• Alexandra Burghardt war schon als Sprinterin bei den Olympischen Spielen in Tokio vor Ort. Nun ist sie Anschieberin im Zweierbob und auch bei den Olympischen Spielen in Peking dabei.
  • Im Exklusiv-Interview mit unserer Redaktion erklärt sie, wo für sie die Hauptunterschiede zwischen den Winter- und den Sommerspielen liegen, wie wohl sie sich auch angesichts der Kritik an China im Olympischen Dorf fühlt und wie groß ihre Corona-Angst ist.
  • Etwas ärgerlich ist für Burghardt einmal mehr die Kleidungsauswahl des deutschen Teams. Stichwort: Hochwasserhosen.
Ein Interview

Alexandra Burghardt, Sie haben den direkten Vergleich zwischen den Olympischen Spielen von Tokio und Peking. Wo fühlen Sie sich wohler?

Alexandra Burghardt: Ich habe mich in Tokio wohler gefühlt. Aber das liegt daran, dass ich dort das Wetter und die Gegebenheiten gewohnt war. Das war Routine für mich. Jetzt in Peking ist alles neu für mich. Bobfahren ist nicht meine Hauptsportart, und entsprechend habe ich mich in Tokio sicherer beziehungsweise routinierter gefühlt. Aber ich fühle mich auch hier sehr wohl und gut aufgehoben.

Im Vorfeld wurde viel über China als Ausrichter dieser Spiele gesprochen, auch Sie haben deutliche Kritik an der Vergabe geübt. Gelingt es Ihnen nun vor Ort, die Spiele zu genießen?

Wir bemühen uns alle. Jeder von uns versteht die Kritik an der Vergabe. Aber wir wollen uns auf das Sportliche konzentrieren. Und an den Spielen an sich ist nicht alles schlecht. Die Anlagen sind super. Wir haben eine wahnsinnige Bobbahn, die es so wahrscheinlich nie mehr geben wird. Auch die Skifahrer sind mit den Pisten sehr zufrieden. Alle sind meganett und freundlich zu uns. Wir fühlen uns wirklich sehr wohl hier. Und dann muss ich aber auch betonen: Wir sind als Sportler hier bei Olympia und nicht unbedingt in China. Wir haben nicht so sehr das Land im Hinterkopf, sondern einfach die Sache an sich, den Olympischen Gedanken. Und das kommt für mich im Dorf sehr gut rüber. Die Nationen untereinander tauschen sich auch trotz Maske und Abstand aus. Man sagt sich hallo, man lernt sich kennen. Das ist alles sehr positiv.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen den Sommer- und den Winter-Spielen und auch den Athletinnen und Athleten?

Es ist schon alles sehr ähnlich. Es ist alles etwas kleiner hier und nicht so riesig wie in Tokio. Und gerade bei den Bobfahrern merke ich, dass das wie eine große Familie ist. Da steht der Teamgedanke deutlich mehr im Vordergrund als bei den Leichtathleten im Sommer. In der Leichtathletik ist es durchaus nicht immer der Fall, dass die Favoriten die anderen Läuferinnen kennen (lacht). Hier sind alle sehr angenehm und aufgeschlossen. Das ist für mich wahrscheinlich der größte Unterschied, dass ich noch mehr Teil eines Teams bin, und dass der Teamgedanke deutlich größer geschrieben wird.

Barkeeper wirken wie Labormitarbeiter

Teilweise wirken die Bilder, die uns aus Peking erreichen, wie aus einem Katastrophenfilm. Viele ganzkörpervermummte Menschen. Was ist das Skurrilste, was Sie bislang in der Olympischen Blase erlebt haben?

Ein paar Maßnahmen sind schon überflüssig. Corona wird schließlich hauptsächlich über Aerosole übertragen, und diese Ganzkörperanzüge bis hin zum Haarschutz und abgetapeten Füßen, das sieht in erster Linie witzig aus, macht aber nicht allzu viel Sinn. Auch die Barkeeper und Kellner im Hotel sehen eher nach Labormitarbeitern aus, wenn sie Getränke mixen. Es geht aber einfach darum, dass die Sicherheit für alle Beteiligten im Vordergrund steht. Dass man sich eben nicht infiziert. Und wenn dann mal ein paar überzogene Maßnahmen dabei sind, dann ist das eben so. Wir sind im Bobteam auch nochmal auf drei Gruppen aufgeteilt. Da ist der Bobverband noch einmal strenger als andere Verbände. Aber das hat jetzt während der Saison schon super funktioniert. Wir sehen uns eigentlich selten, wir essen getrennt, wir trainieren getrennt. Wir hatten die ganze Saison noch keinen positiven Fall und hoffen natürlich, dass es dabei bleibt, damit wir alle unsere Wettkämpfe durchziehen können.

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Sie werden täglich getestet. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie wissen, dass jeden Tag der Traum vom Winterolympia-Start platzen könnte? Es hat ja inzwischen schon wirklich viele erwischt.

Wir sind froh, dass wir die ersten zehn Tage hier ohne positiven Test überstanden haben. Viele der positiv getesteten Athletinnen und Athleten haben ihre Infektion ja wahrscheinlich noch von zu Hause mitgebracht. Ich glaube, die Möglichkeit, dass wir es jetzt noch von daheim mitgebracht hätten, geht inzwischen gegen Null. Klar, man muss immer vorsichtig sein, aber wir haben jetzt keine Panik. Wenn man sich an alles hält, dann kann man sich im schlimmsten Fall zumindest nichts vorwerfen. Dann muss man einfach mit der Situation leben. Aber natürlich schwingt das immer mit. Jedes Gefühl wird sofort interpretiert: Habe ich Halskratzen, fühle ich mich schlapp, schlafe ich nicht gut. Man wird schon sehr sensibel für alles, aber wir sind halt Sportler und kennen unseren Körper sehr gut und kennen auch alle Zeichen sehr gut.

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Eigentlich sind Olympische Spiele auch dazu da, die Kulturen anderer Länder kennenzulernen. Das war in Tokio bereits coronabedingt schwierig. Wie ist es jetzt in Peking für Sie? Bekommen Sie irgendwas von der chinesischen Kultur mit?

Ja, tatsächlich ein bisschen. Es war gerade chinesisches Neujahr, und im Dorf gibt es ganz süße Infotafeln, auch über traditionelle chinesische Medizin, auf denen man sich ein bisschen informieren kann. An unserem Wettkampf ist dann auch noch das Lampionfest, aber das habe ich mir noch nicht genau durchgelesen (lacht). Man wird also zumindest ein bisschen mit der chinesischen Kultur konfrontiert, die Volunteers sind alle sehr freundlich und aufgeschlossen – auch wenn es manchmal mit der Verständigung ein bisschen schwierig ist. Und in der Mensa gibt es natürlich auch asiatisches Essen. Ich gehe jedenfalls nie hungrig aus der Mensa raus. Und sogar der Kaffee ist ganz gut!

Ärger mit den olympischen Klamotten

Waren Sie eigentlich bei der Eröffnungsfeier dabei?

Nein, leider nicht. Darauf haben wir aus Sicherheitsgründen verzichtet. Das ist für mich schon ein bisschen schade, weil ich in der Leichtathletik auch nie die Chance auf die Eröffnungsfeier habe, weil wir ja immer zum Schluss dran sind. Ich mache halt einfach nochmal Spiele und nochmal Spiele, bis es endlich mit einer Eröffnungsfeier klappt (lacht) …

In Tokio hatten wir noch über die Outfits des deutschen Teams gesprochen, damals war vor allem die Länge der Klamotten für Sie ein Thema. Wie zufrieden sind Sie mit dem Winteroutfit des deutschen Teams?

Es geht (lacht). Wir schauen immer ganz neidisch auf die Amerikaner, weil die einfach so tolle Sachen und so viel Variation haben. Vom Schnitt her hat sich im Vergleich zum Sommer nicht viel verändert. Alle Long-Größen waren schon vergriffen, als ich bei der Einkleidung war. Deshalb habe ich ganz oft Hochwasserhosen an. Aber das Wichtigste ist natürlich, dass wir viele warme Sachen haben. Die ersten Tage war es unglaublich kalt und windig. Da waren wirklich drei Hosen und vier Schichten oben angesagt. Da waren wir, zumindest, was die Wärme angeht, gut ausgestattet - auch wenn das Design ein bisschen cooler sein könnte. Aber es passt schon. Diejenigen, die bei der Einlaufzeremonie am komischsten angezogen waren, waren auf jeden Fall die Italiener.

Stimmt, die Flaggen-Ponchos!

(lacht) Genau! Aber unser Mantel von der Eröffnungsfeier ist schon cool und auch schön warm. Den werde ich daheim auch bestimmt mal tragen.

Also darf man das alles mit nach Hause nehmen?

Ja, auf dem Speicher meiner Eltern stapeln sich schon langsam die Einkleidungen: von der Leichtathletik, von den Spielen. Davon versteigert jetzt die Laureus-Stiftung einiges zugunsten von Kindern. Also wenn jemand gerne Sachen von Rio, Tokio oder allgemein der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft hätte, gerne mal reinschauen. Meine Eltern sind auch froh, wenn da mal ein bisschen was wegkommt (lacht).

Wie verfolgen Sie eigentlich die anderen Wettbewerbe? Waren Sie schon live irgendwo dabei?

Ich habe tatsächlich das Abfahrtsrennen der Herren vor Ort angeschaut. Das war sehr beeindruckend. Die Abfahrt ist meiner Meinung nach das Mutigste, was man im Wintersport machen kann. Das sieht vor Ort nochmal viel extremer aus als im TV. Da sieht man erst, wie steil das wirklich ist, welche Kräfte da wirken. Das war sehr beeindruckend.

Der Bobsport ist zum ersten Mal mit zwei Disziplinen bei den Frauen bei Olympia vertreten – es ist ein weiterer Schritt zur Gleichberechtigung im Sport. Wie weit sehen Sie die Olympischen Spiele in Sachen Gleichberechtigung schon gekommen?

Meine Pilotin, Mariama Jamanka, hat sich dazu schon oft geäußert, und ich kann mich ihr da nur anschließen. Klar ist es ein Schritt in die richtige Richtung, dass es jetzt auch bei den Frauen zwei Medaillenchancen gibt. Aber grundsätzlich wettkämpft im Monobob halt doch nur eine. Mariama hätte sich wahrscheinlich lieber einen Viererbob gewünscht, was natürlich auch für die wirkliche Gleichberechtigung viel besser wäre. Es sind einfach drei Kaderplätze mehr. Deswegen: Ja, es gibt eine Disziplin mehr, aber leider nicht so, wie ursprünglich von den Sportlerinnen gefordert oder gewollt. Deshalb hat das IOC da in Zukunft schon noch ein bisschen was zu tun.

Die Bobbahn in Peking soll sehr teuer gewesen sein. Veteran Felix Loch hat sich sein Urteil recht schnell gebildet. Er findet sie viel zu protzig. Fahnenträger Francesco Friedrich hingegen geriet ins Schwärmen. Wie empfinden Sie das Yanqing National Sliding Center?

Die Bahn an sich ist super. Da kann man wirklich gar nichts sagen. Die Anlagen sind perfekt für mich als Anschieberin. Dort gibt es die einmalige Möglichkeit, sich auf einer Tartanbahn aufzuwärmen, was für mich als Sprinterin natürlich perfekt ist. Natürlich stellt sich die Frage, ob immer alles noch größer und krasser werden muss. Wir hätten es auch bevorzugt, woanders an den Start zu gehen, aber nun sind wir halt hier. Niemand sonst wollte Spiele ausrichten. Vielleicht muss man sich da auch mal als Deutschland an der eigenen Nase packen und überlegen, wie man die Olympischen Spiele künftig an Orte vergeben kann, wo dann alle damit zufrieden sind.

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Es sind ja immerhin ein paar Chinesen im Publikum, die sehr erfreut wirken, wenn sie uns zuschauen. Wir waren ja bis vor Kurzem noch in einem Hotel und ich konnte auf eine Skipiste blicken. Es könnte schon sein, dass durch die Spiele eine Sportbegeisterung ausgelöst wird. Cool wäre es - denn das ist ja eigentlich auch immer ein Ziel der Olympischen Spiele - das da in der austragenden Region etwas hängen bleibt.

Am Freitag, den 18. Februar, starten Sie in den ersten Lauf – bis dahin sind es doch noch einige Tage. Ist es ein Vor- oder Nachteil, dass sie so lange in der Olympischen Bubble sind, bis es tatsächlich ernst wird?

Ich finde es gut. Ich mag es gern, da noch einmal runterzukommen, Kräfte zu tanken, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das war in Tokio ähnlich, da hatten wir auch ein Precamp. Das ist uns auch hier in den letzten Tagen gut gelungen. Jetzt freue ich mich erst einmal, dass Mariama den Monobob hat. Da werden wir sie natürlich so gut wie möglich unterstützen.

Wie hoch schätzen Sie selbst Ihre Medaillenchancen ein?

Es kann alles passieren. Das habe ich im Bobsport in den letzten Monaten gelernt. Hop oder top, man kann Erster und Letzter werden, und ein kleiner Fehler kann schon einer zu viel sein. Die Bahn hier ist sehr anspruchsvoll, und wenn man sich oben einen Fehler leistet, dann schlägt sich das natürlich auch gleich in der Gesamtzeit nieder. Deswegen werden wir einfach versuchen, vier saubere Läufe nach unten zu bringen, mit denen wir zufrieden sein können. Und dann hoffen wir, dass das Beste dabei rauskommt.

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