Er war einer der engsten Vertrauten von Donald Trump, bei "Maischberger" porträtiert John Bolton den Präsidenten als Chaoten und Lügner. Ein Comedian wünscht Trump alles Schlechte, Robert Habeck ist enttäuscht von Fridays for Future.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Einer trägt Schnäuzer, einer hat sich extra für die Sendung rasiert, einer hat ausnahmsweise seine Fliege zu Hause gelassen: Sandra Maischberger empfängt am Mittwochabend drei markante Hochkaräter im Studio und klärt mit ihnen die Themen der Stunde – Trump, Corona, und Trumps Corona-Erkrankung.

Das sind die Gäste bei Sandra Maischberger

Den Anfang macht John Bolton, bis September 2019 Nationaler Sicherheitsberater von Donald Trump. Für den US-Präsidenten sei "Chaos eine Lebensart", erklärt Bolton – deswegen falle die COVID-Erkrankung im Regierungsalltag nicht weiter ins Gewicht: "Das weiße Haus war seit vier Jahren nicht arbeitsfähig."

Karl Lauterbach kommt ohne Fliege, aber mit seiner gewohnten Botschaft: Mit härteren Maßnahmen will er die Infektionszahlen senken, so fordert er eine Obergrenze von 25 Menschen für private Feiern. Schulen sollten sich laut dem SPD-Mann etwas einfallen lassen: "Nur ein bisschen Lüften und Maske tragen wird nicht reichen." Denn: Noch ist kein Impfstoff für Kinder in Arbeit.

Der grüne Posterboy Robert Habeck windet sich wie üblich um die K-Frage herum und wird wie zur Strafe von Maischberger mit der Kritik von "Fridays for Future"-Frontfrau Luisa Neubauer konfrontiert, die den Grünen einen wirtschaftsfreundlichen Kurs vorwirft. "Die Kritik von Luisa tut mir weh", sagt Habeck. "Ich finde sie auch ungerecht." Danach setzt er zum Spagat an: Er wolle er die "Dynamik" der jungen Klimaaktivisten umsetzen, die Ziele aber "kooperativ mit der Wirtschaft" erreichen.

Comedian Bernhard Hoëcker erlaubt sich angesichts der Corona-Show von Donald Trump, die Opfer und Patienten "verhöhnt" habe, einen bösen Gedanken: "So ein kleiner Rückfall … nichts, was ihn niederringt, aber deutlich mehr als ein kleiner Schnupfen."

Alles eiskalte Kalkulation, meint Ansgar Graw, Publizist und Herausgeber von "The European": "Für 60 Prozent der Amerikaner ist es eine Verhöhnung, für die 40 Prozent, um die es Trump geht, eine Bestätigung." Graws These: Trumps Anhänger gehen in die Wahllokale, während die Demokraten eher per Brief abstimmen – also könnte Trump lange vorn liegen und sich vielleicht vorzeitig zum Sieger erklären.

Die Fantasien wachsen, bestätigt Barbara Junge, Chefredakteurin der "taz". Sogar Gerüchte über eine Art parallele Gegen-Vereidigung gingen schon in den USA um. Ganz generell sieht sie Joe Biden vorn, was allerdings nichts den Fähigkeiten des Herausforderers zu tun habe: "In COVID-19 hat Trump einen stärkeren Gegner gefunden als in Biden."

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Das ist das Rededuell des Abends

So langsam lässt sich das alles nur noch mit einer Art Running Gag zwischen den Talkshow-Redaktionen der Republik erklären: Wer traut sich, schon wieder Karl Lauterbach einzuladen?

Der Epidemiologe liefert natürlich verlässlich ab: Die Infektionen "krabbeln so langsam in ältere Altersgruppen", in der vergangenen Woche habe sich die Zahl der Patienten auf Intensivstationen verdoppelt. Und dann knöpft sich Lauterbach einen Experten vor, der gar nicht im Studio sitzt: "Manchmal hört man, wir könnten uns 20.000 Fälle pro Tag leisten", sagt Lauterbach – darauf hat Maischberger offensichtlich schon gewartet, sofort hat sie den passenden Einspieler parat: Hendrik Streeck im Interview mit der ARD. "20.000 klingt nah an der Apokalypse", sagt der Virologe da, "aber das sollte uns keine Angst machen, die milden Verläufe tragen nicht so stark zum Infektionsgeschehen bei."

Lauterbach ist da "ganz anderer Meinung". Wenn sich wieder mehr alte Menschen infizierten, steige auch die Sterblichkeit wieder. "Dann hätten wir 200 Tote, das wäre eine Katastrophe, dazu kommen viele mit bleibenden Schäden, das müssen wir abwenden."

Apropos Dinge, die abgewendet werden müssen: Maischberger verabschiedet den SPD-Mann mit den Worten "Mein Eindruck ist: Wir werden uns noch öfter sehen." Bei allem Respekt für Karl Lauterbach: Vielleicht fällt der Redaktion ja zur Abwechslung mal ein anderer Mensch ein, der sich mit Pandemien auskennt. Da soll es ja noch die eine oder den anderen geben.

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Das ist der Moment des Abends bei "Maischberger"

John Bolton scheint wirklich ein Mann mit Manieren zu sein. Da schreibt er ein Buch mit allerlei Einblicken in das Weiße Haus unter Donald Trump, und wonach fragt die Moderatorin aus Deutschland? Nach Bob Woodwards Corona-Telefonaten mit dem "Patient-in-chief". Auch sonst dreht sich alles um die COVID-19-Infektion, zu der Bolton auch nur etwas besser begründete Vermutungen zum Besten geben kann als andere, immerhin hat er sich schon im September 2019 aus dem Kabinett verabschiedet.

Bolton antwortet trotzdem geduldig auf alle Fragen, ein Mal schmuggelt er sein Buch selbst ins Gespräch ("Ich habe in meinem Buch geschrieben, unter Trump zu arbeiten fühlt sich an wie im Flipper."). Und dann verrät er noch, wem er seine Stimme gegeben hat, per Briefwahl: Zum ersten Mal in seinem Leben nicht dem republikanischen Kandidaten - aber auch nicht Biden.

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Vermutungen zu Trump gibt auch Karl Lauterbach zum Besten. Angestachelt von Maischbergers Nachfragen versteigt er sich zu einer Sitzung Telemedizin, die sich für einen seriösen Mediziner in der Form eigentlich verbieten sollte – auch wenn die Behandlung des US-Präsidenten in den Medien in allen Details behandelt wurde, auch wenn Trumps eigenes PR-Video beweist, wie schwer Trump atmet. All das ließe einige vorsichtige Thesen zu Trumps Gesundheitszustand zu, aber spätestens beim Satz "Ich bin mir sicher, dass er sich gegen den Rat der Ärzte selbst entlassen hat" hätte der Gastgeberin auffallen müssen, dass nun endgültig das Reich der Spekulationen erreicht ist.

Während der politische Teil des Gesprächs mit Robert Habeck sich dahinschleppt ("Die Kanzlerfrage ist einerseits ganz einfach, andererseits ganz schwer"), entlockt die Gastgeberin dem Grünen, der sich heute "extra für Sie" glattrasiert hat, seine Rasur-Routine ("Je nach Lust und Laune, da gibt’s keine Logik") und macht den sonst so redseligen Parteichef sprachlos. "Ich muss da an die Lindenstraße denken", frotzelt Maischberger beim Blick auf ein 20 Jahre altes Foto von Familie Habeck am Küchentisch. Habeck, verblüfft: "Warum?" - "Nicht beleidigend gemeint."

Das ist das Ergebnis

Auf wenig Begeisterung treffen die neuen Vorschriften zur Beherbergung, auf die sich Bund und Länder geeinigt haben, bevor dann sofort einige Bundesländer ausscherten. "Die Regelung ist unsinnig, ich erkläre sie ungern", sagt Lauterbach. Zu allem Überfluss koste sie auch "wertvolle Tests".

Dabei wäre alles so einfach, wenn sich Bund, Länder und BürgerInnen auf Eigenverantwortung à la Hoëcker einigen könnten: Für ihn sei Corona wie eine Lotterie, die man nicht gewinnen wolle, erklärt der Comedian. Wer auf Partys gehe, hole sich mehr Lose und damit mehr Chancen auf den ungewollten "Gewinn" ab. Wer keine Maske trägt, verteilt die Lose an andere. Also: Zurückhaltung, bitte. Leuchtet ein.