um die Menschen kämpfen, die "auf dem Boden des Grundgesetzes stehen".

Für die Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst spricht Ute Teichert. Sie hält die Gesundheitsämter personell nicht gerüstet für die Aufgabe, die Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen. Eine App würde die Behörden nicht entlasten, meint sie: "Dann kommen diejenigen zu uns, die von der App alarmiert wurden."

Was ist der Moment des Abends?

Dass vor dem Coronavirus nicht alle gleich sind, dürfte mittlerweile hinreichend geklärt sein – aber manch bittere Erfahrung teilen in diesen Wochen auch Ministerpräsidentinnen mit den weniger privilegierten Teilen der Gesellschaft: Lange Zeit konnte Malu Dreyer ihre Mutter nicht im Pflegeheim besuchen, als sie vor zwei Tagen zum ersten Mal wieder vorbeischauen konnte, waren Berührungen tabu. "Mir blutet das Herz", bekannte Dreyer.

Was ist das Rede-Duell des Abends?

Wenn sich ein Jurist und Wadenbeißer wie Wolfgang Kubicki in die Situation der 800.000 Pflegebedürftigen einfühlt, klingt das so: "Viele Menschen waren sieben Wochen auf ihrem Zimmer, das ist wie Einzelhaft." Der FDP-Mann formulierte wie gewohnt stammtischgerecht und lieferte sich dabei die gesamte Sendung über eine Art Fernduell mit Viola Priesemann, die nur per Schalte in die Diskussion eingreifen konnte.

Die Forscherin beschäftigt sich mit der Ausbreitung von Krankheiten und sieht die Reproduktionszahl mit Sorge: Die Steigerung über den Wert 1, erklärt sie, rührt von den Lockerungen aus dem April her – wie sich der neue Kurs niederschlägt, werde man erst in einigen Wochen sehen.

Letztlich, räumt Priesemann ein, seien aber natürlich nicht nur epidemiologische Gesichtspunkte ausschlaggebend gewesen, die Entscheidung liege eben bei der Politik. Die könne aus zwei Optionen wählen: "Wollen wir den Ausbruch kontrollieren oder mittelfristig mit unkontrollierten Ausbrüchen leben?" Das sei sozusagen die "chronische Version" der Pandemie. In dieser Version gebe es aber keine Sicherheit und kein Vertrauen, das die Menschen wieder in Restaurants und Geschäfte gehen lässt, kurz: keinen Wirtschaftsaufschwung.

Ein Argument, das Kubicki eigentlich beeindrucken müsste, aber der FDP-Mann bezweifelt schon Priesemanns Grundannahmen: Er glaubt, Deutschland sei "über den Berg", trotz der gestiegenen Reproduktionszahl, die er "nicht plausibel" findet - und überhaupt: "Ich weiß nicht, was wir mit dieser 1,1 anfangen sollen." Er könnte jetzt fragen, wann hat man schon eine echte und ausgewiesene Expertin fast für sich allein - aber Kubicki will ja nicht wirklich etwas wissen.

Das letzte Wort im Privatduell hat übrigens Viola Priesemann mit einer leisen Stichelei zum Ende der Sendung, als sie nochmal für striktere Maßnahmen wirbt: "Das ist auch eine Zahl vielleicht für Herrn Kubicki zur Orientierung: die Anzahl der Neuinfektionen. Das ist das, was uns etwas kostet. Jede Neuinfektion hat das Risiko, dass eine Firma geschlossen werden muss, dass die Krankheit in ein Altenheim getragen wird." Erst, wenn Infektionsketten unterbrochen werden können, könnte man "viel mehr Freiheiten für andere Leute" erlauben. Noch so ein Argument, das Kubicki eigentlich hellhörig machen müsste. Wenn er zuhören wollte.

Wolfgang Kubicki (FDP) lieferte sich ein Fernduell mit der zugeschalteten Forscherin Viola Priesemann (im Hintergrund).

Wie hat sich Anne Will geschlagen?

Keine Spur von Corona-Müdigkeit, mit Tempo und Schärfe führt Will durch die gefühlt 173. Talkshow zum alles bestimmenden Thema der vergangenen Wochen. Mit einer Ausnahme: Die eigentlich so emotional aufgeladene Diskussion um die Geisterspiele in der Bundesliga kommt nicht so recht in Fahrt – bis Ute Teichert engagiert dem Vorwurf widerspricht, das Gesundheitsamt Köln hätte beim FC Kölle anderthalb Augen zugedrückt und dem wichtigsten Verein der Stadt eine Quarantäne erspart, wie sie Dynamo Dresden nun antreten muss. Die Fälle lägen komplett verschieden, die Behörden kontrollierten gewissenhaft. "Die beobachten sogar das Training", sagt Teichert.

Und fängt sich eine verwunderte Nachfrage der erklärten FC-Anhängerin Will ein: "Warum hat das Amt Zeit, das Training zu beobachten, wo sie uns sagen, sie haben kaum Personal?"

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Was ist das Ergebnis?

Tests, Tests, Tests - so lautet der kleinste gemeinsame Nenner der Runde. Beim Ausmaß unterscheiden sich die Meinungen: Malu Dreyer spricht sich für "fokussiertes Testen" aus, weil bei den derzeitigen niedrigen Fallzahlen in den Screenings "fast nichts rauskommt". Theologie-Professor Peter Dabrock fordert flächendeckende Tests für die Pflegebedürftigen und das Personal in den Heimen - "und dann erst für die Bundesliga".

All das hätte man "schon vor acht Wochen" machen müssen, wettert Kubicki. Und die ewige Debatte um die App nervt den FDP-Mann nur noch, "weil die Bundesregierung da einfach nicht aus den Puschen kommt." Da ist wohl noch etwas Geduld gefragt – aber wer hat die schon noch?

Obergrenze durchbrochen: Erste Notbremsen wegen Corona

Auf die Lockerung folgt die erste Nagelprobe: Nun müssen Behörden vor Ort zeigen, ob sie einem starken Ausbruch des Coronavirus gewachsen sind. Schlachthöfe in NRW und in Schleswig-Holstein sind betroffen. (Teaserbild: imago images/Kirchner-Media)