Jupp Heynckes trifft in seiner vierten Amtszeit in München auf einen FC Bayern, der so viele Probleme offenbart wie schon lange nicht mehr. Der neue Trainer hat auf verschiedenen Ebenen alle Hände voll zu tun.

Eine erste grundlegende Entscheidung hat Jupp Heynckes schon getroffen, als er noch gar nicht vorstellig wurde an der Säbener Straße. Sven Ulreich bleibt die Nummer eins - bis Manuel Neuer wieder fit ist.

Die Bayern werden also auf den langen Ausfall des Nationaltorhüters nicht mit einem Zukauf reagieren.

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Nachdem sich Heynckes am Montagmorgen aber im großen Rahmen vorgestellt hat, beginnt die eigentliche Arbeit für den 72-Jährigen. Und Heynckes hat allem Anschein nach mehr zu tun als bei seinen drei vorherigen Engagements in München.

Fünf große Baustellen gilt es in kurzer Zeit zu bearbeiten, schließlich haben es die kommenden Wochen mit Schlüsselspielen in der Liga, in der Champions League und im DFB-Pokal wahrlich in sich.

Die taktischen Defizite

Die Bayern waren zuletzt eine Ansammlung hochbegabter Einzelspieler, aber kein funktionierendes Kollektiv mehr. Manchmal wirkte es, als hätten sich zufällig ein paar Spieler getroffen, um am Sonntagmorgen im Park ein wenig zu kicken.

Die straffen Vorgaben, die noch unter Pep Guardiola gegolten hatten und so manchem Spieler als übertrieben erschienen, weichte Carlo Ancelotti innerhalb von nur 15 Monaten nahezu komplett auf und vertraute statt auf strikten taktischen Vorgaben in erster Linie auf die individuelle Klasse seiner Spieler.

Man brauche "halt die Intelligenz", um seine Entscheidungen zu verstehen, ließ der Ex-Trainer nach seiner Entlassung noch ausrichten.

Das mag für die Planungen der gesamten Saison gelten, wenn Ancelottis Idee womöglich die war, sich in den Herbst- und Wintermonaten durchzumogeln und dann sukzessive Fahrt aufzunehmen für die entscheidende Phase der Saison im Frühjahr.

Auf die aktuellen Missstände aber gar nicht zu reagieren und lediglich darauf zu hoffen, dass es einer der vielen Stars in Spielen gegen Wolfsburg, Berlin oder Freiburg dann schon richten wird, wurde der angespannten Lage aber auch nicht gerecht.

Die Bayern benötigen einen Trainer, der ein gutes Mittelmaß aus Guardiola und Ancelotti schafft, aus Anspannung und Entspannung sowie aus taktischer Raffinesse und einem gewissen Laissez-faire-Gedanken. Heynckes hat gezeigt, dass er genau das kann. Es wird wohl seine schwerste Aufgabe in den kommenden Monaten werden.

Die körperlichen und mentalen Defizite

Schon vor Monaten schimpften einige Spieler über das angeblich zu lasche Training unter Ancelotti - was in gewisser Weise auch schon wieder merkwürdig ist, schließlich hatte sich in den letzten Monaten unter Guardiola der eine oder andere über ein zu anstrengendes und forderndes Training echauffiert.

Jedenfalls sind die körperlichen Defizite einiger Spieler kaum zu übersehen.

Dazu kommen für Bayern-Verhältnisse geradezu groteske Aussetzer einzelner Spieler, die nur auf einen Mangel an Konzentration zurückzuführen sind. Diese fehlende (An-)Spannung kostete zuletzt vier sicher geglaubte Punkte in den Spielen gegen Wolfsburg und Freiburg.

"Jupp Heynckes kann der Mannschaft neue Impulse geben, was Leidensfähigkeit, Einsatzbereitschaft, defensive Einstellung betrifft. Wir werden wieder ein gutes Training haben", hofft Thomas Müller.

Die fehlende Disziplin

Zuletzt ging es innerhalb der Mannschaft gefühlt drunter und drüber. Etliche Stars waren verärgert, die jungen Spieler wie Joshua Kimmich oder Kingsley Coman forderten mehr Anleitung durch das Trainerteam, Ancelotti spreche nicht genug mit seinen Spielern, diese wiederum zu oft mit der Presse.

An die Medien durchgesteckte Interna machten die Runde, ein an der Presseabteilung vorbei geführtes Interview von Robert Lewandowski befeuerte die Annahme, der Pole entwickele sich immer mehr zu einer Ich-AG.

Franck Ribéry maulte über Auswechslungen und schleuderte sein Trikot zu Boden, wieder andere trieben eigene Geschäftsideen voran statt sich auf ihren eigentlichen Job zu konzentrieren.

Der FC Hollywood war wieder eingezogen an der Säbener Straße und Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der eigentlich in erster Linie dafür geholt worden war, immer ein Ohr nahe an der Mannschaft zu haben und kleinste Erschütterungen sofort zu erkennen und darauf zu reagieren, ging im allgemeinen Durcheinander mit unter.

Jetzt ist es mal wieder an Heynckes, der Mannschaft klare Verhaltensregeln an die Hand zu geben und bei Verstößen auch mit entsprechender Härte darauf zu reagieren.

Ancelotti und sein Trainerstab konnten oder wollten dies offenbar nicht und Salihamidzic hat dafür (noch) nicht das Standing in der Mannschaft.

Die Stimmung in der Mannschaft

Ancelotti war auch deshalb geholt worden, weil er als exzellenter Spielerversteher gilt, der schon mit Weltstars wie Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic große Erfolge feierte und am Ende von all diesen Spielern für seine zwischenmenschlichen Stärken in höchsten Tönen gelobt wurde.

Wie bei Ottmar Hitzfeld ist auch Ancelottis eigentliche Stärke die, dass er eine Ansammlung an Stars jederzeit bei Laune halten könne - in München wandte sich diese Stärke mehr und mehr zu einer Schwäche.

Die Stimmung im Team ist in den letzten Wochen rapide gesunken, es soll mehrere Grüppchen geben: auf der einen Seite die etablierten Stars, die sich auf der Zielgeraden ihrer Karriere befinden und ihre womöglich letzte Saison nicht einfach so wegwerfen wollen.

Dazu diejenigen, die öffentlich aufbegehrt hatten gegen den Trainer, die Riege der Jungen, die sich mehr und klarere Anleitungen erhofft hatten für ihre ganz persönliche Entwicklung sowie die Latino-Fraktion der Spanier und Südamerikaner, die offenbar noch sehr gut mit dem italienischen Trainerteam konnten.

Diese gesprengten Einzelteile muss Heynckes jetzt wieder zu einer emotionalen Einheit zusammenfügen. Mit der Grüppchenbildung ist auch die Selbstverständlichkeit flöten gegangen, mit der die Bayern ihre Spiele bestreiten.

Er müsse sehen, "dass die Mannschaft Sicherheit und Vertrauen gewinnt und so in die Erfolgsspur zurückfindet", sagte Heynckes.

Das Verhältnis zu den Bossen

Karl-Heinz Rummenigge verabschiedete Ancelotti im offiziellen Kommunikee der Presseabteilung als "Freund". Uli Hoeneß war da schon weniger nachsichtig. Die beiden Alphatiere waren schon länger aufgeschreckt, weil immer mehr Spieler in ihren Büros vorstellig wurden und sich über Ancelotti beschwerten.

Die Rochaden des Trainers wie zuletzt beim 0:3 in Paris nahmen Rummenigge und Hoeneß mit eisigem Schweigen hin.

Die beiden sind sich derzeit auch oft genug uneins, da störte ein Trainer, der beide nicht mehr überzeugte und nur noch wenig sprach, gleich doppelt.

Mit Heynckes kommt einer zurück, der die Kommunikation auch mit der Führungsriege sucht und auf einer Wellenlänge, besonders mit Hoeneß, liegt.