Ein Epidemiologe pflanzt bei "maischberger. die Woche" ein zartes Pflänzchen Hoffnung auf ein Ende der harten Maßnahmen. Und ein SPD-Politiker zertrampelt sie wieder.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

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Stephan Weil mag seine Qualitäten haben, immerhin hat er als SPD-Politiker Wahlen gewonnen, was nicht viele Menschen schaffen.

Ein Motivator ist Niedersachsens Ministerpräsident aber definitiv nicht. Nach zehn Tagen Kontaktverbot, die sich anfühlen wie eine Ewigkeit, und mit der Aussicht auf weitere 18 Tage, will Weil bei "maischberger. die woche" noch nicht einmal über Lockerungen spekulieren: "Wir haben, ehrlich gesagt, erst einige Tage dieser harten Einschränkungen, und wir müssen noch längere Zeit durchhalten, um überhaupt die Voraussetzungen zu schaffen."

Dabei interessierte an diesem Abend vor allem eine Frage: Wie lange kann und soll das noch so weitergehen?

Das sind die Gäste bei "maischberger. die Woche"

  • Die "Welt"-Innenpolitikchefin Claudia Kade sieht die Bundesregierung unter wachsendem Rechtfertigungsdruck. Die Unsicherheit nehme zu, die Menschen wollten langsam wieder raus und verlangten nach mehr Informationen. "Wenn da nicht fundiert nachgelegt wird, kriegen wir ein Akzeptanzproblem."
  • Das hat der Herausgeber der Wochenzeitung "Der Freitag", Jakob Augstein, jetzt schon. Er wundere sich, dass die Bevölkerung "ohne etwas zu verstehen" die Maßnahmen hinnehme. "Wenn man allein die Zahlen nimmt, die sind in sich widersprüchlich."
  • Dem Kabarettisten Florian Schroeder reichen die Ansagen aus: Ansteckungskurve verflachen, abwarten bis zum 20. April. "Die Vernunft gebietet, dass wir das durchhalten." Allerdings müsse schon jetzt eine Perspektive für die Zeit danach entwickelt werden.
  • Dafür sei jetzt der falsch Zeitpunkt, meint Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). "Wir müssen uns darauf konzentrieren, bis Ostern durchzuhalten." Erst wenn die Ansteckungszahlen sich verringern, könne man eine Lockerung der Maßnahmen verantworten.
  • Die Schauspielerin Jutta Speidel illustriert, wie die "sozialen Kosten" des Lockdowns konkret aussehen: Ihre Organisation Horizont e.V. führt zwei Mutter-Kind-Häuser in München, die sich um Frauen und Kinder von gewalttätigen Männern kümmert. Die Einrichtungen müssen ihr Programm quasi einstellen, die Folge: Kinder verlieren den Anschluss in der Schule, Frauen werden re-traumatisiert. "Sie kommen aus einer Angst, und erleben nun eine neue Angst."

Das ist der Moment des Abends

Mit Covid-19 war es lange Zeit wie im Lotto: Alle Zahlen sind ohne Gewähr. Aber die Lage bessert sich, glaubt man Stefan Willich, Epidemiologe der Charité Berlin.

Wie viele Menschen in Deutschland wirklich infiziert sind, sei zwar immer noch "spekulativ", es könnten fünfmal mehr sein, oder zehnmal mehr.

Aber über die Krankheitsverläufe können die Mediziner mittlerweile Prognosen treffen, basierend auf italienischen Statistiken: Dort waren die Verstorbenen im Schnitt 80 Jahre alt, die Hälfte hatte drei oder mehr ernsthafte Vorerkrankungen, ähnlich sehe es in Deutschland aus. "Das sind sehr gute Nachrichten, weil es für einen großen Teil der Bevölkerung nicht gefährlich ist."

Daraus ließe sich auch eine Blaupause für die nächste Phase ableiten: Schutz und Prävention für die Hochrisikogruppe.

Ja, Sie haben richtig gelesen: Es gibt gute Nachrichten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Der Epidemiologe von der Charité sieht einen generellen Trend zur Stabilisierung der Kurve in den meisten europäischen Ländern – unabhängig davon, welche Maßnahmen sie ergreifen.

Seine Schlussfolgerung: "Die restriktiven Maßnahmen sind nicht das Entscheidende, sondern die persönlichen." Sprich: Abstand halten, Hände waschen. "Das scheint mir der Kern der Prävention, der erfolgreich ist."

Dem Publizisten Augstein dient Willichs These als Argumentationshilfe gegen den Lockdown. "Wenn das gleiche Ziel erreicht werden kann mit weniger Maßnahmen", fragt er Niedersachsens Ministerpräsidenten Weil, "sollten Sie das dann nicht prüfen?" Eine Diskussion, der Weil schnell den Riegel vorschiebt: "Vorsicht an der Bahnsteigkante!"

Dabei argumentieren Augstein und Weil ähnlich: Beide trauen den Zahlen nicht und schauen auf andere Länder als Deutschland: Augstein auf die Niederlande und Schweden, die es mit lockeren Vorschriften probieren, Weil auf Großbritannien und die USA, deren Kurswechsel er als Beweis für die Richtigkeit des deutschen Weges sieht. Wer recht hatte, wird man erst in einigen Wochen oder Monaten wissen.

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So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Auf die Pelle gerückt ist die Gastgeberin Niedersachsens Ministerpräsidenten nicht nur, als sie unter Missachtung des Abstandsgebots um Weil herumschlich, um die Funktionsweise einer Corona-App zu demonstrieren.

Bei aller Nachsicht wegen der besonderen Situation stellte Maischberger auch die Frage nach der Verantwortung der Landesregierung, wenn in Pflegeheimen das Personal ohne Schutzmasken mit der Hochrisikogruppe arbeiten muss. Weil findet "keine befriedigende Antwort", was irgendwie ja auch eine Antwort ist.

Auch sonst findet Maischberger die richtige Mischung zwischen Sachfragen und politischer Diskussion – und spart dabei auch die Frage nicht aus, ob allein schon die Debatte um die Maßnahmen die Disziplin der Menschen im Land gefährde. Klare Antwort von Augstein: "Dann wären wir eine Scientokratie, wo die Virologen die Herrschaft übernehmen und die Leute weder rausgehen noch sich Gedanken machen dürfen." Nach vorauseilendem Gehorsam sieht diese Sendung jedenfalls nicht aus.

Das ist das Ergebnis

Was ist jetzt eigentlich mit den Masken? Helfen sie? Kommen sie? Was die medizinischen Masken der Stufe FFP2 und FFP3 angeht, kann man beide Fragen mit "Ja" beantworten, auch wenn es noch ein wenig dauern kann, bis sie in ausreichendem Maß verfügbar sind, wie Weil sagt. Auf dem Weltmarkt herrsche ein "Kampf", allerdings laufe die Produktion in China, aber auch in Deutschland an.

Die einfacheren OP-Masken, also der Mund-Nasen-Schutz (kurz: MNS), müssen zum Beispiel in Österreich ab Montag verpflichtend im Supermarkt getragen werden.

Auch in Deutschland könnte die Vermummung bald zum Straßenbild gehören, wenn es nach dem Epidemiologen Willich geht: "Die Masken können langfristig nötig sein, um Risikogruppen in Supermärkten und Öffis zu schützen."

Willich sieht diese Gruppen aber nicht nur durch Covid-19 gefährdet, sondern auch durch die Gegenmaßnahmen.

Wenn alte Menschen vereinsamen, gerieten sie in Stress, entwickelten Depressionen. Und nicht nur sie: Wenn der Lockdown über den 20. April hinausreiche und die Wirtschaft noch mehr Schaden nehme, kämen in zwei Jahren "erhebliche gesundheitliche Probleme" auf die Gesellschaft zu.

Armut, so Willich, erhöhe letztlich die Sterblichkeit und die Wahrscheinlichkeit von Suchterkrankungen und psychischen Krankheiten. "Das muss man in Verhältnis setzen zu den Todeszahlen."

Eine Verantwortung, um die kein Zuschauer Weil und seine Kollegen beneiden wird: Wiegen die Folgen der wirtschaftlichen Totalbremsung am Ende schwerer als eine Ausweitung der Pandemie?

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