• Bei Maybrit Illner gibt es Nachhilfe für Weltpolitik und große Hoffnungen auf bessere Zeiten - aber keine Diskussionen
  • Maybrit Illner spricht mit ihren Gästen über den holprigen Abgang von Donald Trump.
  • Claus Kleber erklärt Trumps größten außenpolitischen Fehler.
Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

Die gepflegte Debatte ist im deutschen Politik-Talk ein bisschen aus der Mode gekommen. Wenn es um die Bewältigung der Corona-Pandemie geht, ist das keine Überraschung. Doch die Gäste von Maybrit Illner bleiben am Donnerstag sogar bei einem Thema ruhig, das ansonsten den Blutdruck zuverlässig nach oben treibt: Es geht um den abgewählten US-Präsidenten und die Frage, was Donald Trump in den nächsten Wochen noch anstellen kann.

Wer von einer Talkshow politische Diskussionen erwartet, wird an diesem Abend enttäuscht: Die Gäste sind sich über grundlegende Fragen einig, auf einen Trump-Fan in der Runde hat man dieses Mal verzichtet. Wer sich aber über die Herausforderungen und Visionen der internationalen Politik informieren will, dem wird schon mehr geboten.

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Wer sind die Gäste bei Maybrit Illner?

Thomas Gottschalk: "Ich merke, wie das Amerika, das wir lieben, sich zusehends verabschiedet", sagt der Fernsehmoderator mit Zweiwohnsitz in Kalifornien. Das sei die Schuld von Donald Trump: "Er war nicht ungeschickt mit diesem Make America Great Again. Aber er hat das Land in die Grütze gefahren."

Claus Kleber: Das Wort Grütze bemüht auch der Moderator des "Heute Journal". Es habe Donald Trump genützt, dass er als Rüpel wahrgenommen wird – denn viele Menschen in den USA könnten mit Begriffen wie Integration, Diversität und Verständnis wenig anfangen. "Da kam einer, der einfach mal mitten in die Grütze gehauen hat."

Souad Mekhennet: "Bisher gibt es hier überhaupt keine Machtübergabe", berichtet die Journalistin der "Washington Post". Sie glaubt allerdings, dass Donald Trump am Ende nicht mit dem Secret Service aus dem Weißen Haus geholt werden muss. Schließlich wolle er in vier Jahren womöglich erneut antreten. "Die Gefahr, dass es herausgetragen wird, ist sehr gering."

Daniela Schwarzer: Die Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik erwartet, dass ein US-Präsident Joe Biden stark auf die Zusammenarbeit mit den Deutschen setzen wird. Die Europäische Union sei ihm als Partner wahrscheinlich zu kompliziert: "Amerikaner haben es gerne schnell und klar und einfach."

Peter Altmaier: Der Bundeswirtschaftsminister (CDU) sieht auf Deutschland und Europa außenpolitisch neue Aufgaben zukommen. "Wir erwarten, dass die Amerikaner international zusammenarbeiten – auch mit uns. Wir müssen genauso zu dieser Zusammenarbeit bereit sein."

Sigmar Gabriel: Der ehemalige SPD-Vorsitzende und Vizekanzler ist optimistisch, wenn es um die zukünftige Zusammenarbeit mit Amerika geht. "Da kommt ja kein Neuling", sagt er über Joe Biden. "Ich bin ein bisschen zurückhaltend mit den Weltuntergangsszenarien."

Was ist der Moment des Abends?

Zugegeben: Die Erkenntnis ist nicht neu. Doch Sigmar Gabriel hat einen Punkt, wenn er sagt, dass zu viel über Donald Trump gesprochen wird. Viel wichtiger findet er die mehr als 70 Millionen Amerikaner, die Trump ihre Stimme gegeben haben. Daraus lässt sich aus Sicht des früheren Vizekanzlers auch für Deutschland viel lernen, denn Gabriel fragt sich: "Wie kriegen wir Kontakt zu denen, die in ihren Echokammern sind, die die Welt vereinfachen durch Verschwörungstheorien und die den Eindruck haben, dass Leute wie wir hier mit ihrem Leben sowieso nichts zu tun haben wollen?"

Eine Antwort kann ihm an diesem Abend natürlich niemand geben. ZDF-Journalist Claus Kleber macht für die USA allerdings immerhin ein bisschen Hoffnung: "Die Antwort müsste Zuhören sein", meint er – man dürfe auch den Fans von Trump nicht gleich "mit Ablehnung ins Gesicht springen". Vielmehr sei ein Dialog nötig. "Und ehrlich gesagt glaube ich, dass dieser schläfrig wirkende, überlegte ältere Herr Joe Biden, vor dem es wirklich unmöglich ist Angst zu haben, dafür gar nicht so falsch ist."

Was ist das Ergebnis bei Maybrit Illner?

Es ist eine seltsame Runde, die da im Studio oder per Liveschaltung zusammengekommen ist: Zwei Frauen mit klugen Gedanken, die aber wenig zu Wort kommen. Dazu ein Talkshow-Dauergast, der im Zweitberuf noch Wirtschaftsminister ist, ein Ex-Politiker mit Hang zur Besserwisserei und ein Ex-Showmoderator mit einer Vorliebe für flapsige Sprüche. Richtig fesselnd ist diese Konstellation nicht. Peter Altmaier kann man sogar dabei beobachten, wie er nebenbei aufs Smartphone schaut.

Immerhin wird das ZDF dafür aber seinem Informationsauftrag gerecht: Stellenweise gleicht die Sendung einem Seminar in Internationaler Politik. Claus Kleber erklärt zum Beispiel, was der größte außenpolitische Fehler von Donald Trump war: Er stoppte das transpazifische Freihandelsabkommen TPP und trieb Staaten wie Japan und Australien damit in die Arme des Erzrivalen China: Gerade haben diese Länder eine eigene Freihandelszone begründet. "Das war das größtmögliche Geschenk, das ein amerikanischer Präsident den Chinesen machen konnte", so Kleber.

Joe Biden – das sind sich alle einig – wird für diesen Teil des Atlantiks auch kein einfacher, aber zumindest ein zugänglicherer Partner sein. "Biden wird von den Europäern erwarten, dass wir uns ganz klar positionieren im westlichen Lager, und meiner Ansicht sollten wir das in vielen Themen aus Eigeninteresse auch machen", meint die Politikwissenschaftlerin Daniela Schwarzer.

Insgesamt überwiegt die Hoffnung, selbst wenn es um die allseits beklagte tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft geht. "Mein Glaube an die Fähigkeit der Amerikaner, solche Gräben zu überwinden, ist groß", sagt Claus Kleber.

Zu Peter Altmaiers Ehrenrettung muss man noch sagen: Sein Blick aufs Smartphone war nicht der Langeweile geschuldet. Der Minister hat eine kurze Twitter-Analyse betrieben: "Ich habe eben mal nachgeschaut." Die ersten wütenden Trump-Tweets nach der Wahl hätten noch 500.000, 600.000 Likes bekommen. Nun erhalte er für seine Äußerungen noch 70.000 bis 80.000. Daraus schließt Altmaier, dass immer mehr Menschen in den USA den Machtwechsel anerkennen. Die Reaktion aus der Talkrunde dürfte auch viele Zuschauenden durch den Kopf gegangen sein: Schön wär’s!

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