Hertha BSC sorgt einmal mehr für einen Knalleffekt: Die Berufung von Jens Lehmann in den Aufsichtsrat ist eine spektakuläre Volte - und vielleicht auch ein bisschen Ablenkung für eine deutlich spannendere Personalie.

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Wenn man mit einem Protagonisten der Bundesliga in dieser Saison nicht hätte tauschen wollen, dann wohl mit Marcus "Max" Jung. Der 51-Jährige ist seit 25 Jahren im Geschäft, erst als TV-Journalist, später als Fußballchef bei "Sky", danach unter anderem als Mediendirektor beim VfB Stuttgart und seit Herbst 2016 als Chef der Abteilung "Kommunikation und Medien" bei Hertha BSC.

Der Mann hat also einiges gesehen und erlebt, eine Spielzeit wie diese ist aber auch für Max Jung eine völlig neue Erfahrung.

Hertha Pressesprecher Jung mit schwierigen Saison

In dieser Saison hat Jung vier verschiedene Trainer vorgestellt und die entsprechenden Kommuniqués dazu verfassen lassen. Er hat den pompösen Einstieg eines Investors moderiert und dabei versucht, das Getöse drumherum irgendwie auszublenden.

Er musste die Klinsmann-Situation lösen, inklusive unberechenbarer Facebook-Alleingänge des Trainers und zum Abschluss eine Pressekonferenz, wie es sie selbst in der Bundesliga nur alle Jubeljahre einmal gibt.

Vorletzte Woche zerdepperte Salomon Kalou mit seinem waghalsigen Facebook-Auftritt beinahe das DFL-Konzept; Jung musste noch irgendwie retten, was zu retten ist. Und am Sonntagabend platzten nun die nächsten großen Bomben.

Lehmann und Kosicke für den Aufsichtsrat

Hertha BSC, das seit dem letzten Sommer so viele Schlagzeilen produziert wie in den letzten zehn Jahren zusammen nicht, hat Jens Lehmann und Marc Kosicke als Vertreter für den Aufsichtsrat benannt.

Genauer gesagt hat die TENNOR Holding B.V. von Investor Lars Windhorst die beiden Personalien vorgeschlagen, die bei der nächsten Versammlung der Gremien erst bestätigt werden müssen. Das sollte allerdings nicht mehr als eine Formalie sein.

Lehmann nimmt damit quasi jenen Platz im Kontrollgremium des Klubs ein, der durch den Abgang von Jürgen Klinsmann frei wurde. Das ist - natürlich - eine neuerlich spektakuläre Volte.

Allein der Name Lehmann verspricht ein gewisses Maß an Unterhaltung. Was zu dessen aktiver Zeit begann, setzte sich in den Jahren danach mehr oder weniger nahtlos fort.

Lehmann wird gerne als ein Mann der klaren Worte tituliert, sein fußballerischer Erfahrungsschatz ist enorm und sein Netzwerk nach Stationen in Deutschland, Italien und England sicherlich eng gestrickt.

Lehmann polarisiert - auch bei der Hertha?

Allerdings gibt es da auch noch eine andere Seite. Lehmann setzte sich mit seinen Aussagen schon oft kräftig in die Nesseln und nimmt gerne mal einen Fettnapf mit, wenn zufällig einer rumsteht.

Seine Äußerungen über Homosexualität im Fußball kamen nicht nur bei seinem ehemaligen Mitspieler Thomas Hitzlsperger schlecht an. Zudem geriet er zwischenzeitlich wegen seiner Steuerakte in die Schlagzeilen und zuletzt eckte Lehmann mit kritischen Äußerungen zum Corona-Lockdown an.

Vorsichtig formuliert polarisiert Lehmann wie kaum ein anderer im deutschen Fußball, sein letztes Engagement als Co-Trainer beim FC Augsburg endete so schnell und unvermittelt wie es zuvor begonnen hatte.

Windhorst erhofft sich von Lehmann die nötige Fußballkompetenz im neunköpfigen Aufsichtsrat, Lehmann wiederum nahm die sich bietende Gelegenheit zur Rückkehr in die Bundesliga dankend an.

"Das Angebot von Lars Windhorst, an der weiteren Entwicklung von Hertha BSC mitzuarbeiten, habe ich gerne angenommen. Ich sehe dies aktuell als eines der interessantesten Projekte im Fußball", wird Lehmann in der Pressemitteilung des Klubs zitiert.

Der ehemalige Nationaltorhüter hat sofort fast alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen - dabei ist die Personalie Marc Kosicke für die Berliner und vielleicht auch für die Bundesliga weitaus interessanter.

Kosicke ist ein Macher

Kosicke ist ein Pionier, mit seiner Agentur "projekt b" hat er die Nische der Trainerberater quasi im Alleingang erfunden. Zusammen mit Oliver Bierhoff gründete Kosicke vor 13 Jahren sein Unternehmen, aus seiner Zeit beim Ausrüster "Nike" hatte Kosicke noch Kontakt zu Jürgen Klopp. Der damalige Mainzer Coach wurde zu Kosickes erstem Klienten.

Marc Kosicke wurde von Hertha BSC Berlin als Vertreter für den Aufsichtsrat benannt.

Mittlerweile hat Kosicke 16 Trainer unter Vertrag, darunter auch die aktuellen Bundesligatrainer Julian Nagelsmann, David Wagner und Florian Kohfeldt, oder ehemalige wie Sandro Schwarz, Michael Frontzeck und Manuel Baum.

Vor ein paar Jahren sollte Kosicke die Nachfolge von Klaus Allofs bei Werder Bremen antreten. Für den gebürtigen Bremer und Werder-Fan Kosicke ein Elfmeter, den er aber nicht verwandeln wollte. Kosicke sagte Werder ab. Stattdessen trieb er seine Firma weiter voran und werkelte im Hintergrund schon in beratender Funktion beim einen oder anderen Klub mit.

Kosicke ist der Mann, dem die Trainer vertrauen. Aber eben nicht nur die, "projekt b" kümmert sich auch um Referenten für Tagungen und Vorträge, zu den sogenannten "Wortführern" zählen unter anderem Hans-Joachim Watzke, Marco Bode und Jörg Schmadtke - aktuelle Protagonisten der Bundesliga.

Auch Ralf Rangnick hört offenbar auf Kosicke. Jener Rangnick, der vor ein paar Wochen angeblich von Klinsmann kontaktiert wurde, um in Berlin alsbald Sportchef zu werden.

Das zeigt die Brisanz, die auch in der Personalie Kosicke liegt: Kosicke-Trainer Julian Nagelsmann wird demnächst - sofern das DFL-Konzept der Corona-Realität standhält - mit RB Leipzig gegen die Kosicke-Hertha antreten.

Kosicke: "Auf weiche Faktoren beschränken"

Marc Kosicke sieht sich nicht als jemand, der in den Vordergrund drängt, ganz im Gegenteil. Er wolle sich "auf weiche Faktoren beschränken", wie er am Montag der "Welt" verriet. "Wenn Hertha auf mich zukommt und um ein Feedback oder einen Rat bittet, bin ich natürlich bereit. So arbeite ich ja ohnehin schon seit Jahren. Aber ich habe keine operativen Kompetenzen oder Tätigkeitsfelder."

Ebenso wie auch Lehmann, von dem sich Kosicke aber wie Windhorst auch einiges verspricht. "Jens ist zwar ein streitbarer Geist, aber kein lauter Mensch. Ich glaube, dass Jens ein großes Fußball-Know-how besitzt und international anerkannt ist. Es kann dem ganzen Projekt bei Hertha BSC nur zuträglich sein."

Es wird nicht langweilig in Berlin, die Hertha bleibt ein überaus unterhaltsamer Klub. Mit zwei völlig neuen Gesichtern, die auch Max Jung ordentlich unter Spannung halten werden. So oder so.

Verwendete Quellen:

  • herthabsc.de: Jens Lehmann Kandidat für Aufsichtsrat der GmbH & Co. Kg
  • Welt.de: Klopps Berater - Werder wollte ihn, Hertha bekommt ihn
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