• Jude Bellingham überragte im Dortmunder Mittelfeld, Julian Brandt kämpfte sich aus seinem Tief und auch Marco Reus spielte eine gute Halbserie.
  • Hinter dem Trio aber fiel die Leistungskurve deutlich ab.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzung des Autors einfließt. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Die gute Nachricht zuerst: Jude Bellingham hat in dieser Saison nochmal einen unglaublichen Entwicklungsschritt gemacht und man möchte kaum glauben, dass der Spieler immer noch erst 18 Jahre jung ist.

Bellingham ist sich nicht zu schade für die Drecksarbeit trotzt Widerständen und harten Fouls des Gegners, geht in engen Situationen voran und ist im Gesamtpaket aus Technik, Spielintelligenz, Resilienz und Führungsstärke schon im Teenageralter ein Vorbild für jeden anderen Spieler im Kader. Die schlechte Nachricht: Es gibt nur diesen einen Jude Bellingham.

Wie oft mochten sich Fans und Beobachter der Borussia in der Hinserie noch zwei, drei Spieler von Bellinghams Schlag gewünscht haben? Der Einfluss des Engländers auf Dortmunds Spiel ist jetzt schon so groß wie der von Erling Haaland - nur läst sich Haalands Bedeutung leichter und exakter messen: in Toren und Vorlagen.

Mit Bellingham hat der BVB vielleicht einen kommenden Weltstar in seinen Reihen, ganz sicher aber schon jetzt einen der besten Mittelfeldspieler der Bundesliga und den Gold-Standard der Dortmunder Mannschaft. Denn im Vergleich zu Bellinghams famoser Hinserie konnten die Kollegen im Mittelfeld teilweise nicht einmal annähernd mithalten.

BVB: Probleme im defensiven Mittelfeld

Das Problem beginnt schon im zentralen defensiven Mittelfeld, wo Trainer Marco Rose nicht die eine Optimalbesetzung finden konnte. Rose musste immer wieder um Bellingham herum umbauen, versuchte es mit Axel Witsel, Emre Can und Mo Dahoud. So richtig überzeugen konnte aber keiner an der Seite des Überfliegers.

Dahoud bekam zuletzt immer wieder den Vorzug, bringt im Vergleich zu seinen Kontrahenten auch mehr spielerische Elemente mit ein. Aber Dahoud ist nach seiner Verletzung nicht mehr ganz so auffällig wie in der Rückserie der letzten Saison, als sich der (ehemalige) Nationalspieler endlich in Dortmund freischwimmen konnte. Can ist in seiner Art eher brachialer, neigt aber zu Leichtsinnsfehlern und ungestümen Aktionen, die mitunter schwerwiegende Folgen hatten.

Witsel, in den Jahren davor als "Mentalitätsspieler" gesetzt, wurde als Sechser in den letzten Wochen kaum noch gebraucht, die Zeit des Belgiers neigt sich offenbar dem Ende zu. Der BVB hatte oft genug Probleme mit der Balance in der Zentrale des Spiels und auch ein paar Geschwindigkeitsdefizite. Und auch bei den abgefangenen Bällen, einer Kernkompetenz im zentralen Bereich des Spiels, sucht man einen Dortmunder Mittelfeldspieler unter den besten 50 der Liga vergeblich.

Brandt macht Hoffnung, Reinier ist ein Totalausfall

Eine Linie weiter vorne lief auch nicht alles optimal, aber doch runder als im defensiven Mittelfeld. Besonders Julian Brandt kämpfte sich unter Rose aus seinem Tal, zeigte endlich auch mal nachhaltig sein Potenzial. Brandt ist der einzige Dortmunder Spieler, der es unter die Top 25 der besten Vorlagengeber der Liga geschafft haben. Bekommt der Nationalspieler nun noch seinen vereinzelten Schlendrian aus seinem Spiel, ist Brandt im Offensivverbund gesetzt.

Marco Reus verzichtete für eine komplette Saisonvorbereitung auf die Europameisterschaft im Sommer und gemessen an den Zahlen hat sich das für den Kapitän auch gelohnt. Reus steht bei zwar nur vier Treffern, aber schon acht Assists. Aber auch Reus, der sich in den schwierigen Phasen immer stellte, machte in den wenigen ganz wichtigen Spielen nicht den erhofften Unterschied.

Marius Wolf überzeugte durchaus als Rollenspieler, was für den 26-Jährigen Fluch und Segen zugleich ist. Wolf hat nicht geglänzt, aber verlässlich abgeliefert. Reinier dagegen war ein Totalausfall. Der Brasilianer wurde eigentlich nur indirekt auffällig, als sein Vater öffentlich mehr Einsatzzeiten einforderte. Und als Reinier dann in Lissabon von Beginn an ran durfte, ging er mit dem Rest der Mannschaft unter.

Immerhin darf sich der BVB in der Rückrunde wieder auf Gio Reyna freuen. Der US-Amerikaner dürfte seine Muskelsehnenverletzung auskuriert und den Trainingsrückstand aufgeholt haben - und dann wie ein Zugang gesehen werden.