Die Jugend in Deutschland ist unzufrieden. Immer mehr Erstwählende entscheiden sich für die AfD, aber auch die Linke. Woher das kommt und wie die Aussichten für junge Menschen unter einer unionsgeführten Regierung sind – Fragen an Jugendforscher Simon Schnetzer.
In der Trendstudie "Jugend in Deutschland 2024" beschreiben die Studienautoren Simon Schnetzer, Klaus Hurrelmann und Kilian Hampel einen Rechtsruck der Jugend in Deutschland. Sie ist politisch unzufrieden. Dieser Rechtsruck setzt sich nun nach neuesten Erkenntnissen nicht weiter fort. Stattdessen erfährt die Linke ein erhöhtes Interesse der Jugend.
Warum ändert sich die Wahlpräferenz der Jugend ausgerechnet jetzt? Was hat die Ampel falsch gemacht? Und was bedeutet eine unionsgeführte Regierung für junge Menschen? Ein Gespräch mit Jugendforscher Simon Schnetzer.
Herr Schnetzer, wie geht es der Jugend in Deutschland gerade?
Simon Schnetzer: Die Jugend ist stark verunsichert. Zum einen aufgrund dessen, was in Deutschland politisch gerade passiert und zum anderen, weil niemand weiß, wie es mit den Krisen weitergeht. Was wir in Umfragen noch gar nicht abschätzen können, ist, wie junge Menschen die neue US-Regierung unter

In Ihrer Studie kurz vor der Bundestagswahl kam heraus, dass Erstwählende vor allem AfD und Linke bevorzugen. Wie kommt das?
Die Jugend bewegt sich inzwischen deutlich stärker in das linke Wählerspektrum. Wenn das Pendel politisch stärker in die eine Richtung ausschlägt, reicht es nicht mehr, die Mitte zu wählen, um es wieder zurückzuholen.
Die ehemalige Ampel-Regierung wurde in der Corona-Pandemie gewählt. Welche Rolle spielt Corona noch für die Jugend?
Bei der letzten Bundestagswahl war die FDP noch stark. Sie steht für Freiheit – das war ein Gut, das vor allem der Jugend weggenommen wurde. Deshalb hat die Partei damals auch viele junge Menschen angesprochen. Wir befanden uns noch auf dem Hoch der Fridays For Future Proteste. Klima und Freiheit waren die zentralen Sorgen der Jugend. Das ist heute nicht mehr so. Nachwirkungen gibt es aber trotzdem noch.
Und welche?
Die konkrete Gefährdung unseres Wohlstandes durch die Inflation, die durch die Kriege nochmal verstärkt wurde. Auch die Erfahrung einer gespaltenen Gesellschaft durch das Thema Impfen wirkt nach. Niemand kam, um diese Wunden wieder zu flicken oder um Brücken zwischen den Menschen wieder aufzubauen.
Die jetzige Bundesregierung behauptet, mit ihrer Jugendstrategie die Interessen und Bedürfnisse der jungen Generation zu berücksichtigen. Ist das gelungen?
Unsere Trendstudie "Jugend in Deutschland 2024" hat gezeigt: In der Wahrnehmung der jungen Menschen wurden ihre Interessen gar nicht berücksichtigt. Ein konkretes Beispiel: Von einem Tag auf den anderen wurde der Unterricht von Präsenz auf online umgestellt. Hier fühlte sich die Jugend nicht miteinbezogen. Niemand hat sie gefragt, wie man für sie trotz der Pandemie gute Lernbedingungen schaffen kann – und kaum jemand hat diese Erlebnisse im Nachgang aufgearbeitet.
Wozu hat das geführt?
Dass die Krise nicht als etwas Positives oder etwas Gestaltbares wahrgenommen wurde, aus der man etwas gelernt hat und im Zweifel stärker wieder rausgehen kann. Anders war das aber beim Überfall Russlands auf die Ukraine. Da gab es überall Stellen für Spenden, die in die Ukraine gebracht wurden. Viele junge Menschen haben sich engagiert. Hier hatten engagierte Jugendliche ein ganz anderes Gefühl – eines von Beteiligung und dass sie durch ihren Beitrag helfen können.
Also muss eine neue Regierung auf die Beteiligung der Jugend achten?
Es geht vor allem um Selbstwirksamkeit. Wichtig dabei ist: Nicht nur fragen, sondern sich im Anschluss auch für die Bedürfnisse und das Verständnis zwischen den Generationen einzusetzen.
Was steckt hinter dem "Jugend-Check" und dem "Bündnis für die junge Generation"?
- Das "Bündnis für die junge Generation" wurde 2022 von Bundesfamilienministerin
Lisa Paus (Grüne) eingeführt. Es soll der Jugend Gehör verschaffen und in Begegnungsformaten verschiedene Themen in der Tiefe behandeln. - Der "Jugend-Check" (KomJC) wurde noch in der 18. Wahlperiode unter der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Koalitionsvertrag verankert. Er soll die möglichen Folgen von Gesetzesvorhaben für junge Menschen zwischen 12 und 27 Jahren bereits im Gesetzgebungsprozess prüfen. (lc)
Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) hat genau das versucht. Sie hat beispielsweise den "Jugend-Check" vorangetrieben oder das "Bündnis für die junge Generation" eingeführt. Reine Symbolik oder echte Problemlösung?
Für den Jugend-Check habe ich mich schon früher eingesetzt, das ist eine großartige Idee. Allerdings hinkt sie in der Ausgestaltung.
Inwiefern?
Ich nehme von dem Jugend-Check in der politischen Diskussion nichts wahr. Welchen Einfluss hatte denn die Jugend nun letztlich bei der Verabschiedung der Gesetze? Davon hat man am Ende nichts mitbekommen. Da stelle ich mir schon die Frage: Wie viel Gewicht hat die Stimme der Jugend im Parlament?
"Das Problem vieler dieser Beteiligungsformate ist, dass die Jugend immer nur an Nebenschauplätzen mitmachen darf. Im Großen bewirkt das wenig."
In Ihrer Trendstudie "Jugend in Deutschland 2024" beschreiben Sie, dass die Jugend so pessimistisch gestimmt ist wie noch nie. Sie ist demnach vor allem politisch unzufrieden. Was läuft falsch?
Das Problem vieler dieser Beteiligungsformate ist, dass die Jugend immer nur an Nebenschauplätzen mitmachen darf. Im Großen bewirkt das wenig. Es ist wichtig, Zwischenziele festzulegen, die ein Erfolgserlebnis darstellen. Es muss etwas Sichtbares passieren. Denn was vielen fehlt, ist eine richtige Vision. Wenn gefordert wird, die Jugend soll nicht 80 Prozent arbeiten, sondern 100 oder 120 Prozent, steht die berechtigte Frage im Raum: wofür? Was ist die Vision, die uns trägt, um Deutschland wieder voranzubringen?
Ein großes Thema für junge Menschen ist auch die Klimakrise. Die vergangenen TV-Duelle behandelten das Thema nicht einmal mit einer einzigen Frage.
Es ist wichtig, die Sorgen der jungen Menschen ernst zu nehmen und dafür Lösungen zu finden. Allerdings ist auch Teil der Wahrheit, dass Klima für die Hälfte der jungen Menschen derzeit keine große Rolle spielt– oder es zumindest wichtigere Themen gibt. Beispielsweise finanzielle Sorgen. Gegenüber der Mehrheit der Wähler ist es daher konsequent, sich im Wahlkampf um andere Themen zu kümmern. Aber für die Jugend wäre es weiterhin essenziell, sich der Klimakrise anzunehmen.
Die nächste Bundesregierung wird wahrscheinlich von der Union geführt werden. Was bedeutet das für die Jugend in Deutschland?
Im Wahlprogramm der CDU habe ich die Punkte vermisst, die auf die Zukunft der Jugend einzahlen. Man liest stattdessen viel darüber, was die Union vor allem von jungen Menschen erwartet: Leistung. Mir fehlt die Vision, was die Union tun will, um genau diese Menschen abzuholen, zu fördern, die Bildung moderner zu machen. Wir brauchen eine Aktualisierung des Lehrplans, wir müssen Lehrkräfte weiterbilden, über das, was wichtig für die Zukunft ist, jungen Menschen Finanzkompetenzen an die Hand zu geben, und noch vieles mehr. All das fehlt bisher.
Über den Gesprächspartner
- Simon Schnetzer ist 1979 in Kempten im Allgäu geboren worden und hat Volkswirtschaft studiert. Er ist Jugendforscher, Speaker, Arbeitgeber-Coach – und Autor der Trendstudien Jugend in Deutschland, Österreich und der Schweiz.