Reiner Calmund verteidigt Hasan Salihamidzic und erklärt im Interview, was den Job des Bayern-Sportdirektors so schwierig macht. Und warum er auf der anderen Seite aber auch Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge versteht, wenn dieser Trainer Niko Kovac maßregelt.

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Herr Calmund, haben Sie als Manager schon mal einem Trainer den Mund verboten?

Reiner Calmund: Wenn man 25, 30 Jahre im Amt ist, gibt es immer wieder Reibereien. Da geht es nicht um den Präsidenten, Manager, Trainer oder den Spieler, sondern nur darum, dass der Verein Erfolg hat. Da müssen alle an einem Strang ziehen und ihre Befindlichkeiten hintenanstellen.

Beim FC Bayern hat Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge Trainer Niko Kovac ausgebremst, nachdem dieser in einem Interview offensiv um Leroy Sané von Manchester City geworben hatte.

Ich habe die Bayern auf ihrer USA-Reise in Los Angeles besucht. Sie haben einen super Kader, was nichts daran ändert, dass sie noch drei, vier Spieler zur Verstärkung und Ergänzung brauchen.

Sie spielen die Bundesliga, den DFB-Pokal und die Champions League, und dazu sind noch 90 Prozent des Personals Nationalspieler. Vier Hochzeiten mit bis zu 70 Spielen, das ist ein strammes Programm. Bayern braucht hochklassige Alternativen.

Was Niko Kovac nachdrücklich fordert.

Rummenigge hat ihn daran erinnert, dass er den Ball flachhalten soll, dass solche Äußerungen gegenüber den Engländern kontraproduktiv sind. Ich habe früher auch immer gepredigt, keine Wasserstandsmeldungen abzugeben, bevor die Tinte unterm Vertrag trocken ist. Schluss, aus.

Dennoch wirkt das Zusammenspiel zwischen Rummenigge und Kovac nicht gerade harmonisch.

Bei Bayern München stehen alle unter Druck: der Vorstand, der Trainer und jeder Spieler. Wenn Rummenigge ihm erklärt, dass er nicht zu früh Signale senden soll, ist das nichts Dramatisches.

Und doch ist der FC Bayern recht spät dran mit der finalen Kaderplanung.

Wenn die Bayern früher einen angerufen haben, sind die Spieler noch am selben Tag in den Flieger gestiegen. Heute sind sie international sportlich zwar unter den Top Fünf, was jedoch die Wirtschaftskraft angeht, sind die Klubs aus London, Paris, Madrid und Barcelona etwas besser ausgestattet und können den Spielern neben einem größeren Scheck auch Weltstadt-Niveau bieten.

Am 8. August schließt aber der Transfermarkt in England, dann dürfen deren Klubs nur noch verkaufen und nicht mehr einkaufen - dann tut sich noch mal was.

Rummenigge hat von einer "Gehälterexplosion" gesprochen. Sind die Bayern bald nicht mehr konkurrenzfähig?

Nein, sie mischen weiter ganz oben mit. Sie müssen aber mal nach England schauen: Dort bekommt der Letzte mehr TV-Gelder als die Bayern hierzulande als Meister und Pokalsieger. Gut und gerne zehn europäische Klubs machen im Werben um die Topstars schnell noch mal die eine oder andere Million mehr locker.

Die Münchner haben das bislang sehr gut kompensiert und ihre Wirtschaftskraft gesteigert. Sie zählen immer noch zur Elite, aber die Verpflichtung von absoluten Weltklassespielern ist schwieriger geworden.

Bei Sané gibt Bayern offensichtlich nicht nach. Weil der Anspruch schon immer war, dass die besten deutschen Fußballer in München spielen?

Das Verhalten der Bayern im Fall Sané ist absolut richtig. Ich bin überzeugt, dass die meisten deutschen Fans unsere Nationalspieler gerne bei einem Klub im eigenen Land sehen möchten.

Für welche Metropole wird sich Leverkusen-Juwel Kai Havertz entscheiden? Er gilt als die größte deutsche Zukunftshoffnung.

Er wäre dumm, würde er pauschal sagen, dass er nur zum FC Bayern will. Der Junge ist vernünftig, hat erklärt, dass er diese Saison für Bayer Leverkusen spielen wird. In Leverkusen haben Sportdirektor Rudi Völler, Geschäftsführer Fernando Carro und der Aufsichtsratschef Werner Wenning gesagt, dass sie dieses Jahr nicht unbedingt auf die 100 Millionen Euro Ablöse angewiesen sind.

Im nächsten Jahr wird es für Bayer Leverkusen ernster, weil der Vertrag von Havertz dann nur noch zwei Jahre läuft. Dann müssen sie ihn vermutlich verkaufen, weil Summen gedrückt werden, wenn ein Vertrag nur noch ein Jahr läuft. Ich persönlich würde mir wünschen, dass Havertz in Deutschland bleibt.

Lothar Matthäus traut ihm zu, irgendwann Weltfußballer zu werden.

Mich freut es natürlich, wenn der Lothar so positiv über einen Leverkusener Jungen spricht. Havertz ist ein überragendes Talent. Aber Weltfußballer? Da muss man vorsichtig sein!

Was bringt Havertz mit?

Er versteht es, seine Technik einfach, aber effektiv einzusetzen. Er ist torgefährlich, spielt den "tödlichen Pass", arbeitet mannschaftsdienlich nach hinten. Und dabei hat er immer den Überblick.

Halten wir fest: Leroy Sané zögert, Kai Havertz ebenfalls, Callum Hudson-Odoi bleibt wohl beim FC Chelsea. Der Druck auf Bayern-Sportdirektor Hasan Salihamidzic steigt. Sie haben ihn kürzlich verteidigt, er sei, "keine Bratwurst".

Ich kenne ihn schon sehr lange. Brazzo war ein sehr erfolgreicher Fußballprofi, spricht fünf Sprachen und kennt die internationale Szene recht gut. Peter Hermann als erfolgreicher Co-Trainer und sein Chef Jupp Heynckes haben ihn in den höchsten Tönen gelobt. Wenn man dann noch hört, dass Rummenigge und Uli Hoeneß mit seiner Arbeit zufrieden sind, dann sollten sich einige Salihamidzic-Kritiker etwas zurückhalten.

Am Samstag kommt die erste große Bewährungsprobe: der Supercup. Gegner Borussia Dortmund hat durch seine Transfers aufgeholt, oder?

Dortmund hat sich auf wichtigen Positionen verstärkt. Mats Hummels hat beim FC Bayern in der Innenverteidigung eine überragende Rückrunde gespielt. Der Junge ist ehrgeizig.

Nationalspieler Nico Schulz auf links, Julian Brandt offensiv, Thorgan Hazard als zweiter Stürmer – der BVB ist attraktiver geworden. Ich werde in Dortmund im Stadion sein. Bayern gegen den BVB, mehr geht nicht! Der Supercup wird ein absolutes Highlight!

Die Neuzugänge des BVB bestehen vor dem Duell mit dem FC Bayern München einen schweren Test

Als neuer Kollege in einen bestehenden Kreis aufgenommen zu werden, funktioniert hier über Süßigkeiten, dort über ein paar warme Worte. In vielen Fußballteams, so auch bei Borussia Dortmund, müssen sich die Neuen in die Herzen der Etablierten singen. © DAZN