Mit intellektueller Schärfe und Brücken bauenden Worten hat Altbundespräsident Joachim Gauck bei Sandra Maischberger einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Mittelpunkt stand auch die Frage, ob der Mahner der Nation der neuen Regierung beitreten darf.

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Eine Kritik
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Wäre Altbundespräsident Joachim Gauck das bessere Staatsoberhaupt in der Coronakrise gewesen? Es ist eine Frage, die in den sozialen Medien nach dem Auftritt des 81-Jährigen bei "Maischberger.Die Woche" häufiger gestellt wurde.

Mit klaren Aussagen an die Adresse von Impfgegnern- und -skeptikern, aber dennoch stets auf Versöhnung und Ausgleich bedacht, traf Gauck bei vielen Zuschauern offenbar einen Nerv. Fast fühlte man sich an die legendären Interviews Maischbergers mit dem verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt erinnert. Mit dem großen Unterschied, dass Gauck die Gastgeberin nicht mit Mentholzigaretten zuqualmte.

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Das ist das Thema bei "Maischberger"

Eine dramatische Infektionslage, immer mehr Tote in den Krankenhäusern und nun auch noch Sorgen aufgrund der neuen Corona-Variante Omikron: Die vierte Welle hat Deutschland voll erwischt, es ist wohl die bisher dramatischste Situation der Pandemie. Die Rufe nach schärferen Maßnahmen – vor allem gegen Ungeimpfte – werden immer lauter. Sogar ein erneuter bundesweiter Lockdown kann nicht mehr gänzlich ausgeschlossen werden. Viele führende Politiker sprechen sich inzwischen für eine allgemeine Impfpflicht aus. Anders als noch im Wahlkampf

Zweites wichtiges Thema: Die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP nimmt bald die Arbeit auf. Kann das neue Regierungsbündnis Krise? Und warum ist der Mahner der Nation, Karl Lauterbach, noch immer nicht zum designierten Bundesgesundheitsminister ernannt worden?

Das sind die Gäste

Hendrik Wüst: Der NRW-Ministerpräsident (CDU) ist sich ziemlich sicher, dass die allgemeine Impfpflicht in Deutschland kommen wird.

Hendrik Wüst bei Sandra Maischberger.

Für Verweigerer müsse es im Geldbeutel weh tun, das könne "nicht mit Kleingeld gemacht sein", so Wüst. Zudem brachte der Nachfolger von Armin Laschet künftig Inzidenzen ab 350 oder 400 als neuen "denkbaren" Grenzwert für Verschärfungen ins Spiel. Außerdem will Wüst, dass die von den hohen Inzidenzen besonders stark betroffenen Bundesländer alle Möglichkeiten haben, weiter die Maßnahmen zu verschärfen. Auch nach dem Dezember, wenn die "Epidemische Notlage von nationaler Tragweite" ausläuft.

Joachim Gauck: Der ehemalige Bundespräsident übte Kritik an Gegnern der Corona-Impfung: "Sie haben ein Freiheitsverständnis, das andere beschädigt." Für Gauck ist klar: Corona hat "starke Spaltungstendenzen". Der 81-Jährige, selbst dreifach geimpft, hält es daher für wichtig, mit Impfgegnern zu reden, aber nicht mit jenen, die kruden Verfolgungsphantasien anhängen. Zudem sei es nicht richtig, skeptische Intellektuelle wie Svenja Flaßpöhler oder Sahra Wagenknecht gleich ins Lager der Querdenker einzusortieren. Es dürfe keine "Feindschaft" zweier Lager geben, zwischen denen keine Brücken mehr existieren, so der Alt-Bundespräsident.

Anna Planken: Die ARD-Moderatorin kann die lange Untätigkeit der Politik im Übergang zwischen der amtierenden und der nächsten Regierung "fast nicht aushalten". Kritik übte sie am fehlenden Schuldbewusstsein des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) an der dramatischen Situation in seinem Bundesland. "Obwohl er zu spät reagiert hat." Schließlich sprach sich Planken für weitere Verschärfungen für Ungeimpfte aus – als Anreiz für die Erstimpfung.

Christina Berndt: Für die Wissenschaftsjournalistin ist die FDP die Verliererin der Woche. Der Grund: "groteske Fehlentscheidungen in der Pandemie" und die gescheiterte Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, das die Grundrechtseingriffe der Regierung in der Pandemie als verfassungsgemäß beurteilt hatte. Eine Impfpflicht sieht sie skeptisch, trotzdem sagte sie: "Wären mehr Leute geimpft, dann ginge es dem Land besser." Daher findet sie das erneute Schneckentempo der Politik in der vierten Welle "unerträglich zäh, unerträglich langsam". Das Virus gönnt keine Verschnaufpause, zumal die neue Omikron-Variante noch ansteckender als Delta sein könnte. Dass vor diesem Hintergrund der kommende Gesundheitsminister noch nicht bekannt ist, hält Berndt "für einen großen Fehler".

Wolfram Weimer: Testkapazitäten runter gefahren, Impfzentren geschlossen: Der Publizist nennt die Corona-Politik "multiples Organversagen". "Nicht mal Luftfilter sind in den Schulen da", bemängelt er. Geschweige denn ein Gesundheitsminister-Kandidat. "Wir haben mit Karl Lauterbach einen, der es kann", so Weimer. Auch wenn er mit seinen pessimistischen Prognosen genervt habe, habe er auch meistens Recht behalten. Berndt und Planken sind ebenfalls für Lauterbach. Doch Weimer weiß, dass es bei der Besetzung von Kabinettsposten "nicht um Wissen, nicht um Kompetenz" geht, sondern oft um Proporz. Deswegen ist Robert Habeck nicht Landwirtschaftsminister geworden und Cem Özdemir (beide Bündnis 90/Grüne) nicht Außenminister. Anstelle von Lauterbach wird erwartet, dass die SPD eine Frau nominiert.

Das ist die These des Abends

Ist die Impfpflicht vielleicht nur eine Nebelkerze? Zu dieser These kommt Wolfram Weimer. Er hält deren Ankündigung lediglich für ein "Mittel der politischen Kommunikation". Mit dem Ziel die Impfquote - letztlich ohne die tatsächliche Einführung der Impfpflicht - deutlich zu erhöhen.

Weimer beklagte, dass alle führenden Politiker die Pflicht zum Pieks zunächst ausgeschlossen hatten und nun eine Rolle rückwärts vollziehen müssen. Das hat in seinen Augen der Integrität der Politik enorm geschadet.

Das ist der Moment des Abends bei "Maischberger. die Woche"

Joachim Gauck, 81 Jahre alt, zur Corona-Risikogruppe gehörend: Ob er persönlich Angst vor dem Virus habe, will Gastgeberin Sandra Maischberger wissen. "Nö. Ich bin dreifach geimpft. Das mit der Angst, das ist mir nicht so gegeben", antwortet Gauck entspannt. So viel Gelassenheit und Klarheit täte so manchem Akteur in der Coronakrise gut.

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Beim Interview mit Gauck wirkte Maischberger fast wie ein Fan des begnadeten Rhetorikers. Bei einer Antwort rutsche ihr sogar ein anbiederndes "absolut" heraus. Man kennt es von den Talks mit Helmut Schmidt, bei denen die Chemie immer stimmte. Bei NRW-Landeschef Wüst ging die Talkmasterin schon eher ihrem Kerngeschäft nach – kritisch nachfragen.

Bilder von vollen Fußballstadien mit Fans ohne Masken wird es in seinem Bundesland so "nicht wieder geben", kündigte Wüst an. "Aus heutiger Sicht war es falsch, das so zuzulassen". Öffentlich einen Fehler eingestehen ist eine seltene Übung bei einem Spitzenpolitiker. Und Wüst tat es gleich noch einmal. Ein altes, abwertendes Zitat über Arbeitslose bedauerte der CDU-Mann ausdrücklich.

Das ist das Fazit

Verschärfungen vor allem gegen Ungeimpfte, also mehr 2G oder 2G plus (inklusive Tests), Veranstaltungen in Innenräumen möglichst reduzieren oder verbieten – darin war sich die Runde bei "Maischberger. Die Woche" mit Blick auf die nächsten Schritte in der Pandemie-Bekämpfung weitgehend einig.

Notfalls muss eben ein Lockdown für Ungeimpfte her, denn "Deutschland steht am Rande einer Katastrophe", so Christina Berndt. In den Augen von Wolfram Weimer dürfe es keinesfalls bei Symbolpolitik bleiben: Weihnachtsmärkte schließen, Fußballstadien schließen – das reiche nicht aus.

Und wie wird die neue Omikron-Variante das Geschehen beeinflussen? "Im Moment ist das wirklich nicht unser Problem", sagte Berndt. "Momentan ist Delta unser Problem". Sie geht davon aus, dass hierzulande schon ein paar Hundert Omikron-Fälle im Umlauf sind. Soll heißen: Falls die Mutante tatsächlich ansteckender als Delta sein sollte, ist ihre Verbreitung ohnehin nicht mehr aufzuhalten.

Damit wird sich auch der kommenden Bundeskanzler Olaf Scholz abfinden müssen. Weimer sieht den Noch-Finanzminister schon vor seiner Wahl als "eher schwachen Kanzler". Aufgrund seines Ergebnisses, der Flügelkämpfe in der SPD, weil er nicht Parteichef ist und weil Grüne und FDP Scholz in den kommenden vier Jahren jederzeit durch einen CDU-Kandidaten ersetzen könnten.

Joachim Gauck sieht die Sache anders. Positiver natürlich. Er ist der Ansicht, dass von "Herrn Scholz noch einiges zu erwarten ist". Auch Angela Merkel hätten viele zunächst unterschätzt, die neue Regierung habe bei ihm einen Vertrauensbonus. Den sollte sie in den kommenden Krisen-Wochen nur nicht gleich wieder verspielen. Nicht bei Gauck und nicht beim Rest der ihr Wohlgesinnten.

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