Der Wahlkampf nimmt langsam Fahrt auf. Keine vier Wochen mehr, dann hat Deutschland einen neuen Kanzler gewählt. Oder vielleicht sogar eine neue Kanzlerin. Während abseits der intellektuellen Stammtische diese Woche Melanie Müller Deutschlands zweitgrößtes Live-TV-Format nach "Dschungelcamp" gewinnt (das Resozialisierungsprogramm für insolvenzgefährdete Krawall-Sternchen "Promi Big Brother"), bahnt sich im Schatten der Politikverdrossenheit eine Sensation an. Ein Comeback, wie es sich seit "Rumble in the Jungle" nicht mehr zugetragen hat.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
von Marie von den Benken
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Olaf Scholz führt mit der SPD die Umfragen an. Ja genau, der Olaf Scholz, der Anfang des Jahres mit seiner SPD noch so fest bei 14% einbetoniert schien, dass selbst die Verpflichtungen von Messi, Ronaldo, Donnarumma und Haaland den FC Sozialdemokratie nicht mehr vor dem Abstieg hätten retten können. Dann aber begann die spektakuläre Tour de Fettnapf von Armin Laschet und Annalena Baerbock.

Ein Lehrstück der Plumpheit, das zuletzt in lauten Rufen aus den eigenen Reihen gipfelte, die einen Austausch gegen Söder (Union) respektive Habeck (Grüne) forderten. Scholz dagegen wusste immer eine unerschütterliche Mauer aus Solidarität und Unterstützung seiner Parteigenossen und -Genossinnen hinter sich. Und das, obwohl er nicht unbedingt als der Kandidat galt, der am eindeutigsten für die Grundwerte der SPD-Basis steht.

Wenn zwei sich streiten, freut sich Olaf Scholz

Während sich also bei der Arschbomben-Olympiade ins Poolbecken der Peinlichkeiten des Superwahljahres 2021 Baerbock und Laschet ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, ist bei "Promi Big Brother" die Trash-Kanzlerin bereits gekürt. Mittlerweile muss man attestieren: Sogar Melanie Müller hätte als Kanzlerkandidatin höhere Sympathiewerte als Armin Laschet.

Das wirkt sich natürlich auf die Tonalität in den Medien aus. Einstmals recht neutralen Zeitungen und Verlagen ist unterdessen die nackte Panik vor Olaf Scholz und vor allem Annalena Baerbock in jedem publizierten Satz anzumerken. Die bisherige Meinungsvielfalt ist Historie. Die Überparteilichkeit ist aufgegeben. Das "Rettet Armin Laschet"-Programm ist angelaufen.

Im Frühjahr zu Wahlkampfbeginn hatte man sich noch monatelang täglich drüber echauffiert, wie wenig kritisch und mit welchem Hang zu Jubelarien einige Journalisten, Magazine und Zeitungen Annalena Baerbock in ein grünes Wohlfühl-Allzeithoch emporgeschrieben haben. In ellenlangen Essays, pseudoliberalen Neutralitäts-Appellen und martialischen Tweets wurden die Lobeshymnen auf Annalena Baerbock zu unwürdigem Aktivismus erklärt, der unweigerlich den seriösen Journalismus auf Kosten einer linksgrünversifften Verbots-Zukunft mit Gender-Wahn und Vegan-Pflicht beerdigen würde.

Panic At Konrad-Adenauer-Discotheque!

Als sich dadurch zwar die zwischenzeitlich sensationellen Umfragewerte der Grünen wieder normalisierten, gleichzeitig die Werte der CDU aber dramatisch, kontinuierlich und unaufhaltsamer fielen als Arjen Robben im gegnerischen Strafraum, lagen die Nerven plötzlich blank: Olaf Scholz holte auf. Olaf Scholz holte ein. Olaf Scholz überholte.

Unverhohlen deklarierten beispielsweise Printerzeugnisse wie BILD und FOCUS diese Entwicklung als "Schock" – als würde ein Wählervotum, das nicht deckungsgleich mit dem Wunschszenario der Chefredaktionen daherkommt, den Untergang des Landes bedeuten.

Mit diesem zweifelhaften Versuch einer Blickwinkelverschiebung auf das hohe Gut Demokratie nehmen sich plötzlich die Mechanismen von Querdenkern und Tugend-Journalisten nicht mehr viel. Man darf Annalena Baerbock nicht zu positiv bewerten (dann stirbt der Journalismus), Armin Laschet aber schon (was kümmert mich mein Geschwätz von gestern). Es gibt Regeln, klar, aber notfalls gelten die eben nur für andere. Wenn man sich selber daran zu halten hat, ist plötzlich die Freiheit in Gefahr. Und nicht nur die persönliche, sondern gleich die des gesamten Abendlandes. Mindestens.

So schreiben sie dann Aufsatz über Aufsatz mit Laschet-Lobeshymnen und Angst-Oden über Gruselszenarien von Mallorca-Urlaubsverboten über Autoverbote bis zu Immobilienenteignung. So schwer das auch ist, bei der eher dürftigen Anzahl an Glanzlichtern, die der Unions-Kandidat in den letzten Wochen an seinem Wegesrand hinterlassen konnte.

Bleibt also nur noch ein noch rasanterer Frontalangriff auf Scholz und Baerbock. Dass währenddessen mit jedem überzogenen Hetz-Artikel die Werte der Union noch schlechter werden und die Wahrscheinlichkeit einer Rot-Grünen Regierung wächst, wird dabei ignoriert. Es ist wie einem Stau entgehen zu wollen, indem man mit Vollgas in die stehenden Wagen vor einem rast.

Kontrollverlust im Grill Royal

Beim Versuch, die CDU im Kanzleramt zu halten, wird enormer Aufwand betrieben, auch auf Kosten der eigenen Integrität. Applaus gibt es dafür jedoch nur noch aus einer Bubble, die sich ohnehin eher "Alice Weidel Forever" auf das Steißbein tätowieren lassen würde, als jemals im Leben Grün zu wählen.

Wieso auch sollten Wählerinnen und Wähler, die sich um die Zukunft des Landes, der Umwelt, ihres Jobs und ihrer Familie sorgen, einen CDU-Kandidaten wählen, der inzwischen eine Lagerhalle von der Größe des Landes NRW bräuchte, wollte er alle Fettnäpfchen und Peinlichkeiten, die er in den vergangenen Monaten zielstrebig eingesammelt hat, aus nostalgischen Gründen aufbewahren?

So schreiben sie sich hektisch die Finger wund, auf ihren MacBooks, Blackberrys und iPhones, um die Grünen zu verhindern – aber vor allem den eigenen Machtverlust. Wenn man mit als Polit-Journalismus getarnten Wahlkampagnen plötzlich nicht mehr den Kanzler machen kann, was bleibt denn dann noch vom schönen Glanz der Wichtigkeit, außer ein paar Wiener Schnitzel im Borchardt mit Sophia Thomalla und die eine oder andere böse E-Mail von den Beratern großer Wirtschaftsmogule?

Es scheint mittlerweile tatsächlich so, als sei der Trend gegen Armin Laschet unumkehrbar. Und in den als Politikressort getarnten CDU-PR-Agenturen ist das Billigfleisch willig, aber der Geist schwach. Darum greift man beleidigt von der Unfolgsamkeit der früher noch easy über den Boulevard steuerbaren Wählermeinung zum letzten Strohhalm: Wollt ihr die totale Panik?

Annalena Bääääähbock

Rechtzeitig zur finalen Wahlkampfphase geht diese Woche dann sogar der Fernseh-Ableger von BILD, der Spartensender BILD TV, on Air. Ein letzter Versuch, die rechts von der CDU weitestgehend ausmobilisierten Grünen-Hasser um ein paar Fernsehsüchtige zu erweitern.

Dafür hat man ein Konzept entwickelt, das in erster Linie daraus besteht, selber Schlagzeilen zu produzieren (online), die man dann auf der nach oben offenen Empörungsskala auch mal abseits einer seriösen Faktenprüfung als Breaking News ins TV bringen kann – und am nächsten Tag als Titelseite in der Printausgabe verewigen. Die Auflage hat sich in den vergangenen Jahren halbiert, der Krawallfaktor umgekehrt proportional dazu jedoch verdoppelt. Welche Auswirkungen das langfristig auf die Qualität des Produktes haben wird, sieht man nun am, naja, Fernsehsender BILD.

Dort wird Infotainment anscheinend so interpretiert, dass Journalisten gleichzeitig Moderatoren sein sollen. Oder noch schlimmer: Moderatoren gleichzeitig Journalisten. Dabei ist es eigentlich so einfach wie im Fußball: Will man gleichzeitig Trainer und Stürmerstar sein, funktioniert das nur bis maximal Kreisklasse halbwegs gut.

Das Ende des Meinungs-Boulevards

Ich nehme an, der Ton wird sich dennoch weiter verschärfen. Vor allem, nachdem am gestrigen Sonntagabend im ersten Live-Triell der Wahlkampf-Showdown-Saison bei RTL der erhoffte und vielerorts ersehnte Befreiungsschlag für Armin Laschet ausblieb.

Auch wenn man sich in den Medien weitestgehend einig war, Laschet habe sich besser geschlagen, als es bei seiner Performance der vergangenen Monate wohl auch in der eigenen Partei befürchtet wurde, liegt Olaf Scholz in der anschließenden Forsa-Umfrage für RTL in beiden Fragen vorne:

Wer hat das TV-Duell gewonnen?

  • Scholz: 36%
  • Baerbock: 30%
  • Laschet: 25%

Wen finden Sie sympathischer?

  • Scholz: 38%
  • Baerbock: 37%
  • Laschet: 22%

In Anbetracht der Tatsache, dass davor in der von Frauke Ludowig moderierten "Expertenrunde" ausgewiesene Realpolitik-Experten wie Günther Jauch und Nikolaus Blome ausführlich erklärt hatten, dass Olaf Scholz eigentlich nur versehentlich hinten ins Bild gestolpert ist und eher zufällig von den Fauxpas-Orgien seiner Kontrahenten profitiert, auch für die Runde vor Ort ein unerwartetes Ergebnis.

Aber so ist Demokratie. Die Menschen entscheiden wieder mehr. Chefredakteure nur noch wenig. Das wird in den kommenden Wochen noch zu ziemlich absurden Momenten der journalistischen Zeitgeschichte führen, denke ich. Darüber berichte ich dann kommende Woche.

Zuschauer-Befragung: Scholz gewinnt TV-Triell

Die Bundestagswahl rückt näher - entsprechend wenig haben sich die Kanzlerkandidaten Scholz, Laschet und Baerbock beim TV-Triell geschont. Nach einer ersten Umfrage gibt es einen klaren Sieger. © ProSiebenSat.1