• Das Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen erschüttert das ganze Land.
  • Zwei Experten erklären, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte.
Ein Interview
von Markus Bosch

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Die Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen kostete über 100 Menschen das Leben und verursachte Schäden in Milliardenhöhe. Zahlreiche Menschen haben alles verloren und stehen vor dem Nichts. Wie konnte es zu einem solchen Unglück kommen?

Unsere Redaktion beantwortet mit Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD) und Andreas Marx, wissenschaftlicher Koordinator Anpassung der Helmholtz Klimainitiative vom Helmholtz Institut, die wichtigsten Fragen.

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Wie kam es zu der Hochwasser-Katastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz?

Andreas Friedrich: Aus meteorologischer Sicht ist ein Tiefdruckgebiet aus Südwesteuropa nach Deutschland gezogen. Das war angefüllt mit feuchten und schwülen Luftmassen. Aufgrund der sehr geringen Windgeschwindigkeiten, auch in höheren Schichten, blieb dieses Tief verhältnismäßig lange an Ort und Stelle. Es hat sich über Deutschland festgesetzt, wo sich dann die feuchtwarme Luft in sintflutartigen Regenfällen entlud.

Was war das Ungewöhnliche an dieser Wetterlage?

Friedrich: Das Ungewöhnliche war die Größe des Gebiets, in dem es über 100 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gab. Das lag, wie bereits beschrieben, an der konstanten Lage des Tiefs, das kaum vom Fleck gezogen ist. Hinzu kamen lokale Staueffekte aufgrund von Bergen.

Die Wolken haben sich an der Eifel und im Sauerland gestaut, dadurch kam es zu einer zusätzlichen Verstärkung des Niederschlags. Es gab teilweise Regensummen, die das Zweifache einer normalen Monatsmenge im Juli überschritten haben.

Wasser steigt binnen neun Stunden um mehr als drei Meter an

Die Pegel sind dort extrem schnell angestiegen. Was ist die Erklärung dafür?

Andreas Marx: Es ist erschreckend, das zu sehen. An der oberen Ahr wurde am Morgen des 14.7. um 10 Uhr in Müsch ein Pegelstand von 85 Zentimetern gemessen. Binnen neun Stunden stieg das Wasser auf genau vier Meter an, und es handelt sich dabei normalerweise um einen kleinen Bach.

Die Erklärung dafür liegt im bergigen Terrain in der Gegend dort. In der norddeutschen Tiefebene hätten solche Wassermassen natürlich auch zu Überschwemmungen geführt, aber in diesen Mittelgebirgsregionen läuft das Wasser die Hänge hinunter und trifft sich im Tal.

Aus großen Flächen läuft das Wasser zusammen, und aus kleinen Bächen werden reißende Ströme. Gleichzeitig sind die Siedlungen meist nahe am Wasser, sodass das Wasser mit großer Geschwindigkeit durch die Ortschaften drängt. Auf dem Weg werden vor allem Baumstämme mitgerissen, die dann zusätzlich noch der Infrastruktur schaden.

Der Zusammenhang zwischen Unwetterlagen und Klimawandel

Welche Rolle spielt bei diesen Ereignissen der Klimawandel?

Friedrich: Der Klimawandel spielt bei einem solchen Ereignis schon eine deutliche Rolle. Es gab auch schon früher ähnliche Unwetterlagen – auch mit höheren Niederschlagssummen. Aber es ist zu beobachten, dass die Häufigkeit der Ereignisse zunimmt.

Denn in einer wärmeren Atmosphäre kann sich mehr Energie in Form von gasförmigem Wasserdampf speichern. Das ist eine Funktion der Temperatur. In einer solchen Wetterlage wie über Rheinland-Pfalz und NRW kann sich der Wasserdampf dann in Wolkenwasser verwandeln und aus den Wolken ausfallen.

Marx: Weltweit gesehen hat sich der Nordpol stärker erwärmt als der Äquator. Dadurch sind die Druckunterschiede nicht mehr so groß und der Jetstream, der in etwa 10,5 Kilometer Höhe am stärksten weht, ist ins Stocken geraten. Der Wind weht nicht mehr konstant von West nach Ost, sondern hat stärkere Ausschläge nach Norden oder Süden. Dies führt dazu, dass das Wetter nicht mehr so schön von West nach Ost "rauscht" wie in der Vergangenheit.

Hätte vor der Katastrophe früher gewarnt werden müssen?

Friedrich: Der Deutsche Wetterdienst hat bereits am Montag eine Vorabinformation zum Unwetterereignis veröffentlicht und am Dienstag für die betroffenen Regionen Unwetterwarnungen vor extrem ergiebigem Dauerregen herausgegeben für den Westen Deutschlands, da unsere Wettermodelle bereits ein solches Ereignis prognostiziert haben. Allerdings lässt sich im chaotischen System der Atmosphäre ein solches Ereignis aus wissenschaftlicher Sicht nicht bereits eine Woche vorher feststellen.

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.

Vorbereitung auf extreme Wetterbedingungen

Wäre es möglich gewesen, sich besser darauf vorzubereiten?

Marx: Im Nachhinein eine bessere Vorbereitung zu fordern, ist immer sehr einfach. Aber sich auf ein Ereignis vorzubereiten, das wir so in Deutschland noch nie gesehen haben, ist kaum möglich. Normalerweise entwickelt sich bei uns ein Hochwasser aus den Alpen oder aus dem Erzgebirge heraus und kommt dann mit sehr viel mehr Vorwarnzeit in großen Wellen in die Flüsse wie Donau, Rhein oder Elbe.

Treten solche Hochwasser-Szenarien zukünftig öfter auf?

Friedrich: Es gibt verschiedene Klimasimulationen, die aber allesamt aussagen, dass unser Wetter extremer werden wird. Gerade bei den Sommern in Mitteleuropa muss man verstärkt davon ausgehen, dass es Dürreperioden mit Hitzewellen über 40 Grad geben wird, die über mehrere Wochen anhalten können.

Diese können dann von einzelnen Unwettern unterbrochen werden. In einer noch wärmeren Atmosphäre können die Starkregenereignisse dann noch heftiger ausfallen. In einem typischen Sommer 2050 in unseren Breiten gibt es langanhaltende Hitzewellen mit Dürreperioden, unterbrochen von heftigen Starkregenereignissen.

Was wären Ihre Vorschläge für einen besseren Schutz in Zukunft?

Marx: So ein Ereignis kann jederzeit irgendwo anders in Deutschland passieren, sei es Mittelgebirge oder Tiefebene. Eine Lösung könnte die bessere Durchdrängung von Elementarschadensversicherungen sein, damit die Last auf mehrere Schultern verteilt wird. Ein direkter Schutz vor diesen Gewitterniederschlägen ist mit der Infrastruktur, wie wir sie kennen, nicht herzustellen.

Hochwasserereignisse sind generell nicht nur getrieben vom Regen, sondern auch von Oberflächeneigenschaften wie zum Beispiel der Flächenversiegelung. Ein natürlicher Boden kann Regen aufnehmen und in die Tiefe leiten, während bei einer versiegelten Fläche 100 Prozent des Niederschlags weglaufen. Deutschland hat sich in den letzten 500 Jahren landschaftlich stark verändert, es gibt weniger Waldgebiete, die das Wasser effektiv und in größeren Mengen speichern können.

Über die Experten:
Andreas Friedrich arbeitet beim Deutschen Wetterdienst und ist dort unter anderem der Tornado-Beauftragte.
Dr. Andreas Marx vom Helmholz-Institut arbeitet im Bereich Hydrosystemmodellierung und ist Leiter des deutschen Dürremonitors sowie wissenschaftlicher Koordinator Anpassung der Helmholtz Klimainitiative.
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