Heung-min Son kam als Teenager nach Hamburg - und eroberte von der Hansestadt aus die Fußball-Welt. In seiner Heimat Südkorea ist Son längst ein Superstar, der allerdings auch mit ganz weltlichen Problemen zu kämpfen hat.

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Von den vielen zweifelhaften Entscheidungen des Hamburger SV in den letzten zehn Jahren dürfte der Verkauf von Heung-min Son zu den Top Fünf zählen. Zehn Millionen Euro strich der HSV im Sommer 2013 von Bayer Leverkusen ein und ging damals von einem guten Geschäft aus. Son war ein paar Jahre zuvor im Rahmen einer Kooperation des HSV mit dem südkoreanischen Fußballverband zum Nulltarif nach Hamburg gekommen, da nahm sich die erzielte Ablöse tatsächlich wie ein Glückstreffer für den notorisch klammen HSV aus.

Nur wurde Son bereits zwei Jahre später von Leverkusen nach London weitergeschickt, die Tottenham Hotspur überwiesen 30 Millionen Euro - und der Hamburger SV sah mal wieder wie der klare Verlierer aus: Ein Hoffnungsträger auf eine bessere Zukunft wurde unter Wert verkauft.

So oder ähnlich passierte dies auch mit Jerome Boateng, Sidney Sam, Hakan Calhanoglu, Eric Maxim Choupou-Moting, Levin Öztunali, Jonathan Tah und natürlich Kerem Demirbay. Der wurde für nicht mal zwei Millionen nach Hoffenheim verhökert und war Bayer Leverkusen letzten Sommer dann satte 30 Millionen Euro Ablöse wert.

Oft genug wären die Verantwortlichen des HSV in der Lage gewesen, den jeweiligen Spieler zu halten. Dass der Klub Heung-min Son ziehen ließ, lag an einer Mischung aus finanzieller Not des Vereins, scheinbar günstiger Gelegenheit und dem Wechselwunsch des Spielers. Wobei Son, wie er zuletzt betonte, Hamburg und den HSV gar nicht so schnell hatte verlassen wollen.

"Eigentlich wollte ich nicht weg"

"Eigentlich wollte ich nicht aus Hamburg weg, weil ich mich sehr wohlgefühlt habe. Deshalb hat der Abschied auch durchaus geschmerzt. Aber für mich war es wichtig, den nächsten Schritt in meiner Karriere zu machen. Das gehört im Fußball einfach dazu. Leverkusen hat damals in der Champions League gespielt. Auch aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, zu Bayer zu wechseln. Ich wollte mich auf hohem Niveau beweisen", sagte Son in einem Interview mit "DAZN".

In Hamburg hat der Südkoreaner den Durchbruch geschafft, in Leverkusen dann Anlauf genommen, um bei den Spurs in den letzten Jahren zu einem der besten Angreifer der Premier League zu reifen. Sein Tempo, seine Dribblings, der überragende Torabschluss - Sons Spielweise passt perfekt zur Hochgeschwindigkeits-Premier-League.

In seiner Heimat ist Son ein Superstar. Von "Koreas David Beckham" ist oft zu lesen. Seit 2009 wird in dem kleinen Land der so genannte "Power Celebrity Index" erstellt, vom Magazin "Forbes". Unter die Top Ten schaffen es in der Regel Pop-Gruppen, Boy und Girl Bands - und als einziger Sportler eben Heung-min Son.

Son ist omnipräsent

Der Hype um den 27-Jährigen durchdringt alle Altersschichten, vom Teenager bis zum 80-Jährigen. Son im TV, Son auf allen populären Internetportalen, Son auf den Covern von Hochglanzmagazinen. Nicht in seiner Berufskleidung mit Shirt und kurzen Hosen, sondern im Anzug, in staatsmännischer Pose, oder einfach nur eingehüllt in die neueste Kollektion irgendeines Mode-Labels.

Im fernen London sind vor der Corona-Pandemie Heerscharen südkoreanischer Touristen und vielleicht sogar echter Fußball-Fans eingefallen. Sie belagerten das Enfield Trainings Center, rund 20 Kilometer außerhalb der Stadt.

Dabei ist Besucherverkehr dort nicht erwünscht, das Trainingsgelände der Spurs für Fans in der Regel geschlossen. Aber vielleicht ist ja ein Blick auf Son zu erhaschen, unter Umständen sogar ein Selfie drin, wenn der irgendwann in seinem Dienstauto nach Hause fährt.

Im Tottenham Hotspur Stadium mehren sich seit einigen Jahren die südkoreanischen Flaggen. Das hat ein bisschen was von dem, was der FC Barcelona erfährt: Nicht jeder Spurs-Fan kann sich die teuren Tickets leisten, dafür greifen dann immer mehr Fußball-Touristen zu. Und viele davon kommen aus Südkorea, um ihren Star nicht nur morgens im Frühstücks-Fernsehen zu sehen, sondern live im Stadion.

Keine Zeit für die Liebe

Son ist längst ein Botschafter zwischen den Welten geworden, eine Ikone der südkoreanischen Werbeindustrie, ein Aushängeschild des Landes und der Sportart Fußball. Er war mal mit der Sängerin Bang Min-ah liiert, die wiederum Teil der Band "Girl‘s Day" war. Der Fußballer und das Girl-Band-Sternchen, auch diese Parallele zu Beckham stimmte. Nur hat Son die Liaison alsbald wieder beendet, aus einem mehr als pragmatischen Grund.

"Solange ich auf Top-Niveau Fußball spiele, will ich sicherstellen, dass Fußball die Nummer eins ist. Man weiß nie, wie lange man auf solch einem Niveau spielen kann", sagte Son dem "Guardian". "Wenn man aufhört oder 33 oder 34 Jahre ist, kann man immer noch eine lange Zeit mit der Familie haben."

Sein Vater war und ist ein ebenso strenger wie wichtiger Ratgeber. Er war es, der den Teenager damals nach Hamburg ziehen ließ und die Karriere des Sohnes seitdem durchplant.

"Wenn du heiratest, dann stehen die Familie, die Frau und die Kinder an erster Stelle - dann kommt erst der Fußball. Das sagt mein Vater und ich stimme ihm da zu." Und weil das alles natürlich nicht geht, konzentriert sich Son eben bis auf Weiteres auf seinen Beruf.

Kurzzeit-Wehrdienst in der Heimat?

Es sei denn, es kommen ihm übermächtige Gegner in die Quere wie derzeit die Corona-Krise - oder das südkoreanische Militär. Vor ein paar Wochen hat sich der Spieler den Arm gebrochen, Son hat die letzten Spiele der Spurs deshalb verpasst, eine Rückkehr auf den Rasen wäre für Ende April geplant gewesen.

Der Lockdown der Premier League bringt Son nun auf eine ganz andere Idee. Auch der Superstar kommt an der Wehrpflicht seines Landes nicht vorbei.

Der Gewinn der Goldmedaille bei den Asienspielen 2018 bewahrte Son dank einer Ausnahmeregelung zwar vor der allgemein gültigen Wehrpflicht, die in Südkorea je nach Waffengattung bis zu 24 Monate dauern kann. Einen Grundwehrdienst muss aber auch Son leisten. Vier Wochen lang soll dieser dauern, und Son will die ungewohnte Lage derzeit nutzen, um dieser Pflicht in seinem Heimatland nachzukommen.

Mehrere englische Medien berichteten jedenfalls, die Spurs hätten den Spieler "aus persönlichen Gründen" freigestellt und ihn nach Südkorea ausreisen lassen. Es würde zur sauber durchgetakteten Karriere von Heung-min Son passen, auch dieses Hindernis einigermaßen elegant zu meistern.

Verwendete Quellen:

  • Goal/DAZN: Tottenham-Star Heung-Min Son im Interview: "Deshalb hat mir mein Vater den Laptop weggenommen"
  • Guardian: Son Heung-min: "My father says I shouldn’t marry until I retire and I agree"

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