2011 wählten die Bundesliga-Profis Deniz Aytekin noch zum schlechtesten Schiedsrichter in der höchsten deutschen Spielklasse. Acht Jahre später ist der 41-Jährige "Schiedsrichter des Jahres" – und lässt in einer ARD-Doku nie zuvor gewährte Einblicke in seinen Alltag als Spielleiter zu. Aytekin greift durch – ohne und mit neuer Regel.

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Oktober 2019, 8. Spieltag der Bundesliga: Als Wolfsburgs Stürmer Wout Weghorst nach 18 Minuten des Spiels bei RB Leipzig zum dritten Mal meckernd vor Deniz Aytekin steht, reicht es dem deutschen Schiri. "Kommst Du noch einmal", beschwört der, "noch einmal, dann kriegst Du etwas. Geh' weg! Hast Du mich verstanden? Noch einmal." Weghorst versteht die letzte Warnung, weshalb Aytekin auf eine Verwarnung verzichtet. Zuvor hatte Aytekin bereits Weghorsts Teamkollegen Maximilian Arnold verdeutlicht: "Ich sag' Dir eins: Ich bin ruhig. Aber das macht der zum dritten Mal. Zum dritten Mal! Und ich bin kein Assi. Der braucht mir nicht so zu kommen."

Diese drastischen Worte des Schiedsrichters wären dem Otto-Normal-Zuschauer eigentlich verborgen geblieben. Dank der Dokumentation "Karten, Pfiffe, fette Bässe" der ARD-"Sportschau" wurden Fußballfans nun aber Zeuge dieser Unterhaltung: In dem halbstündigen Film dokumentiert der Sender nämlich aus Sicht eines Spitzen-Schiedsrichters, was auf und außerhalb des Platzes wirklich gesprochen wird. Gerade in Zeiten des härteren Eingreifens der Referees ein spannender Einblick.

40 Jahre nach "Profis" liefert die Aytekin-Doku besondere Einblicke

Seit 1979, als der damalige Bayern-Kapitän Paul Breitner während des finalen Bundesligaspiels der Saison beim Meister Hamburger SV ein Mikrofon unter seinem Trikot trug, nahm der Fußballfan nie mehr hautnaher am Geschehen auf dem Platz teil.

Bei Breitner war der Anlass die Dokumentation "Profis", die von ihm und seinem Freund und Kollegen Uli Hoeneß handelte. Sie wurde zu einem unschätzbaren Zeitdokument der Vorgänge beim FC Bayern München in der Saison 1978/79.

40 Jahre später werden wieder besondere Einblicke gewährt – nur diesmal eben aus Sicht des "Schiedsrichters des Jahres 2019".

Deniz Aytekin: "Ich rede mit den Spielern wie mit anderen Menschen auch"

"Ich rede mit den Spielern nicht anders als mit meinen Mitmenschen im Alltag", betont Aytekin nach der Ausstrahlung der Dokumentation in einem Interview mit dem "kicker".

So, wie der Sohn türkischer Migranten im Alltag Respekt erwarte, erwarte er ihn auch während der 90 Minuten auf dem Platz. "Ich glaube nicht, dass ein Schiri jemals einen Spieler angepflaumt hat, weil der aus fünf Metern den Ball am Tor vorbeigeschossen hat. Aber wenn" – siehe Weghorst in Leipzig – "ein Spieler aus 30 Metern auf mich losstürmt, um sich über eine Entscheidung zu beschweren, da sage ich schon mal: 'Geh weg, was willst Du von mir?'"

Auch Weghorst lobt den Referee: "Aytekin ist einer, der es richtig gut macht. Dann sage ich auch: 'Entschuldigung, da hast Du recht gehabt'", erzählt der 27-Jährige im "kicker". "Er ist der Schiri, er muss das Spiel im Griff haben, da kann er auch mal gegen mich was sagen." Vor allem aber sei Aytekin "einer, der was einstecken kann. In meinen Augen fehlen heutzutage diese Persönlichkeiten."

2011 noch der schlechteste Schiedsrichter der Bundesliga

Aytekin sagt von sich selbst, er habe heute "die innere Ruhe und Sicherheit", um auf dem Platz die kritischen Momente mit Übersicht und Souveränität zu beurteilen und erhitzte Gemüter zu beruhigen. 2011, als ihn die Bundesliga-Profis per "kicker"-Wahl zum Schlechtesten seiner Zunft erklärten, sei er "während der Spielleitung mehr mit mir selbst beschäftigt" gewesen. Trotzdem rückte Aytekin schon damals in die Riege der FIFA-Referees auf.

Diese Beförderung hat der Betriebswirt längst gerechtfertigt. "Das Vertrauen von Spielern und Verantwortlichen muss man sich über Jahre hart erarbeiten", weiß Aytekin. Und es ist gewachsen, seitdem der Hobby-DJ das vielleicht schwierigste Bundesligaspiel der laufenden Saison über die Bühne brachte:

Aytekins Leitung des Bundesliga-Rückrundenauftakts Schalke gegen Gladbach (2:0) bildete den Abschluss der "Sportschau"-Doku über den Referee. Die Begegnung barg besondere Brisanz: In der Winterpause hatte sich der DFB aufgrund zunehmender Anfeindungen gegen die Schiedsrichter zu einer Anweisung an die Regelhüter veranlasst gesehen.

DFB definiert "Vorgehensweise der Schiedsrichter gegen Unsportlichkeiten" neu

Unter der Überschrift "Vorgehensweise der Schiedsrichter gegen Unsportlichkeiten" bekamen Aytekin und dessen Kollegen mit auf den Weg, folgende Vergehen der Spieler, Trainer und Vereins-Verantwortlichen konsequent zu ahnden:

  • Reklamieren
  • jede Form des aggressiven Verhaltens gegenüber dem Schiedsrichter
  • Zeitspiel
  • Auslösen einer Rudelbildung

Aytekin spürte den erhöhten Druck auf seinen Schultern angesichts eines Spiels, das in 200 Länder übertragen wurde und an jenem Abend des 17. Januar 2020 das einzige im deutschen Profifußball war.

Der Puls des 41-Jährigen schnellte nach oben. Im Vergleich zu jenem vor dem dokumentierten Spiel in Leipzig zwei Monate zuvor um 25 bis 30 Herzschläge pro Minute.

Die Fußball-Nation lechzte nach der Winterpause nach Bundesliga. Sie blickte auf Schalke, sie blickte auf Aytekin. Schon bei der Platz-Besichtigung bekam er einen Eindruck davon. Mit einem Ordner der Schalker entspann sich folgender Dialog:

Ordner: "Heute gibt's mehr Karten, habe ich heute gelesen."

Aytekin: "Was?"

Ordner: "Der DFB will richtig durchgreifen."

Aytekin: "Der DFB?"

Aytekins Assistent Christian Dietz (ironisch): "Wir haben die Sound-Karte dabei, wir haben die Dame dabei. Was Sie wollen."

Aytekin: "Wir haben quasi die Waffen geladen."

Ordner: "Schön."

Aytekin: "Nee, alles gut."

In zwei Situationen musste Aytekin an diesem Abend dann tatsächlich "richtig durchgreifen":

Situation 1: Als Schalke bereits mit 2:0 führte, schlug Alessandro Schöpf in der 79. Minute den Ball weg. Aytekin hatte gerade auf Freistoß für den Gegner aus Mönchengladbach entschieden. Schöpfs Verhalten und die Anweisung des DFB schränkten Aytekins sogenannten "Ermessensspielraum" ("Das Wort Fingerspitzengefühl verwenden wir eigentlich nicht") ein. Aytekin ging, die Gelbe Karte in der Hand, auf Schöpf zu: "Lass' den Ball liegen. Ganz einfach."

Später erklärte er im "kicker": "Früher hätte ich da zu einem Spieler vielleicht erst mal gesagt: 'Lass das sein!' Heute gebe ich direkt Gelb, ganz klar."

Situation 2: Es lief bereits die Nachspielzeit. Lars Stindl foulte Ozan Kabak, Aytekin pfiff, Kabaks Kollege Omar Mascarell wollte den Ball holen – da ging Stindl trotzdem dazwischen und traf Mascarell. Aytekin verwarnte Stindl lächelnd und halb entschuldigend: "Es war nicht schlimm, aber ich muss es machen."

Am Ende war dennoch alles gut. Obwohl Aytekin sieben Gelbe Karten hatte verteilen müssen: drei gegen Schalke und vier gegen Gladbach. Ein Wert, der ihn ein bisschen schockierte: "Ganz schön viel." Aytekins Durchschnitt pro Partie liegt sonst bei 3,8 Karten.

Note eins für Aytekin für die Leitung des Spiels Schalke gegen Gladbach

Der "kicker" gab Aytekin anschließend die Note eins und attestierte ihm eine "fehlerfreie Vorstellung mit perfekter Übersicht, großer Ruhe und angenehmer Autorität." Schiedsrichterbeobachter Jürgen Jansen sprach lobend von "exzellenter Umsetzung" der DFB-Anweisungen.

Aytekin bemüht sich, "gerade in der Bundesliga einen vorbildlich fairen und respektvollen Umgang miteinander vorzuleben", wie er im Interview mit dem "kicker" unterstrich. "Das wird dann auch einen Effekt auf die Basis haben."

Die Basis bilden der Jugend- und Amateurfußball. Aytekins Sohn spielt selbst an der Basis, in der D-Jugend des TSV Altenberg. Manchmal findet sein berühmter Papa die Zeit und leitet sogar dessen Spiele. Dann aber ganz ohne Sonderanweisung des DFB im Hinterkopf. Aber in dem Wissen um eine - wünschenswerterweise - nachhaltige erzieherische Wirkung.

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