Gemeinsame Sache: Durch den Nichtangriffspakt erhalten Hitler und Stalin freie Hand in Polen und öffnen das Tor für den Zweiten Weltkrieg. Diese angekratzte Erbe ihres Befreiers vom Hitler-Faschismus sollte aus Sicht mancher Russen aber wieder im Giftschrank verschwinden.

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Der Angriff beginnt 4:35 Uhr. Gerade erwacht die kleine polnische Stadt Wielun zwischen Wroclaw und Warschau. Manche hören in der Ferne das Grollen der 87 Kampfbomber. In ihrem Bauch tragen die Flieger die tödliche Munition. Der erste Treffer gilt einem Krankenhaus. Es folgt ein Inferno.

Mehr als tausend Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, sterben an diesem 1. September 1939 durch die deutschen Bomben. Es ist der Auftakt eines grausamen Völkermords mit Millionen Toten. 80 Jahre später sagt Bundespräsident Walter Steinmeier bei einer Gedenkveranstaltung in Wielun: "Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls. Und ich bitte um Vergebung."

Wielun ist das erste Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges. Nur wenige Tage vorher, am 23. August 1939, unterzeichnen in Moskau Joachim von Ribbentrop, Außenminister im Dritten Reich, und sein sowjetischer Kollege Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow den sogenannten Hitler-Stalin-Pakt mit dem Versprechen, sich nicht gegenseitig anzugreifen.

In die Geschichtsschreibung geht dieser Deal als "genialer Schachzug Stalins ein, um Zeit vor einem Kriegsbeginn zu gewinnen", sagt Peer Teschendorf. "Diese Darstellung hält sich zum Teil bis heute", so der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau.

Eine "mörderische Allianz"

Doch die "mörderische Allianz", wie die Historikerin Claudia Weber in ihrem Buch "Der Pakt" schreibt, trägt eine Fußnote. Im Kleingedruckten teilen sich die Diktatoren den Osten Europas auf.

Nur knapp zwei Wochen nach dem Einmarsch von Hitlers Soldaten besetzt die Rote Armee am 17. September den östlichen Teil Polens – mit der Folge, dass fast 330.000 Menschen nach Sibirien oder Zentralasien deportiert werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lässt sich Stalin als Befreier vom Hitler-Faschismus und Wegbereiter des großen Sowjetreichs vom Agrarland zur Industrienation feiern.

Das Zusatzprotokoll über das Schicksal des Nachbarn im Osten kommt in den Giftschrank der UdSSR. Erst Michael Gorbatschow lässt ihn zu Perestroika-Zeiten öffnen. "Damals wurden die geheimen Zusatzprotokolle bekannt und damit die Aufteilung Osteuropas deutlich", sagt Teschendorf.

Die Duma, die sowjetische Volksversammlung, beurteilt 1989 die Geheimakten als völkerrechtswidrig. Noch nicht alle Abgeordneten tragen den Beschluss mit. Nicht wenige wären damals von der damit verbundenen Schmälerung des Ansehens des Besiegers der deutschen Invasoren nicht glücklich gewesen, sagt Teschendorf.

Auch wegen dieser Ambivalenz kann 30 Jahre später eine neue Diskussion um die Neubeurteilung des Hitler-Stalin-Pakts – pünktlich zum 140. Geburtstag Josef Stalins (1879-1953) - entflammen.

Wie der "Spiegel" berichtet, fordert Michail Mjagkow, Direktor der Militärgeschichtlichen Gesellschaft Russlands, die Überprüfung des Beschlusses aus dem Jahr 1989, da die Entscheidung auf dem Höhepunkt jener Stimmungen gefallen sei, die die Sowjetunion nur noch negativ sahen.

Sein Anspruch ist für Teschendorf folgerichtig: "Der Sieg über Hitler-Deutschland war immer ein Identifikationsmoment für die sowjetische und russische Gesellschaft. Jetzt wird dieser berechtigte Anlass zum nationalen Stolz weiter verstärkt und um störende Aspekte bereinigt".

Schwächelnde Wirtschaft und Krimannexion

Teschendorf kennt das zerrissene Russland. Der Politikwissenschaftler kommt 2007 erstmals ins Land, er war Referent für Russland, die Ukraine und Weißrussland. Dazu kommen viereinhalb Jahre als Mitarbeiter der Ebert-Stiftung in Zentralasien. Er weiß: Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion sucht das Land nach seiner Rolle in der Welt.

"Während in der Perestroika-Zeit die Verbrechen in der Sowjetzeit aufgearbeitet wurden, um dem Ruf der Menschen nach Gerechtigkeit, dem Ende des Verschweigens und Freiheit von Zwang gerecht zu werden, steht jetzt die Suche nach den Momenten im Vordergrund, die eine Identifikation mit dem starken Staat ermöglichen", sagt er.

Doch dieser starke, autoritäre Staat wankt. Die wirtschaftliche Erholung Russland nach den katastrophalen 1990er-Jahren fiel zwar mit der Präsidentschaft Wladimir Putins zusammen. "Dieser Nimbus, dass Putin für Stabilität und wirtschaftliche Erholung steht, hat aber mit der sich schwächelnden Wirtschaft, deutlich gelitten. Die Zustimmungswerte sanken bereits vor der Krimannexion auf immer niedrigere Werte", sagt Teschendorf.

Die Hervorhebung geschichtlicher Momente, wo der Staat Stärke und Stabilität aufwies, könne indes helfen, die Gesellschaft zu konsolidieren und die Entwicklung eines Maidan, also von Protesten gegen den Staat, verhindern.

Den Vorstoß der militärgeschichtlichen Gesellschaft der Rehabilitation des Hitler-Stalin-Pakts bringt auch Osteuropa-Wissenschaftlers Konstantin Kaminskij mit der Neubewertung der Perestroika in Verbindung und sei mit dem Zerfall der Sowjetunion, der postsowjetischen Weltordnung sowie als Legitimation für Krimannexion zu sehen.

Die Reformen Gorbatschows setzten einen Schlussstrich unter das Sowjetreich und verteilten das Erbe Lenins und Stalins in viele kleine und unabhängige Teile. Putin bezeichnet den Zerfall der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Die Sowjetnostalgie lässt die einstige globale Großmachtrolle wiederaufleben.

Stalin-Kult vor zehn Jahren auf den Höhepunkt

Diese Rückbesinnung beobachtet Kaminskij bereits vor zehn Jahren unter dem "schwachen Ersatzpräsidenten Medwedew". Anlässlich des 130. Geburtstags Stalins gibt es im russischen Staatsfernsehen die große Serie "StalinLIVE" als Reality-Show. "Spannend, aber nicht wirklich genießbar", sagt der promovierte Literaturwissenschaftler. Dazu kommen diverse andere Fernsehformate, wie der Sechsteiler "Stalin mit uns". Stalin ist in Talkshows präsent. Den Diskurs gestalten Hobbyhistoriker wie Verschwörungstheoretiker im Netz mit.

In den Regalen in Buchhandlungen drängeln sich Biografien, die Stalin als "effektiven Manager" in einer turbulenten historischen Epoche darstellen.

Seine Untersuchung zum Thema nennt Kaminskij 2012 "Stalin-Kult 2.0". "Heute ist dieser Kult abgeflacht. Der Umgang der russischen Gesellschaft mit dem Erbe Stalins hat sich normalisiert. Es galt etwas zu finden, was zwischen Glorifizierung und Dämonisierung liegt.

Dieses Ziel ist meiner Meinung nach erreicht", sagt der in Sibirien geborene Kaminskij. Über Kiew kam er 1994 mit seiner Familie nach Sachsen-Anhalt. Sein Studium führte ihn unter anderem wieder zurück in seine alte Heimat. Neben seiner Lehrtätigkeit an der Humboldt-Uni organisiert der Wissenschaftler Reisen nach Osteuropa.

In Vorbereitung ist derzeit eine Tour nach Georgien mit Studentengruppe mit einem Abstecher in Stalins Geburtsstadt Gori. "Es ist ein guter Ort, um etwas über Stalinismus zu erzählen", sagt Kaminskij.

In der neuen Diskussion um den Hitler-Stalin-Pakt sieht er jedoch kein großes Auditorium. Es sei im Experten-Milieu geblieben und habe keine großen Debatten in Medien ausgelöst. Die Pro-Stalin-Propaganda zeigt dagegen trotzdem ihre Wirkung.

Das Lewada-Institut fragte 2016 nach den herausragendsten Persönlichkeiten Russlands. Mit 38 Prozent der Befragten kam Stalin auf Platz eins der Rangliste des Meinungsforschungsinstituts, noch vor Puschkin und Putin.

Stalin-Verehrer in jeder Bevölkerungsgruppe

Stalin symbolisiert den Aufstieg der UdSSR. Die Seite des Tyrannen und Mörders von Millionen bleibt eine Fußnote – und gerät vor allem auch in der jungen Generation immer mehr in Vergessenheit.

"Durch den zunehmend patriotisch ausgeprägten Geschichtsunterricht nimmt die Kenntnis über die negativen Zeiten der Stalin-Zeit in der Jugend tendenziell ab. Mit zunehmender Entfernung zu dieser Zeitepoche wird die Betrachtung oberflächlicher. Wenn dann vorwiegend positive Interpretationen angeboten werden, bleibt das bei der Jugend hängen", sagt Teschendorf.

Er sieht Stalin-Verehrer in jeder Altersgruppe, genauso wie es auch jene gibt, die den Terror an der eigenen Bevölkerung, das Gulag-System und die Deportierungen nicht vergessen wollen.

Putin aber nutzt seiner Meinung nach die Bedeutung der früheren politischen Führer, um sich in eine Reihe mit den historisch starken Personen zu stellen und seine Legitimationsbasis zu vergrößern.

"In der politischen Elite gibt es sowohl Befürworter einer Neuinterpretation Stalins, teils aus persönlicher Überzeugung, teils als Machtressource. Es gibt aber auch solche, die sich deutlich distanzierter zu dieser Vereinnahmung verhalten", sagt Teschendorf.

Einen neuen "Stalin-Kult" sieht er nicht. Die Neuinterpretation des Hitler-Stalin-Pakts würden zwar zu einer Überbetonung der positiven Seiten der Stalin-Zeit führen. Gleichzeitig gebe es dennoch ausreichend viele, die sich darum bemühen die Toten, Repressierten, Deportieren und Entrechteten nicht vergessen zu machen.

Als Beispiele nennt der 40-Jährige das Projekt "Posledny adres" (Die letzte Adresse). Ähnlich zu den "Stolpersteinen" in Deutschland werden mit kleinen Metallplaketten an Hauswänden an die letzten Wohnorte der Opfer der Stalin-Zeit erinnert.

"Auch in der Jugend gibt es viele, die sich intensiv mit der Geschichte befassen wollen. Von einem gesellschaftlichen Kult kann also keine Rede sein", sagt er. Gefahren sieht er dennoch in der neu entflammenden Diskussion.

In den internationalen Beziehungen befördere die Neubewertung des Hitler-Stalin-Paktes die Sorgen der Nachbarländer. Besonders die baltischen Länder wie Polen und die Moldau dürften hier ihre Ängste vor einer erneuten Beeinflussung Russlands bestätigt sehen.

Falsches Signal

Trotzdem sendet nach Meinung des Russland-Experten die Umbewertung, "in einer Zeit, in der wir versuchen müssen, wieder zu einem gemeinsamen Verständnis des Völkerrechts, der Lösung von Konflikten in Europa zu kommen und den kleineren Staaten die Sicherheit ihrer Unabhängigkeit zu geben" ein falsches Signal.

Zu verurteilen seien auch die zunehmenden Repressionen gegen diejenigen, die den Terror der Stalin-Zeit aufarbeiten. Die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial" kämpfe zum Beispiel mit Anfeindungen und dem Stören von Veranstaltungen. Mancher ihrer Vertreter müssten sich vor Gericht mit fadenscheinigen Begründungen verantworten.

Auf diese Zeichen aber würden Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler reagieren. Auch in der Forschung gebe es Freiheiten der kritischen Analyse der Stalin-Zeit. "Es ist für eine Gesellschaft gefährlich, die eigene Vergangenheit zu simplifizieren", sagt Teschendorf. Russland sei vergönnt, den errungen Sieg zu würdigen. Zugleich müsse es ein so großes und kulturell reiches Land schaffen, die negativen Seiten Stalins zu betrachten und die Lehren daraus immer wieder neu zu ziehen - nicht zuletzt, um neue totalitäre Entwicklungen zu verhindern.

Dr. Konstantin Kaminskij ist Literatur- und Osteuropawissenschaftler. Der heute 38-Jährige wurde in fernöstlichen Magadan (Sibirien) geboren und wuchs in Kiew auf. Aus der Ukraine wanderte er mit seinen Eltern 1994 nach Deutschland aus. Der promovierte Literaturwissenschaftler arbeitet an der Humboldt-Uni, im Bereich Slawistik.
Peer Teschendorf ist Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Russischen Föderation. Der Russland-Experte hat Kommunikationswissenschaft, Politik und BWL studiert. Sein erster Aufenthalt in Russland war zwischen 2007 und 2009, zwischen 2012 und 2016 leitete der heute 40-Jährige das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kasachstan und Usbekistan. Teschendorf lebt in Moskau.

Quellen:

  • Claudia Weber: "Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz", C.H. Beck Verlag
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