Spät, um kurz vor 22:30 Uhr, hat das Erste am Freitagabend den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest versteckt. Noch zwei Stunden später steht dann endlich fest, wer Deutschland am 11. Mai beim ESC-Finale im schwedischen Malmö vertreten wird. Es ist: Isaak mit dem Song "Always On The Run".

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Es gehört zur deutschen ESC-Tradition, dass man bereits im Vorfeld schon über die nicht gegebenen Punkte für Deutschland lamentiert, gerne auch mit der passenden Verschwörungstheorie. Zugegeben, die deutsche ESC-Gesamtbilanz sieht gemessen an den Platzierungen eher mau aus und auch 2023 landete der deutsche Vertreter "Lord of the Lost" auf dem letzten Platz. Aber so ist das eben, wenn man aus Musik einen Wettbewerb macht – man kann dabei eben auch verlieren.

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Daran wollte Moderatorin Barbara Schöneberger am Freitagabend aber noch nicht denken, als sie die Zuschauer im Studio Adlershof in Berlin begrüßt – zumindest ein paar Minuten lang. Warum auch, denn egal wie viele letzte Plätze Deutschland bisher eingefahren hat, es gibt jedes Jahr eine neue Chance, also auch 2024. So lief der deutsche Vorentscheid in Berlin.

Die Kandidaten

Neun Kandidatinnen und Kandidaten kämpften am Freitagabend um die Teilnahme am ESC-Finale im Mai in Malmö und die Zuschauer hatten hier die volle musikalische Bandbreite zur Auswahl. Nun gut, zumindest eine kleine. Das waren die Teilnehmer in der Reihenfolge ihrer Auftritte:

  • NinetyNine: Hinter dem Künstlernamen steckt der 24-jährige Daniel Leon Schmidt. Für die Zahl 99 hat er sich wegen seines Geburtsjahres 1999 und seiner Körpergröße von 1,99 Meter entschieden. Er versucht mit dem Pop-Rock-Song "Love On A Budget" sein Glück. Dessen Botschaft: "Lieber Schmetterlinge im Bauch, als Dollar-Zeichen."
  • Leona: "Mach doch was Ordentliches!", habe man ihr immer geraten. Und das hat sie gemacht: Die 20-Jährige lebt in Hamburg als Singer-Songwriterin und hat sich für den ESC-Vorentscheid für die verträumte Ballade "Undream You" entschieden.
  • Isaak: Den 28-Jährigen kennt man vielleicht noch aus der 2011er-Ausgabe von "X-Factor", angefangen hatte er als Teenager mit Straßenmusik. Im ESC-Vorentscheid singt der stimmgewaltige Isaak Guderian, wie er mit vollem Namen heißt, den Song "Always On The Run".
  • Galant: Die 26-jährige Mona aus München und der 29-jährige Paul aus Mannheim bilden das Electro-Pop-Duo Galant. "Die Krallen trägt sie lang, es war immer so. Lässt keinen an sich ran, sie will das so", heißt es in ihrem "retrofuturistischen Elektro-Pop-Song" "Katze".
  • Floryan: Er war der einzige Kandidat, der über die Docutainment-Serie "Ich will zum ESC" in den Vorentscheid gewählt wurde. In Berlin präsentiert er seinen Song "Scars", den er zusammen mit Rea Garvey erarbeitet hat.
  • Bodine Monet: Monet hat kanadische Wurzeln und kommt aus den Niederlanden, genauer gesagt aus der Kleinstadt Zandvoort. Nun will sie für Deutschland auf Englisch um den Sieg singen und zwar mit ihrem Lied "Tears Like Rain".
  • Ryk: Rick Jurthe alias Ryk versucht mit der dramatischen Ballade "Oh Boy" zum zweiten Mal sein Glück beim ESC-Vorentscheid. 2018 musste er sich Michael Schulte geschlagen geben – der in Lissabon Vierter wurde.
  • Marie Reim: Dass Marie Reim es als einzige mit einem Schlager versucht, ist kein Zufall. Sie ist die Tochter von Matthias Reim und Michelle und 23 Jahre nach ihrer Mutter will auch sie zum ESC-Finale – diesmal heißt der Song allerdings "Naiv" und nicht "Wer Liebe lebt".
  • Max Mutzke: Auch er ist kein Unbekannter beim ESC. Einst von Stefan Raab gecastet, vertrat Mutzke Deutschland bereits 2004 in Istanbul. In Berlin singt er nun "Forever Strong".

Das Abstimmungssystem

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Wer nach Schweden fahren darf, das entscheiden zum einen die Zuschauer per Anruf, SMS und Onlinevoting und zum anderen eine internationale Jury nach dem ESC-Wertungssystem. Die jeweiligen Ergebnisse wiegen gleich viel. Die internationale Jury besteht ihrerseits aus acht Länderjurys mit je fünf Profimusikern.

Die Musiker aus Spanien, Litauen, Schweiz, Österreich, Großbritannien, Schweden, Kroatien und Island bewerten die Auftritte der Kandidaten aus der Generalprobe vom Vorabend, die Bewertungen werden dann in Punkte von 1 bis 12 umgerechnet. Genauso verhält es sich bei den Stimmen des Zuschauervotings. Am Ende gewinnt der- oder diejenige mit den meisten Gesamtpunkten

Die Moderation

Barbara Schöneberger. Natürlich Barbara Schöneberger. Seit 2014 moderiert die 49-Jährige mit Unterbrechungen den deutschen ESC-Vorentscheid. Warum? Weil es einfach gut passt. Schöneberger nimmt die ganze Veranstaltung ernst, aber nicht zu sehr und wie das aussieht, zeigt die Moderatorin schon nach wenigen Minuten.

Im orange-rosa Falten-Kleid prognostiziert Schöneberger einen guten Verlauf für Deutschland in Malmö: "Freunde, ich bin optimistisch." Doch als das Publikum im Studio daraufhin lauthals lacht, wird Schöneberger ein bisschen trotzig: "Was soll ich denn sagen? Ich hab ja auch das Gefühl, den Satz hab ich schonmal irgendwie vielleicht in dieser Show gesagt", rudert Schöneberger zurück, will sich aber mit Blick auf die Songs der Kandidaten einen Funken Hoffnung bewahren: "Aber in diesem Jahr – ich hab wirklich ein gutes Gefühl."

Damit Schöneberger aber nicht alleine hoffen muss, hat man ihr eine illustre Gästeschar aufs Show-Sofa gesetzt: Mary Roos, Riccardo Simonetti und Alli Neumann plaudern vor und nach den Auftritten mit Schöneberger, später gesellen sich noch kurz Conchita Wurst und Rea Garvey dazu. Florian Silbereisen ist auch dabei, tut sich mit dem Plaudern aber ein bisschen schwerer als die anderen, hat er doch noch an einer Kiefer-OP zu kauen.

Die Show

Der ESC, das sind die ganz großen Gefühle auf der ganz großen Bühne mit einer ganz großen Show. Die ganz großen Gefühle hatte der Freitagabend im Ersten auch, die ganz große Bühne nicht so sehr, die ganz große Show erst recht nicht. Stattdessen war alles ein bisschen kleiner, familiärer, kuscheliger und so bekommt Florian Silbereisen zum Trost gegen seine Kieferschmerzen von Barbara Schöneberger einen Beutel Eiswürfel aus den Stoffresten ihres Kleides. Riccardo Simonetti will mit Blick auf die Zuschauer trotzdem ein bisschen vom großen ESC-Flair erkannt haben: "Guckt euch mal die Flaggen an, das ist der schwule Superbowl!"

Das Ergebnis

Nun will man die Beiträge nicht größer machen, als sie waren und Geschmacksfrage Geschmacksfrage sein lassen, aber es waren an diesem Freitagabend doch einige Auftritte dabei, von denen man sagen kann: Das könnte auch auf der ganz großen ESC-Bühne in Malmö funktionieren. Am eindrücklichsten dürften die Auftritte von Isaak, Galant und Ryk Song-Contest-Esprit versprüht haben.

Die internationale Jury sieht das ähnlich, aber doch ein bisschen anders. Die Profi-Musiker der acht-Länderjurys sehen Bodine Monet, Max Mutzke (je 55 Punkte) und mit 19 Punkten Abstand Isaak (74 Punkte) auf den Plätzen drei bis eins.

Die Zuschauer haben sich hingegen für eine andere Reihenfolge entschieden. Das Publikumsvoting sieht auf den Plätzen drei bis eins folgende Kandidaten: Ryk, Max Mutzke und auf Platz eins Isaak. Für die Verrechnung beider Abstimmungen braucht man dementsprechend nur wenig Mathematik-Talent: Isaak liegt bei beiden Votings vorne und fährt daher für Deutschland zum ESC-Finale in Malmö – und Barbara Schöneberger darf wieder ein bisschen hoffen.

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Teaserbild: © NDR/Claudia Timmann