Bayern Münchens Verpflichtung von James Rodriguez erschloss nicht jedem Fußballfan auf den ersten Blick. Doch nach holprigem Start zeigt der Kolumbianer nun mehr und mehr seine Klasse.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer

Eigentlich war der Transfer von James Rodriguez ein klassischer Kompromiss.

Weil sich die Münchner Bosse nicht zu einem echten Top-Transfer im hohen zweistelligen oder sogar dreistelligen Millionen-Bereich (Antoine Griezmann, Alexis Sanchez) durchringen konnten, kam im Sommer der Kolumbianer von der Bank Real Madrids.

Und das auch nicht als feste Verpflichtung, sondern als zweijährige Leihe. Ein Kompromiss eben - in einer Phase, als die Münchner Verantwortlichen noch das Ziel hatten, Carlo Ancelottis Position zu stärken.

James war der Wunschspieler des Italieners. Unter Ancelotti hatte der Offensivallrounder in Madrid häufig eine sehr flexible Rolle im 4-3-3 innegehabt, bei der er vom linken Flügel immer wieder in zentrale Räume driftete.

In Kolumbien ein Nationalheld

Aus Marketingsicht ist James für den FC Bayern ein Sechser im Lotto.

Als er beim 3:0 auf Schalke am fünften Spieltag einen Treffer erzielte, erreichten die Social-Media-Kanäle des Rekordmeisters weltweit ähnliche Reichweiten wie während des Champions-League-Finals 2013.

James ist in Kolumbien ein Nationalheld und wird in ganz Südamerika sehr aufmerksam verfolgt.

Anfangs fragten sich viele, wie er spielerisch hineinpassen sollte. Ein klassischer Flügeldribbler wie Arjen Robben oder Franck Ribéry ist er nicht.

Unter Ancelotti spielte James jenseits des starken Auftritts gegen Schalke zu Beginn der Saison dann auch keine wirklich große Rolle.

Erst seit der Übernahme von Jupp Heynckes und der Verletzung von Thomas Müller richtet sich der Fokus verstärkt auf ihn.

Seit mehreren Wochen sehr gut in Form

James ist der klare Gewinner der vergangenen Wochen. Der 26-Jährige findet seine Rolle. Stark gegen Leipzig. Stark gegen Dortmund. Stark gegen Augsburg und auch mehr als ordentlich im insgesamt zähen Spiel gegen Anderlecht, als er mit seinem Pass das 2:1 einleitete.

James ist auf dem Feld fast immer anspielbar. Er pendelt gern aus der Mitte auf die Flügel, bietet Dreiecke an und hat eine enorme Sicherheit im Passspiel.

Passquoten von mehr als 90 Prozent gehörten zuletzt zum Regelfall. Gegen Anderlecht war James in nur etwas mehr als 45 Minuten an drei Torschüssen beteiligt (zweitbester Wert der Münchner).

Gegen Augsburg am Wochenende zuvor sogar an fünf (Bestwert). Regelmäßig gehörte er zuletzt zu den besten Offensivakteuren auf dem Feld.

James agiert dabei schnörkellos, mannschaftsdienlich. So glamourös sein Image sein mag: auf dem Platz ist er eher ein emsiger Arbeiter mit feinem Füßchen. Ein Helfer in unterschiedlichsten Situationen auf dem Feld.

James behebt Bayerns Schwachstelle

Eine weitere große Stärke des Neuzugangs sind die Standardsituationen. Seit Jahren eine Schwachstelle der Münchner.

James schlägt hervorragende Ecken und ist auch bei Freistoßflanken meist die erste Wahl.

James kann als Zehner agieren oder als Flügelspieler in einem Dreierangriff. Aber gleichzeitig auch als Achter oder Mittelfeldflügel.

Am besten ist er aber in der zentralen Rolle, wenn er von dort ausweichen und das Spiel beleben kann. Heynckes schätzt seine Vielseitigkeit und seine Lauffreude.

Die entscheidende Frage ist, ob James auch regelmäßig einen Platz in der Startelf hat, wenn Thomas Müller von seiner Verletzung zurückkehrt.

James hat dafür in den letzten Wochen viele Argumente gesammelt.

Die neuerlichen Verletzungen von Thiago und Robben könnten diese Frage ohnehin schnell von selbst beantworten.

So oder so bleibt festzuhalten: James ist längst kein Kompromiss mehr. Er findet seine Rolle und könnte auch in den wichtigen Spielen weiter erste Wahl sein.

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