Der Hamburger SV unterlag in der Relegation gegen den VfB Stuttgart und blickt einer weiteren Zweitliga-Saison entgegen. Trainer Tim Walter soll 2023/2024 ein weiteres Mal versuchen, den Traditionsverein in die Bundesliga zurückzuführen. Doch die Vorzeichen verschlechtern sich.

Eine Analyse
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Sie feierten ihre Mannschaft, obwohl es eigentlich keinen Grund zum Feiern gab. "Immer wieder, immer wieder, immer wieder, HSV", sangen die Fans im Volksparkstadion. Selbst als das Relegations-Rückspiel abgepfiffen war, welches der Hamburger SV gegen den VfB Stuttgart mit 1:3 verlor (Hinspiel 0:3), herrschte auf den Rängen noch Gänsehaut-Stimmung.

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Der HSV hat ein weiteres Mal die Chance verpasst, in die Bundesliga zurückzukehren. Trainer Tim Walter spricht dennoch mit Stolz von seiner Mannschaft. "Es ist nicht so einfach, als HSV immer wieder aufzustehen, wenn man ständig auf die Fresse kriegt", sagte er auf Nachfrage unserer Redaktion.

Walter erinnert daran, "welche Rückschläge wir alle erlitten haben, was mit Mario (Vuskovic, gesperrt wegen Dopings, Anm.d.Red) passiert ist. Im Winter haben wir zwei neue Spieler dazu geholt, die sich dann schwer verletzt haben. Irgendwann läufst du dann natürlich auch auf dem Zahnfleisch."

HSV feierte bereits den Aufstieg – dann kam die Enttäuschung

Und dennoch schien es am letzten Spieltag so, als wäre der HSV aufgestiegen. Spieler und Fans feierten bereits die Bundesliga-Rückkehr, weil sie dachten, der Konkurrent 1. FC Heidenheim hätte das Parallelspiel beim SSV Jahn Regensburg verloren.

Ludovit Reis
Ludovit Reis vom Hamburger SV ist enttäuscht wegen dem verpassten Aufstieg. © IMAGO/Jan Huebner/Michael Taeger

Tatsächlich aber gelangen Heidenheim in der Nachspielzeit zwei Tore und somit der Sieg. Die Hamburger rutschten auf Rang 3 ab – der sicher geglaubte direkte Aufstieg war futsch.

"Wir waren eigentlich schon für ein paar Minuten aufgestiegen, wenn der Schiedsrichter Erbarmen gehabt und nicht elf Minuten nachgespielt hätte. Das sind alles Dinge, die helfen uns nicht. Aber wir zeigen immer wieder, dass wir aufstehen, wir zeigen Nehmerqualitäten. Von daher habe ich Hochachtung vor der Mannschaft, weil sie immer wieder zurückkommt", sagte Walter.

Der HSV hat seit dem Bundesliga-Abstieg im Jahre 2018 nun fünf Mal den Aufstieg verpasst. Dreimal landeten sie auf dem undankbaren 4. Platz. Zuletzt gelangten sie als Tabellen-Dritter zweimal in die Relegation, scheiterten aber im vergangenen Jahr an Hertha BSC und nun an Stuttgart.

Tim Walter soll dennoch Trainer des HSV bleiben

Walter ist bereits der sechste Trainer, der den HSV im Fußball-Unterhaus trainiert. Er übernahm im Sommer 2021 die Verantwortung und hat somit zweimal den Aufstieg verpasst. Jonas Boldt, der Vorstand Sport des HSV, stärkt Walter dennoch den Rücken.

Auf die Frage, ob der Trainer auch kommende Saison im Amt bleibt, antwortete er: "Selbstverständlich. Wenn man gesehen hat, wie wir hier Fußball spielen – wir haben ein Fundament gebaut. Das tut dem Verein sehr gut. Es ist nicht alles perfekt. Aber vieles hat richtig gut funktioniert. Darauf werden wir aufbauen."

Auch Daniel Heuer Fernandes spricht sich dafür aus. "Natürlich waren nicht alle Ergebnisse gut. Aber wir waren immer eine Einheit", sagte der Torwart. "Wir müssen weiter an uns glauben. Natürlich müssen wir das erst einmal verdauen. Aber hinter unserer Einheit wird niemals ein Fragezeichen stehen."

Der Etat des HSV schmilzt in der 2. Liga

Fraglich ist allerdings, ob der sechsmalige Deutsche Meister und zweimalige Europapokalsieger HSV jemals wieder ein richtig großer Verein sein wird.

Das Problem: Je länger der HSV in der 2. Bundesliga festhängt, desto mehr entfernt sich der Verein wirtschaftlich von den Bundesligisten. In der ersten Zweitliga-Saison (2018/2019) betrug der Spieleretat noch über 30 Millionen Euro. In dieser Saison konnte der HSV laut "Bild.de" nur noch 22 Millionen für ihre Profi-Truppe ausgeben.

Zum Vergleich: Der Relegationsgegner VfB Stuttgart soll einen Etat von circa 60 Millionen Euro haben. Selbst wenn der HSV später aufsteigt, werden sie längst nicht so viel Geld zur Verfügung haben. Bei der Verteilung der Fernsehgelder würde nämlich berücksichtigt werden, dass die Hamburger in den vergangenen Jahren lediglich in der 2. Liga gespielt haben.

Der HSV könnte Top-Spieler verlieren und bekommt starke Konkurrenz

In der kommenden Saison dürfte es sogar noch schwieriger werden, den Aufstieg zu packen. Mit den Bundesliga-Absteigern FC Schalke 04 und Hertha BSC (sofern sie die Lizenz erhalten) kommen starke Konkurrenten hinzu. Zudem sind andere Zweitligisten wie der FC St. Pauli und Fortuna Düsseldorf ernstzunehmende Konkurrenten.

Gleichzeitig könnten wichtige Leistungsträger den HSV verlassen. Top-Stürmer Robert Glatzel soll eine Ausstiegsklausel über 1,5 Millionen Euro haben, Mittelfeldspieler Ludovit Reis über 7,5 Millionen Euro. Abgänge sind in beiden Fällen zumindest gut möglich.

Somit bleibt es fraglich, wann die HSV-Fans wirklich einen Grund zum Feiern haben.

Verwendete Quellen:

  • Pressekonferenz und Interviews nach dem Spiel Hamburger SV - VfB Stuttgart
  • bild.de: "Wird der HSV nie mehr ein großer Klub?"
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