"Kann Deutschland die vierte Welle noch brechen?", will Anne Will am Sonntagabend von ihren Gästen wissen. Dank zweier Wissenschaftlerinnen sind am Ende zwar einige Fragen geklärt, doch bleibt der Zuschauer mit der unguten Ahnung zurück, dass die Wissenschaft auch in der aktuellen Situation wieder den Kürzeren ziehen wird.

Christian Vock.
Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Nein, das sieht alles andere als gut aus und wer die vergangenen Corona-Wellen nicht vergessen hat, der ahnt, dass es noch viel schlimmer wird. "Ganz Deutschland ist ein einziger großer Ausbruch. Das ist eine nationale Notlage", schätzt RKI-Präsident Lothar Wieler die aktuelle Situation in Deutschland ein. Vor diesem Hintergrund fragt Anne Will am Sonntagabend: "Die Corona-Notlage – Kann Deutschland die vierte Welle noch brechen?"

Mit diesen Gästen diskutierte Anne Will:

  • Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
  • Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt
  • Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Mitglied im FDP-Bundesvorstand
  • Hubertus Heil (SPD), Bundesminister für Arbeit und Soziales
  • Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlandes

Darüber diskutierte Anne Will mit ihren Gästen:

Eigentlich wäre es eine schallende Ohrfeige an die Verantwortungsträger der vergangenen Monate, wenn nicht so viel Frustration und Verzweiflung mitgeschwungen wäre: "Wahnsinnig frustriert. (…) Viele der Kollegen und Kolleginnen sind absolut fassungslos, in welche Situation wir geraten sind. Es wurde gewarnt aus der Wissenschaft, welche Kraft die Delta-Variante hat und wie stark das Infektionsgeschehen davon abhängen wird, wie gut wir geimpft sind", erklärt Virologin Melanie Brinkmann auf die Frage Wills, wie frustriert sie sei, dass ihr nicht zugehört wurde.

Aus kommunikationspsychologischer Sicht erklärt Cornelia Betsch, dass zwar bei höheren Fallzahlen bei den Menschen auch die Risikowahrnehmung und die persönlichen Schutzmaßnahmen steigen, "dann ist politisch aber nichts passiert." Man sehe die Realität und warte auf politische Maßnahmen, doch "wenn die dann nicht kommen, verhält man sich auch wieder unvorsichtiger."

Gleichzeitig erklärt die Psychologin, dass die Mehrheit der Menschen sich an die Maßnahmen halte und auch schon lange 2G- oder 3G-Regelungen akzeptiert habe, aber "diese Leute werden verloren durch viel zu langsames Handeln, durch uneinheitliche Kommunikation. Ich glaube, vor dieser Situation stehen wir jetzt", erklärt Betsch und nennt die Warnstufe 3 des neuen Infektionsschutzgesetzes als Beispiel.

Dort, bei der Hospitalisierungsrate 9, sei nämlich der Weg zu einer Entscheidung am längsten und kompliziertesten. Die sei so, wie "wenn man sagt: Ein kleines Feuer löschen wir mit Wasser, ein größeres mit Schaum und wenn wir ein ganz großes Feuer haben, dann haben wir so sieben bis zehn Maßnahmen und dann muss aber erstmal der Landtag entscheiden, ob wir die auch benutzen dürfen und wir müssen als Feuerwehrmänner dann überlegen, welche dieser Maßnahmen werden genutzt."

In der Diskussion um die Hauptfrage der Sendung, ob man die vierte Welle brechen kann, erklärt Melanie Brinkmann: "Wir müssen infektiöse Kontakte reduzieren. Und das müssen wir deutlich mehr und stärker in Regionen, wo die Kurve gerade durch die Decke geht. Und selbst dann wird es fürchterlich für unser Gesundheitssystem."

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

Der verpasste Moment des Abends bei "Anne Will":

Es gibt generell zwei Möglichkeiten, Vertrauen aufzubauen. Die erste Möglichkeit ist, indem man Dinge gut macht. Die zweite Möglichkeit: Man macht Dinge zwar nicht gut – wer macht schon immer alles gut – aber steht dann dazu und strahlt dadurch Einsicht aus und den Willen, es besser zu machen. Am Sonntagabend gab Anne Will allen drei anwesenden Politikvertretern die Gelegenheit, Möglichkeit Nummer zwei zu praktizieren – doch keiner der drei wollte diese Möglichkeit nutzen.

Will fragt Tobias Hans und Hubertus Heil, ob sie sich als Verantwortungsträger wegen der Klage aus der Wissenschaft, man habe diese Situation zugelassen, Vorwürfe machen. Hans antwortet nicht direkt auf die Frage, sondern weicht in ein generelles "man" aus, das in solchen Situationen Resümee ziehen müsse und sagt: "Ich wäre nicht geneigt zu sagen, wir haben zu 100 Prozent alles richtig gemacht."

Hubertus Heil will auch nicht direkt auf die Vorwurf-Frage antworten und bläst stattdessen lieber zur Gegenoffensive und erzählt, dass das getan habe, was in seinem Verantwortungsbereich, also der "Arbeitswelt" liegt. Auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann will keine vertrauensbildenden Maßnahmen ergreifen.

Dazu, dass ihr Parteikollege Marco Buschmann noch am 27. Oktober davon sprach, dass keine systemische Überlastung des Gesundheitssystems drohe, antwortet Strack-Zimmermann: "Die Aussage ist einen Monat her und in diesem Monat hat sich eine Menge getan."

Der erstaunlichste Moment des Abends:

Man muss fair sein. Denn häufig genug wird erwartet, dass Politiker Probleme lösen, noch bevor es diese Probleme überhaupt gibt. Zur Fairness gehört aber auch, die Rahmenbedingungen in eine Beurteilung einfließen zu lassen. Und zu den Rahmenbedingungen der aktuellen Situation gehören zum einen die Erfahrungen aus der Vergangenheit, als nicht früh und vorausschauend genug gehandelt wurde. Und zum anderen die vielen Informationen und Ratschläge, die man von Expertinnen und Experten bekommen hat.

Umso erstaunlicher sind dann die Aussagen von Hubertus Heil, als Melanie Brinkmann diese beiden Rahmenbedingung zusammenbringt. Bezogen auf eine allgemeine Impfpflicht weist die Virologin darauf hin, dass gerade die Zeit davonlaufe und man deshalb alle Instrumente der Pandemiebekämpfung nutzen solle, die man hat. Sie habe sich das schon früher gewünscht, denn "je früher man handelt, desto leichter wird es auch", so Brinkmann.

Momentan konzentriere man sich auf die aktuelle Situation und denke nicht an die nahe Zukunft. "Aber man muss jetzt ja schon wieder in den Januar, Februar, März schauen. Was ist denn dann?"

Deshalb sei es sinnvoll, sich jetzt zu überlegen, was passiert, wenn sich nicht genug Leute impfen lassen. "Dann kann ich nicht erst anfangen zu debattieren: Brauche ich eine Impfpflicht oder nicht. Wir sollten jetzt darüber reden."

"Die Debatte findet in Deutschland statt und sie muss auch geführt werden", entgegnet Heil, schränkt dann aber mit Seitenhieb auf Markus Söder ein: "Wenn sie als Politiker so eine Debatte führen, dann müssen sie ein Konzept haben, wie sie es umsetzen und wie es rechtssicher ist."

Heil selbst wolle die Debatte führen, aber erst müsse man die aktuell beschlossenen Maßnahmen umsetzen. Wer jetzt eine Debatte um die aktuelle Impfpflicht anzettele, "der muss mir dann ein Konzept vorlegen, wie man’s umsetzt."

Diese Aussagen von Hubertus Heil lassen mindestens zwei Schlüsse zu. Zum einen, dass er über eine allgemeine Impflicht erst sprechen möchte, wenn man die Maßnahmen umgesetzt hat, von denen Melanie Brinkmann wenige Minuten zuvor gesagt hat, dass sie in Hochinzidenzgebieten wie Bayern oder Sachsen schon nicht mehr ausreichen werden. Und zum anderen, dass er selbst, da er diese Debatte noch nicht führt, offenbar kein rechtssicheres Umsetzungskonzept einer allgemeinen Impfpflicht hat, noch nicht einmal in der Hinterhand. Im zweiten Jahr einer Pandemie! Man weiß nicht, welcher der beiden Schlüsse besorgniserregender ist.

Der bildhafteste Moment des Abends:

"Ich seh’ mich noch ganz oft erklären, was exponentielles Wachstum ist", beginnt Melanie Brinkmann, als sie auf die Behauptung von Markus Söder angesprochen wird, alle Virologen, Epidemiologen und Wissenschaftler hätten "die Wirkung dieser neuen Welle in ihrer Wucht und Geschwindigkeit nicht richtig eingeschätzt."

Deshalb greift Brinkmann zu einem anschaulichen Beispiel: "Wenn man sich ein Fußballstadion anschaut und da kommt 1 Regentropfen rein und am nächsten Tag sind es 2 und am Tag darauf sind es 4, 8 und 16. Dann ist dieses Fußballstadion am Tag 42 halbvoll. Und das Gefährliche ist eben, dass man es davor nicht so wirklich sieht."

So schlug sich Anne Will:

Sehr gut, denn Will war den ganzen Abend über sehr aufmerksam und hakte da noch, wo ihre Gäste ausweichend, widersprüchlich oder vergesslich waren. So erinnerte sie Tobias Hans, als dieser erklärte, die Impfzentren wieder zu öffnen, daran: "Die Sie aber vorher schon mal geschlossen haben."

Corona-Maßnahmen in Bus und Bahn: Was Sie als Fahrgast beachten müssen

Bald greift die 3G-Regel in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Nur Geimpfte, Genesene und Getestete dürfen dann noch Bus und Bahn fahren. Das Wichtigste im Überblick.

Die Sätze des Abends:

Bereits als Tobias Hans über Auffrischungsimpfungen spricht, erklärt Melanie Brinkmann: "Das Hauptproblem ist die hohe Quote der Nicht-Geimpften. (…) Wenig später bestätigt dies ihre Kollegin Cornelia Betsch: "Bei neun von zehn Ansteckungen sind Ungeimpfte involviert." Daraufhin wird Melanie Brinkmann noch deutlicher: "Die Ungeimpften treiben diese Pandemie gerade. Die Geimpften sind nicht unser Problem gerade."

Das Fazit des Abends:

Es war insgesamt ein guter Abend, denn er legte vieles offen. Zum Beispiel den Frust der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass ihre Warnungen von der Politik in den Wind geschlagen wurden. Gleichzeitig konnten einige Sachverhalte klargestellt werden, zum Beispiel, dass eine Impfpflicht und ein Impfzwang zwei verschiedene Dinge sind. Oder dass auch die einrichtungsbezogene Impfpflicht nicht helfen wird, die aktuelle Welle zu brechen.

Es bleibt aber auch der Eindruck, dass die Politik der Wissenschaft nun schon wieder hinterherhinkt und Maßnahmen ergreift, die man vor Wochen hätte ergreifen sollen, um dann in ein paar Wochen Maßnahmen zu diskutieren, die man jetzt hätte diskutieren und umsetzen müssen.

Lesen Sie auch: Anpassung der Corona-Maßnahmen bringt neuen Zündstoff in Kimmich-Debatte

Bildergalerie starten

Aktuelle Karikaturen

Nachrichten aus der Politik sind langweilig und dröge? Unsere aktuellen Karikaturen beweisen das Gegenteil - jeden Tag aufs Neue.