Mehr Großbritannien wagen oder lieber noch Vorsicht walten lassen? Die kommende vierte Corona-Welle beschäftigt die Runde bei "Maybritt Illner" - doch mitten in der Debatte wird plötzlich ein Kalter Krieg heiß: Der Virologe Hendrik Streeck will alte Rechnungen mit SPD-Mann Karl Lauterbach begleichen und erntet heftigen Widerspruch.

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Eine Kritik
von Christian Bartlau
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Was machen die Briten da? Die Delta-Variante hat übernommen, die Inzidenz liegt bei 245, die Infektionszahlen könnten laut Regierung auf 50.000 oder sogar 100.000 Fälle pro Tag steigen – und trotzdem hält Premier Boris Johnson am Plan fest, am 19. Juli sämtliche Corona-Maßnahmen aufzuheben.

Vorbild oder Warnung für Deutschland – darüber diskutiert "Maybrit Illner" unter dem Titel "Zurück ins Leben - mehr Freiheit, weniger Vorsicht?". Doch die Sachdiskussion gerät schnell in den Hintergrund, weil der lange schwelende Kalte Krieg zwischen dem Virologen Hendrik Streeck und Chef-Mahner Karl Lauterbach plötzlich heiß wird.

Das sind die Gäste bei "Maybrit Illner"

Clubs, Jahrmärkte, Riesenhochzeiten – all das ist ab dem Wochenende in Nordrhein-Westfalen wieder möglich. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) verteidigt die Öffnungen mit niedrigen Inzidenzen und weitreichenden Vorsichtsmaßnahmen wie Masken und Tests: "Und wenn Fußballspiele mit 25.000 Zuschauern möglich sind, muss auch die Dorfkirmes wieder gehen."

"Nicht mit lockerem Auge" sieht Virologe Hendrik Streeck das Modell Johnson in Großbritannien. Die Öffnungen in Nordrhein-Westfalen hält er, wenig überraschend für ein Mitglied des dortigen Expertenrats, für angebracht: "Wir müssen ausprobieren, wie wir in eine achtsame Normalität kommen."

Die "Süddeutsche"-Journalistin Christina Berndt findet das Experiment in NRW "völlig unklug": "Ich habe ein Déjà-vu, Anfang März wusste auch jeder, dass die Alpha-Variante kommt, und trotzdem wurde geöffnet, um alles bald wieder zurückzunehmen."

Auch Anna Schneider von der "Welt" hat ein Déjà-vu, nur anders: "Seit anderthalb Jahren starren wir auf Inzidenzen, dabei steigen die Belegung der Intensivbetten und die Todeszahlen nicht."

Die Ständige Impfkommission Stiko empfiehlt zumindest vorerst keine Impfung für Kinder von 12 bis 16 Jahren. Eine falsche Entscheidung, meint Karl Lauterbach, der mit massiven Infektionen durch die Deltavariante an den Schulen rechnet: "Dann impfen wir im Prinzip die Kinder durch Durchseuchung. Mir scheint die Impfung sicherer."

Das ist der Moment des Abends

Grün waren sich Hendrik Streeck und Karl Lauterbach selten in den letzten anderthalb Jahren, man konnte das erst vor einer Woche bei "Markus Lanz" verfolgen. Danach sprach Lauterbach auf Twitter allerdings noch von einem "fairen Schlagabtausch". Auf diesen Abend passen andere Begriffe besser – Showdown vielleicht, oder Generalabrechnung.

Den ersten Schlag setzt Streeck relativ unvermittelt an: Lauterbachs Kritik an der Stiko "trage zur Spaltung der Gesellschaft bei", wettert der Virologe plötzlich. Als Lauterbach protestiert, legt Streeck nach: "Ich finde es auch höchst unanständig, wie Sie mir in Interviews unterstellen, dass ich Lockdowns überflüssig finde."

Stein des Anstoßes ist offenbar ein aktuelles Spiegel-Interview, in dem Lauterbach sagt, dass es "bei den Kollegen, ob Streeck, Schmidt-Chanasit oder – wie heißt er gleich noch mal? – Klaus Stöhr, immer auf die gleiche These hinausläuft: Der Lockdown war überflüssig. Auf Lauterbach, Drosten oder Melanie Brinkmann, Viola Priesemann hätten wir nicht hören dürfen."

Streeck fühlt sich mindestens missverstanden, wenn nicht falsch wiedergegeben - er habe den Lockdown mehrmals als "alternativlos" bezeichnet, Lauterbach wirft er "Wahlkampfstil" vor. Alles nicht persönlich gemeint, wiegelt der SPD-Mann ab, ihm sei es stets nur um "fachlichen Disput" gegangen.

Unterstützung bekommt Lauterbach per Fernschalte aus München: Christina Berndt von der "Süddeutschen" erinnert Streeck an Interviews im November 2020, in denen er einen Lockdown als verfrüht abgelehnt hatte. "Ich finde, Sie haben zur Spaltung beigetragen." Nur um einzugestehen, dass auch einige Medien mit ihrer Zuspitzung auf angebliche Duelle wie "Drosten vs. Streeck" nicht ganz unschuldig waren am Schlamassel. Da scheint nach Corona eine große Friedenskonferenz nötig zu sein...

Das ist das Rede-Duell des Abends

Apropos: Wann ist nun dieses "nach Corona"? Für Heiko Maas ja offenbar dann, wenn allen Bürgerinnen ein Impfangebot gemacht wurde, weil dann, so der Außenminister, jede rechtliche Grundlage für die Einschränkungen wegfallen.

Genau so sieht es auch Anna Schneider, die bei der "Welt" die Funktion der "Chefreporterin Freiheit" ausübt, und dementsprechend argumentiert - in der Pandemie habe sich das Werteverhältnis "von der Freiheit zur Sicherheit" verschoben, damit müsse nun Schluss sein: "Es ist nicht die Aufgabe des Staates, jemanden vor sich selbst zu schützen."

"Das kann nicht unsere Haltung sein", entgegnet Karl Lauterbach, der vor jungen Patienten in den Kliniken warnt – und immer wieder vor den Unmengen an Long-Covid-Patienten, die bei einer mehr oder minder offenen Durchseuchung rein statistisch zusammenkommen.

Eigene Verantwortung, meint Schneider, die Politik sei nur verantwortlich für die Impfkampagne, die besser laufen könnte, Stichwort mobile Impfteams: "Warum passiert das nicht längst?"

Die kurze wie ernüchternde Antwort von NRW-Gesundheitsminister Laumann: "Dafür hatte ich letzte Woche noch nicht den Impfstoff." Aber der Mut und der Optimismus für Öffnungen, der ist da.

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Nicht nur auf der Höhe, sondern immer einen Schritt voraus – das ist Maybrit Illner in Normalform. Meist ahnt sie Antworten schon voraus, wenn es ihr mal wieder zu langsam geht, beendet sie auch gern die Sätze ihrer Gäste.

Manchmal beherrscht sie auch die Kunst der dreisten Frage: "Wo haben Sie sich geirrt?", fragt sie Hendrik Streeck, der leicht missmutig antwortet: "Das finde ich genau den Fehler in den Fragen - es geht nicht darum, wer richtig lag und wer falsch." Illner fragt nach, nickt, und wendet sich zu Karl Lauterbach: "Wo würden Sie sagen, lag Hendrik Streecks größter Fehler und wo ihrer?" Netter Versuch, aber Lauterbach will den Streit mit Streeck nicht neu anfachen: "Zu Herrn Streeck sage ich nichts."

Das ist das Ergebnis

Weil der Showdown der Corona-Giganten viel Platz einnimmt, bleibt nicht mehr genug Zeit, um den Weg in den Herbst zu skizzieren – eigentlich kein Problem, sollte man meinen, wir kennen die Situation ja noch vom vergangenen Sommer und werden sicherlich nicht dieselben Fehler noch einmal machen ... oder doch, Anna Schneider? "Ich habe das Gefühl, wir laufen ins selbe Messer wie letzten Sommer." Besonders in Sachen Schule: Egal, ob die Kinder geimpft werden oder nicht, meint die Journalistin, man müsste sich dringend vorbereiten – Lehrer impfen, Luftfilter kaufen. "Es kann doch kein Problem sein, in anderthalb Jahren Pandemie für die Basics zu sorgen?!"

Tja … um es mit Hendrik Streeck zu sagen: "Wir sind im Sommerreifen-Modus, aber wir müssen uns jetzt um den Winterreifen-Modus Gedanken machen." Hoffentlich wissen das auch Karl-Josef Laumann, Jens Spahn und Co.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert Lockerungen in NRW

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält die Lockerungen in Nordrhein-Westfalen für zu frühzeitig. Ihm wäre es "lieber gewesen", wenn man diese etwas später beschlossen hätte.