Es waren spannende Themen, die Sandra Maischberger am Dienstagabend in ihrer Talkshow auf dem Zettel hatte: die Proteste in China, die WM in Katar, die Energiesicherheit Deutschlands oder die Reform bei der Staatsbürgerschaft. Besonders interessant hätte das Gespräch mit Alice Schwarzer werden können, die am Samstag 80 Jahre alt wird. Doch leider mündete ausgerechnet dieses Gespräch in unschönen Polemik-Vorwürfen Schwarzers an einen anderen Gast.

Christian Vock.
Eine Kritik
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Dass Alice Schwarzer eine streitlustige Person ist, sagt sie selbst und Streitlust ist erst einmal auch nichts Schlechtes. Schlecht wird sie erst dann, wenn sie unfair und unsachlich wird und genau das war am Donnerstagabend bei Sandra Maischberger der Fall. Doch zum Glück wurde vorher auch vernünftig diskutiert.

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Mit diesen Gästen diskutierte Sandra Maischberger:

  • Klaus Müller (B’90 / Die Grünen), Chef der Bundesnetzagentur
  • Kai Strittmatter, Journalist und China-Experte (aus München zugeschaltet)
  • Alice Schwarzer, Herausgeberin der "Emma"
  • Rainer Hank, Journalist
  • Anna Planken, Moderatorin
  • Vassili Golod, Ukraine-Korrespondent der ARD

Die Themen des Abends:

Journalist Kai Strittmatter ist aus München zugeschaltet, um die aktuellen Proteste in China einzuordnen. Chinas Corona-Politik habe seit der Omikron-Variante nicht mehr funktioniert, nun gebe es deshalb so strenge Lockdowns, "viel härter, als sie jemals bei uns waren". Nun habe sich deswegen so viel Frust aufgestaut. Staatspräsident Xi Jinping sei jetzt in einem Dilemma, denn er habe die Zeit nicht für mehr Impfungen genutzt. Zudem gebe es viele Risikogruppen in China.

Gäbe es nun Öffnungen, gäbe es auch viele Infektionen und Todesfälle, "die der Partei genauso viele Probleme einbringen würden", so Strittmatter. Auf der anderen Seite habe Xi China von einer "normalen Diktatur" wieder zu einem "totalitären Staat" gemacht. Xi sei ein "absoluter Kontrollfreak", der die eingeführten Corona-Kontrollmaßnahmen beibehalten werde. "Umso mehr muss man die Leute bewundern, die da auf die Straße gehen", erklärt Strittmatter. "Da werden Dinge bleiben", meint der Journalist, denn es ginge nicht nur um Covid, sondern auch um politische Teilhabe.

Natürlich ist auch die WM in Katar Thema und Maischberger fragt, ob die Forderung von Robert Habeck nach mehr Kritik durch die Nationalmannschaft nicht eine Form von Doppelmoral sei, schließlich habe der Wirtschaftsminister gleichzeitig einen Gas-Deal mit Katar gemacht. Für Golod sind das zwei unterschiedliche Dinge. Er wünsche sich auch mehr Haltung von der Mannschaft. "Was Robert Habeck angeht: Er muss natürlich das ausbaden, was in den vergangenen Jahren politisch falsch gemacht wurde."

Rainer Hank hingegen will nicht nur eine Doppelmoral erkannt haben, sondern stellt gleich die ganze Partei und ihre Geschichte infrage: "Es zeigt nochmal die ganze Lebenslüge der Grünen: Wir kommen eben auf lange Zeit ohne fossile Brennstoffe nicht aus. Die Transformation dauert."

Was Hank bei seiner Fundamentalkritik nicht erwähnt: Dass diese Transformation dauert, wird auch bei den Grünen niemand bestreiten. Nur würde sie viel schneller verlaufen, hätte man in den Merkel-Jahren eben nicht viel zu wenig gemacht. Den Grünen nun eine "Lebenslüge" zu unterstellen, weil sie die verpennte Politik der vergangenen Jahre ausbaden müssen, ist verquere Logik vom Feinsten.

Die Runde spricht außerdem über die Vorschläge für ein neues Staatsbürgerschaftsrecht und hier empfindet Golod die Kritik von CSU-Mann Alexander Dobrinth, die Ampel würde den deutschen Pass "verramschen" und dadurch "zusätzliche Pull-Effekte bei der illegalen Migration auslösen" als eine "rechtspopulistische Äußerung, die ich so nicht verstehe". Experten hätten schon in seiner Kindheit genau solche Vorschläge gemacht. Auch Rainer Hank stört sich am Begriff "verramschen", will mit Blick auf den Fachkräftemangel die Kritik an angeblichen Pull-Effekten aber umdrehen: "Wir brauchen Pull-Effekte!"

Das Gespräch des Abends:

Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, sitzt im Einzelgespräch mit Maischberger und beantwortet ihre Fragen zur Energieversorgung. Den größten Einfluss auf Gasverbrauch und Heizverhalten habe die Temperatur", erklärt Müller, gibt sich mit Blick auf den Winter aber eher gelassen: "Ich bin kein ängstlicher Mensch. Es ist viel geschehen: Wir haben die Speicher gut gefüllt, wir haben zumindest in den letzten Wochen auch signifikante Einsparungen gesehen – da war’s ja auch schon ein bisschen kälter. Aber ich sag mal so: Eine gewisse Anspannung, die kann ich nicht verhehlen."

Doch wie schnell können die Gasvorräte schwinden? "Wenn wir gar keinen Gaszufluss mehr hätten, was absolut unwahrscheinlich ist, dank Holland, Belgien, Norwegen, etc., dann wären das ungefähr neun bis zehn Wochen", sagt Müller. Der Winter in Deutschland dauere zwar länger, aber die Lage bei den Gasspeichern sei "ein historischer Höchststand". Bei wirklich "klirrender Kälte" jedoch, "würden wir sehr, sehr schnell mehrere Prozentpunkte [bekommen; Anm. d. Redaktion] und je nach unserem Heizverhalten, würden wir das sehr, sehr schnell sehen", so Müller.

Bei seiner Aussage vom Sommer, dass auch bei einer Gasmangellage private Haushalte nach europäischem Recht besonders geschützt sind, bleibt Müller: "Momentan gibts kein Szenario, wo wir davon ausgehen, dass wir an die privaten Haushalte ran müssen." Vorher müsse man sich Gedanken über die Industrie machen, "aber damit das nicht passiert, kann das private Sparen sehr, sehr helfen".

Über einen potenziellen Blackout in Deutschland sagt Müller: "Deutschland hat eine sehr, sehr gute Stromversorgung. Wir sind mehrfach redundant, also wir haben Erzeugungskapazitäten im doppelten Sinne", erklärt Müller und sagt: "Bisher gibt es kein Szenario, wo wir uns große Sorgen machen." Auch für andere Notfälle wie Ausfall der Wasserversorgung, der Geldautomaten oder Tankstellen sieht Müller Deutschland sehr gut vorbereitet. Gleichwohl gebe es auch Empfehlungen, privat mit Vorräten vorzusorgen.

Der Lacher des Abends:

Müller ist als Chef der Bundesnetzagentur für die Post zuständig und hier haben sich in den vergangenen Monaten die Beschwerden über zu spät oder nicht zugestellte Post gehäuft. Seine Agentur sei deshalb auch mit der Post im Austausch, erklärt Müller, denn der Grund der Beschwerden sei "richtig ernst". Schließlich gebe es eine "Zustellungsfiktion" beim Versand der Post, worauf es von Maischberger und ihrem Publikum Gelächter gibt.

"Zustellungsfiktion ist sehr gut: Man denkt, es kommt an", lacht Maischberger und Müller erklärt den ernsten Hintergrund. Es gebe eben nicht nur Familienpost, sondern auch rechtsverbindliche Briefe, bei denen der Gesetzgeber unterstellt, "dass mich der Brief in einer bestimmten Frist erreicht und dann tritt eine Rechtswirkung ein. Darum ist das nicht lustig an der Stelle", so Müller.

Der Schlagabtausch des Abends:

Auch der Talk mit Alice Schwarzer hätte zum Gespräch des Abends werden können und war es vielleicht am Anfang sogar. Da spricht Schwarzer über ihre erste Liebe, über ihre Kindheit, in der sie vom Großvater aufgezogen wurde, weil die weibliche Linie ihrer Familie von "wenig Mütterlichkeit" geprägt gewesen sei. Stattdessen sei gerade ihre Großmutter politisch sehr engagiert gewesen.

Aber Schwarzer hat auch Kritik mitgebracht, etwa an Influencerinnen. "Ich finde gefährlich, dass den jungen Mädchen erzählt wird, Konsum macht glücklich", meint Schwarzer und kritisiert weiter: "Als Frau muss man immer eine glatte Haut haben. Und ganz schlank sein. Das ist enger, als es für uns war. Meine Generation in den Siebzigern, wir wollten nicht glattere Haut, wir wollten die Welt verändern."

Später wird Schwarzer immerhin differenzierter, aber nur bei jungen Frauen. Denn natürlich spricht Maischberger Schwarzer auch auf ihre Forderung an, der Ukraine keine Waffen zu liefern, weil das den Krieg nur verlängern würde. Weil Schwarzer das immer noch so sieht, fragt Maischberger weiter: "Wenn die Ukraine nicht unterstützt wird, dann ist nicht einfach Frieden, sondern dann passieren Vergewaltigungen, da werden Menschen erschossen, es gibt Massengräber, die gefunden werden, Folterungen!"

Schwarzer bleibt trotzdem bei ihrer Meinung, der Krieg würde sich durch Waffen verlängern. Außerdem sei es so, "dass nicht nur die Ukrainer alleine entscheiden, sondern Amerika spielt eine große Rolle", behauptet Schwarzer und der Krieg sei auch ein "Stellvertreterkrieg zwischen Amerika und Russland". An dieser Stelle hat Vassili Golod genug: "Da sind Sie im Bereich der Verschwörungsmythen angekommen", grätscht der Ukraine-Kenner dazwischen. Es gehe darum, "dass die Ukraine ein demokratischer Staat ist, der seit vielen Jahren angegriffen wird", will Golod ganz sachlich erklären, doch die Kritik gefällt Schwarzer offenkundig gar nicht.

"Herr Kollege", unterbricht Schwarzer Golod und tadelt "Bitte nicht mit einer solchen Polemik bei einer so bitterernsten Sache." Aber Golod lässt sich nicht beirren: "Amerika hat nichts damit zu tun, dass Russland die Ukraine angreift. Dass Russland nicht akzeptiert, dass die Ukraine ein demokratischer Staat ist. Dass Russland nicht akzeptiert, dass die Menschen in der Ukraine in Freiheit leben wollen", erklärt Golod und verweist auf die russischen Kriegsverbrechen.

Da galoppiert Schwarzer einfach in eine andere Richtung und fährt Umfragen auf, nach denen die Hälfte der deutschen Bevölkerung ihrer Ansicht sei. Dann kommt noch einmal der Vorwurf der Polemik, doch ehe Golod sich ausreichend wehren kann, geht Maischberger dazwischen: "Wir werden das gerne in einer richtigen Sendung noch einmal fortsetzen." Man sieht Golod an, wie unbefriedigend dieser Moment für ihn ist.

So schlug sich Sandra Maischberger:

Eigentlich gut, gerade im Gespräch mit Klaus Müller. Da schlüpft sie in die Rolle des Zuschauers und stellt die Fragen, die vermutlich Unternehmen wie Privatleute interessieren und sie hat Glück, denn Müller antwortet ihr in derselben Rolle.

Ein weniger glückliches Händchen beweist Maischberger beim Streit zwischen Alice Schwarzer und Vassili Golod. Denn nach den Polemik-Vorwürfen leitet Maischberger kurzerhand zum Thema Schwarzer und Rechte von Transsexuellen um – eine denkbar ungünstige Lösung. Denn zum einen wäre eine Fortsetzung der Diskussion für alle Beteiligten, Zuschauer, Golod, Schwarzer und auch Maischberger, besser gewesen, denn so bleiben nur halbgare Anschuldigungen und ungelöste Fragen zurück.

Das ist besonders schade, weil eigentlich vorhersehbar. Golods Haltung in diesem Punkt ist ebenso bekannt wie die Schwarzers und es war absehbar, dass es hier zu einem Konflikt kommen wird. Umso erstaunlicher, dass die Redaktion und Maischberger hier nicht entweder das Thema ausgespart oder gleich eine richtige Diskussion installiert haben. Mit Schwarzer zu sprechen und dann zwischendrin eine Frage zu Golod, der noch mit Hank und Planken am anderen Tisch saß, hinüber zu werfen, war jedenfalls keine glückliche Lösung und wurde dem Thema erst recht nicht gerecht.

Das Fazit:

Eine insgesamt, vor allem dank Strittmatter und Klaus Müller, eigentlich informative Sendung, deren Gesamteindruck durch die aufbrausenden und ungerechtfertigten Polemik-Vorwürfe von Alice Schwarzer getrübt wurde.