Auch nach dem Ja seiner Partei zu Koalitionsverhandlungen mit der Union wirkt SPD-Chef Martin Schulz bei "Anne Will" wie ein Getriebener. Beim Familiennachzug macht er neue Versprechen – und dann bringt ihn auch noch FDP-Chef Lindner zur Weißglut.

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Wenige Stunden zuvor dürfte Martin Schulz ein Stein vom Herzen gefallen sein: Rund 56 Prozent der Delegierten waren ihm gefolgt und hatten beim SPD-Parteitag in Bonn entschieden, dass die Partei Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU aufnehmen soll.

Doch wirklich befreit oder gar triumphierend wirkt der SPD-Vorsitzende nicht, als er am Sonntagabend schon wieder in Berlin in der Diskussionsrunde von Anne Will sitzt. Seine Sätze sind lang und wenig zugespitzt, der Blick grimmig. Der Parteichef hat bekommen, was er wollte, aber er bleibt verzagt.

"Ich glaube, dass wir aus diesem Parteitag gestärkt hervorgehen", sagt er. Wirkliches Selbstbewusstsein klingt anders. Auch nach dem Ja der Parteibasis zu Verhandlungen dürfte eine schwierige Zeit vor Schulz liegen.

Einfach hat er es auch bei Anne Will nicht. Die Spiegel-Journalistin Christiane Hoffmann bohrt in der Wunde des Parteivorsitzenden: Obwohl er doch ein eigentlich ein guter Redner sei, habe Schulz beim Parteitag erstaunlich wenig Applaus bekommen, sagt sie.

Wahre Emotionen schreibt sie den SPD-Mitgliedern zu, die sich gegen eine neue "GroKo" aussprachen. "Im Saal war immer spürbar, dass das Herz eher auf der anderen Seite war."

Lindner: Viel Selbstzufriedenheit und ein bisschen Selbstkritik

Und dann ist da auch noch Christian Lindner. Der FDP-Vorsitzende hat mit seinem Abbruch der Sondierungen über eine "Jamaika"-Koalition mit Union und Grünen den SPD-Vorsitzenden erst in seine missliche Lage gebracht: Weil die Liberalen nicht regieren wollten, musste Schulz von seinem Oppositionskurs abrücken und die Sozialdemokraten nun doch wieder von einer Großen Koalition überzeugen.

Doch Lindner wirkt völlig mit sich im Reinen, grinst süffisant, wenn andere reden, und wirkt ziemlich gut auflegt. Er legt sich und den Zuschauern eine einfache Erklärung zurecht, warum er zwar nicht regieren wollte, die SPD das dafür jetzt aber sehr wohl machen soll: "Die Unterschiede zwischen SPD und Union sind ja viel geringer als zwischen FDP, Grünen und CSU", sagt er.

Immerhin ein ganz bisschen Selbstkritik erlaubt sich der zu großer Selbstzufriedenheit neigende Lindner dann doch noch: Union, FDP und Grüne hätten gar nicht erst so lange sondieren dürfen, findet er: "Das würde ich kein zweites Mal in meinem politischen Leben machen."

Schulz verspricht Härtefallregelung

Die meiste Unterstützung erhält Schulz noch von seinem Nebenmann: Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) lobt die SPD für die Entscheidung für die GroKo-Verhandlungen und sieht im Parteitagsbeschluss "eine gute Basis für die nächsten Jahre".

Dass die Sozialdemokraten nun allerlei Nachforderungen stellen, beunruhigt ihn offenbar nicht. Ein Koalitionsvertrag habe in der Regel 80, 90 Seiten, das Sondierungspapier gerade mal 28. Es müsse also ohnehin noch viel verhandelt werden.

Das sieht auch Martin Schulz so, der mehrfach betont, Sondierungen seien noch keine Koalitionsverhandlungen. Der SPD-Vorsitzende pocht unter anderem darauf, dass es eine Härtefallregelung für den Familiennachzug von Flüchtlingen geben soll. "Wenn das in einer Koalitionsregierung nicht vereinbart werden kann, weiß ich nicht, warum wir miteinander regieren sollten", sagt Schulz.

Fragt sich nur, was die CSU dazu sagt, die ja in den Sondierungen gerade auf eine harte Haltung in der Flüchtlingspolitik gedrängt hatte. Nicht umsonst fragt Anne Will, ob Schulz nicht wieder Versprechen macht, die er später nicht halten kann. Und nicht umsonst sagt Spiegel-Journalistin Hoffmann: "Die Schwierigkeit wird eher auf der Seite der CSU liegen."

"Man versteht kein Wort mehr"

Die Sitzordnung im Studio entspricht auch ein Stück weit den Argumentationslinien: Schulz und Altmaier plädieren für ihre gemeinsame GroKo, betonen immer, wie viele Verbesserungen sie den Bürgern bringe.

Nachrichten sind langweilig und dröge? Es kommt auf den Blickwinkel an.

Lindner und die Journalistin Hoffmann können damit wenig anfangen. Hoffmann plädiert für einen Generationenwechsel in der Politik, Lindner sagt: "Ein Weiter so ist nach zwölf Jahren einfach zu wenig." Der FDP-Politiker bringt seine beiden Kontrahenten zur Weißglut. Irgendwann reden die drei Politiker so laut durcheinander, dass Anne Will feststellt: "Man versteht kein Wort mehr."

Am Ende gelingt dem getriebenen SPD-Chef Schulz doch noch ein letzter Punkt: Der überzeugte Europäer erklärt, dass Deutschland mit seinen Partnern endlich über die Zukunft der EU sprechen müsse.

"Emmanuel Macron hat mich gestern Abend angerufen und hat gesagt: Hoffentlich bekommt ihr eine Mehrheit", erzählt Schulz. Vom Shootingstar der europäischen Politik angerufen zu werden – das kann wahrlich nicht jeder deutsche Politiker von sich behaupten.