Erstmals in der Formel-1-Saison 2020 sitzt der Sieger eines Rennens nicht in einem Mercedes. Max Verstappen gewinnt den Jubiläums-Grand-Prix im englischen Silverstone vor Weltmeister und Lokalmatador Lewis Hamilton. Sebastian Vettel erlebt einmal mehr eine bittere Pleite.

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Der Sieger des Grand Prix anlässlich des 70. Geburtstags der Formel 1 heißt Max Verstappen. Der niederländische Red-Bull-Pilot durchbrach im Reifenpoker von Silverstone die Mercedes-Siegesserie und verwies Weltmeister und Lokalmatador Lewis Hamilton auf Position zwei. Mit aufs Podest fuhr mit Valtteri Bottas der zweite Mercedes.

Verstappen: "Wir hatten eine tolle Strategie"

"Bisher hatten wir nicht die Gelegenheit, richtig Druck auf Mercedes zu machen, heute war das anders", freute sich Verstappen: "Das hatte ich so nicht erwartet. Wir hatten einen großartigen Tag, eine tolle Strategie." Ansonsten aber, gab Verstappen bei RTL zu, "sind wir noch zu langsam für Mercedes." Die "gute Strategie" habe aber heute den Ausschlag gegeben.

Corona-Ersatzmann Nico Hülkenberg kämpfte im skandalumwitterten Racing Point lange um sein erstes Podium im 178. Anlauf, wurde aber letztlich wegen eines Sicherheits-Boxenstopps Siebter.

Sebastian Vettel hingegen haderte mal wieder mit seinem Auto und den Ferrari-Strategen - und kam auch wegen eines Drehers gleich nach dem Start nicht über den enttäuschenden zwölften Rang hinaus.

Verstappen düpierte bei seinem neunten Formel-1-Sieg die scheinbar unschlagbaren Mercedes mit einer mutigen Reifenstrategie und viel Gefühl im Fuß. Hamilton hat in der WM-Wertung nun 30 Punkte Vorsprung auf den neuen Zweiten Verstappen.

Hamilton schnappt sich einen Rekord Michael Schumachers

Hamilton egalisierte auf seiner Heimstrecke, auf der er siebenmal gewann, mit seinem 155. Podestplatz einen weiteren Formel-1-Rekord von Michael Schumacher. Weiterhin trennen den 35-Jährigen nur vier Rennsiege und ein WM-Titel vom Kerpener.

Das interessierte ihn zunächst aber wenig. Hamilton, in der Vorwoche mit zwei kaputten Reifen noch so gerade vor Verstappen als Sieger über die Ziellinie geschlichen, haderte auch eine Woche später mit seinen Pneus. "Wenn man deren Reifen sieht, hatten sie nicht die gleichen Probleme wie wir", sagte er später: "Mit dieser Blasenbildung habe ich nicht gerechnet."

"Wir waren heute einfach nicht konkurrenzfähig", fasste Mercedes' Teamchef Toto Wolff bei RTL zusammen. Unter den äußerlich heißen Bedingungen könne Mercedes "die Pace" mit Red Bull nicht mitgehen.

Wird Perez gesund, muss Hülkenberg in Barcelona wieder zuschauen

Hülkenberg verlor am Start seinen dritten Platz an Verstappen und fuhr lange auf Kurs Platz vier. Dass der Emmericher in der kommenden Woche in Barcelona noch einmal für den an COVID-19 erkrankten Mexikaner Sergio Perez starten wird, schloss Racing-Point-Teamchef Otmar Szafnauer vor dem Rennen quasi aus. In der Vorwoche verhinderte ein defekter Getriebebolzen Hülkenbergs Renncomeback nach gut acht Monaten.

Der im Dauerkrisenmodus befindliche Ex-Weltmeister Vettel verlor im Ferrari sein Rennen an einem wieder mal verlorenen Wochenende bereits in der ersten Kurve, als er mit einem Reifen kurz aufs Gras kam, sich ohne Gegnerkontakt drehte und sich vom letzten Platz mühsam nach vorne kämpfen musste: "Ich habe plötzlich das Heck verloren. Ich weiß nicht, was da los war", rätselte Vettel nach dem Rennen.

An der Spitze konnten sich Bottas und Hamilton überraschend nicht von Verstappen absetzen. Die Medium-Reifen der Mercedes-Piloten bauten schnell ab, der auf der härteren Mischung gestartete Verstappen übernahm so nach dem ersten Reifenwechsel der nachtschwarzen Silberpfeile nach 15 Runden die Führung. Auch mit dem härtesten Reifensatz hatte vor allem Hamilton erhebliche Probleme.

Verstappen wechselte in Runde 27, kam nach einem fehlerhaften Stopp seiner Red-Bull-Crew knapp hinter Bottas auf die Strecke, jagte dem Finnen aber schon nach wenigen Kurven die Führung wieder ab - und erhielt vom Team freie Fahrt.

Vettel meckert Richtung Team: "Ihr habt es verbockt"

Vettel wurde nach 23 Runden von Ferrari an die Box beordert - äußert widerwillig, wie man dem Boxenfunk entnehmen konnte. Der Deutsche war der Ansicht, dass seine Walzen noch gut in Schuss waren. Es habe "keinen Grund" gegeben, wie er bei Sky sagte, ihn hereinzuholen. "Das war auch anders besprochen."

So deutlich kommunizierte das Vettel auch während des Rennens gegenüber seinem Team. "Ich hänge genau da fest, wo wir nicht hinwollten. Wir hatten das heute Morgen besprochen. Ihr habt den Stopp ausgerechnet. Ich gebe weiter mein Bestes. Aber ihr wisst, dass ihr es verbockt habt", wetterte Vettel, als er wenig später auf Rang 13 hinter einem Trio festhing.

Nach dem Rennen legte Vettel nach. "Durch meinen frühen Boxenstopp war die Strategie für den Eimer, wir hätten viel mehr Boden gutmachen können", sagte er bei RTL. "Aber ab dem Moment war das Rennen Quark. Von da an haben wir keinen guten Job gemacht, was die Strategie betrifft."

Rosberg: "Sebastian muss auf den Tisch hauen"

RTL-Experte Nico Rosberg, 2016 Weltmeister vor seinem damaligen Mercedes-Kollegen Hamilton, fasste Vettels Stimmung so zusammen: "Sebastian ist frustriert wie Sau." Rosberg empfahl seinem Landsmann, in Maranello "auf den Tisch" zu hauen und zu fordern: "Gebt mir das Ersatz-Chassis, gebt mir ein neues Auto."

Rosberg steht diesbezüglich auch vor einem Rätsel, erst recht angesichts des vierten Platzes von Vettels jungem Teamkollegen Charles Leclerc. Der Monegasse zeigte mal wieder, was auch mit einem unterlegenen Ferrari möglich ist. "Für mich fühlt es sich an wie ein Sieg. So steht das Auto eben im Moment."

Teams lernen aus den Reifenplatzern der Vorwoche

Anders als in der Vorwoche, als in der Schlussphase bei Hamilton, Bottas und McLaren-Pilot Carlos Sainz die Reifen platzten, setzten die meisten Piloten dieses Mal auf zwei Stopps, die denkwürdigen Bilder wiederholten sich nicht.

In Silverstone ging es dafür auf sportpolitischem Parkett rund: Fünf der zehn Rennställe haben ihre Absicht bekundet, gegen das Urteil in der Kopier-Affäre um Racing Point in Berufung zu gehen. Dies sind Ferrari, McLaren, Williams, Renault und auch Racing Point selbst.

Racing Point droht weiteres Ungemach in der Kopier-Affäre

Sie haben bis zum 12. August um 10:30 Uhr MESZ Zeit, diese Absicht zu bestätigen. Der Fall, in dessen Zentrum bislang der illegale Designprozess technisch legaler Bremsbelüftungen steht, würde vor dem internationalen Berufungsgericht der FIA verhandelt. Dies würde Wochen bis Monate in Anspruch nehmen.

Racing Point wurde am Freitag mit einer Geldstrafe von 400.000 Euro und dem Abzug von 15 WM-Punkten in der Konstrukteurswertung belegt. Das Team fühlt sich zu Unrecht bestraft. Den weiteren beteiligten Parteien geht die Strafe nicht weit genug, zumal Racing Point die fraglichen Bremsbelüftungen, die unerlaubterweise dem Design von Mercedes entsprechen, weiterhin einsetzen darf.

Das Ergebnis des 70-Jahre-Formel-1-Grand-Prix in Silverstone

  • 1. Max Verstappen (Niederlande) Red Bull-Honda 1:19:41,993 Stunden (Durchschnittsgeschwindigkeit: 230,513 km/h)
  • 2. Lewis Hamilton (Großbritannien) Mercedes, 11,326 Sekunden zurück
  • 3. Valtteri Bottas (Finnland) Mercedes, 19,231
  • 4. Charles Leclerc (Monaco) Ferrari, 29,289
  • 5. Alexander Albon (Thailand) Red Bull-Honda, 39,146
  • 6. Lance Stroll (Kanada) Racing Point-Mercedes, 42,538
  • 7. Nico Hülkenberg (Deutschland) Racing Point-Mercedes, 55,951
  • 8. Esteban Ocon (Frankreich) Renault, 1:04,773 Minuten zurück
  • 9. Lando Norris (Großbritannien) McLaren-Renault, 1:05,544
  • 10. Daniil Kwjat (Russland) AlphaTauri-Honda, 1:09,669
  • 11. Pierre Gasly (Frankreich) AlphaTauri-Honda, 1:10,642
  • 12. Sebastian Vettel (Deutschland) Ferrari, 1:13,370
  • 13. Carlos Sainz jr. (Spanien) McLaren-Renault, 1:14,070

eine Runde zurück:

  • 14. Daniel Ricciardo (Australien) Renault
  • 15. Kimi Räikkönen (Finnland) Alfa Romeo Racing-Ferrari
  • 16. Romain Grosjean (Frankreich) Haas-Ferrari
  • 17. Antonio Giovinazzi (Italien) Alfa Romeo Racing-Ferrari
  • 18. George Russell (Großbritannien) Williams-Mercedes
  • 19. Nicholas Latifi (Kanada) Williams-Mercedes

ausgeschieden:

  • Kevin Magnussen (Dänemark) Haas-Ferrari (9. Runde/Defekt)

(AFP/hau)

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