Pünktlich am Tag, an dem die meisten Corona-Schutzmaßnahmen aufgehoben sind, ist Karl Lauterbach bei Sandra Maischberger zu Gast. Die möchte mit ihm am Mittwochabend gerne mögliche Fehler in der Corona-Politik diskutieren, trifft aber auf einen eher verhaltenen Gesundheitsminister. Aus einem mutmaßlich einfachen Grund.

Eine Kritik
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Dass Sandra Maischberger mit zwei Journalistinnen und einem Journalisten die Themen der Woche durchgeht, ist bei "maischberger" nichts Ungewöhnliches. Dass Gesundheitsminister Karl Lauterbach zum Einzelgespräch zu Gast ist, auch nicht. Mit Schauspielerin Cate Blanchett bricht Maischberger aber am Mittwochabend mit dieser Normalität.

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Die Themen des Abends:

Mit Amelie Fried, Jan Philipp Burgard und Kristina Dunz spricht Sandra Maischberger am Tag, an dem fast alle Corona-Schutzmaßnahmen fallen, über die vergangenen drei Jahre der Pandemie, über ein Verbot für die an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel, über die Lage der Ampel-Koalition, über die Regierungsbildung in Berlin und auch ein bisschen über das deutsch-amerikanische Verhältnis im Lichte der jüngst vereinbarten Panzerlieferungen.

Für die Einzelgespräche hatte sich Maischberger Gesundheitsminister Karl Lauterbach eingeladen, mit dem sie über eventuelle Fehler der Politik während der Pandemie sprechen wollte, um Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen. Das zweite Einzelgespräch mit Schauspielerin Cate Blanchett wurde vor der Sendung am Mittwoch aufgezeichnet, als Blanchett wegen der Berlinale in Berlin war.

Mit diesen Gästen diskutierte Sandra Maischberger:

  • Amelie Fried: Journalistin Fried sagt rückblickend über die Corona-Schutzmaßnahmen: "Es haben Absurditäten stattgefunden. (…) Aber ich habe mich von der Regierung trotz allem gut beschützt gefühlt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Spaß daran haben, uns Bürger zu maßregeln." Dennoch komme es jetzt darauf an, die Fehler, die passiert sind, aufzuarbeiten, denn "das war nicht die letzte Pandemie. Das Zeitalter der Pandemien hat begonnen." Über das angedachte Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel zum Schutz der Kinder sagt Fried: "Das kann maximal der erste Schritt sein."
    Zu den Differenzen innerhalb der Koalition meint Fried, dass "die FDP zu viel Klientel-Politik macht." Die Partei mache es sich gemütlich und kritisiere einfach nur jeden Vorschlag von SPD und Grünen, meint Fried und holt unter Applaus der Zuschauer zur Kritik gegen Volker Wissing aus: "Ich finde es zum Beispiel unsäglich, dass unser Verkehrsminister nach wie vor gegen ein Tempolimit ist."
  • Kristina Dunz: Die stellvertretende Leiterin des Hauptstadtbüros vom Redaktionsnetzwerk Deutschland stört anlässlich des Wegfalls der Corona-Schutzmaßnahmen das Betonen der Fehler, die man gemacht habe. Die sollten zwar aufgearbeitet werden, man solle aber stärker betonen, welche Leistung die Gesellschaft in dieser Zeit erbracht habe: "Diese unglaubliche Kraftanstrengung würde ich viel mehr loben", meint Dunz. Özdemir habe mit seinem Vorschlag zum Werbeverbot „einen guten Stein ins Wasser geworfen“, glaubt Dunz und erinnert an das Rauchverbot in Restaurants.
    In die Diskussion über die Ampel-Regierung erinnert Dunz daran, dass die Koalition durch den Angriffskrieg Russlands in ihren eigentlichen Vorhaben extrem herausgefordert wurde: "Gemessen daran, was für Belastungen für diese drei Parteien passiert ist, finde ich, ist das gar nicht so wahnsinnig schlecht."
  • Jan Philipp Burgard: Burgard ist Chefredakteur TV & Bewegtbild des Nachrichtensenders Welt aus dem Springer-Konzern. Er wünscht sich eine "Versöhnungspolitik", wie sie in Österreich angestrebt wird. Über manche Differenzen zwischen Grünen und FDP in der Ampel-Regierung sagt Burgard: "Grundsätzlich ist es eine Zweckgemeinschaft, diese Ampel-Koalition. Ich glaube trotzdem, dass das halten wird, denn keiner der drei Akteure hat ein Interesse daran, Neuwahlen vom Zaun zu brechen."
    Der Ukraine-Krieg, so Burgard, habe bei all den schrecklichen Ereignissen dazu geführt, dass die transatlantischen Beziehungen besser geworden sind. Gleichwohl gebe es Dissonanzen vor dem Besuch von Scholz in Washington. Es zeige sich bei dieser Reise an verschiedenen Punkten, dass "in Washington eine gewisse Frustration herrscht darüber, dass nach der Wahrnehmung der amerikanischen Regierung der Bundeskanzler so spät wie möglich so wenig wie möglich tut für die Ukraine."
  • Karl Lauterbach: Der Bundesgesundheitsminister lobt das Engagement der Bevölkerung, dankt dem Personal in den Kliniken und allen, die die Maßnahmen befolgt haben. "Es ist in allererster Linie eine Leistung der Bevölkerung selbst gewesen." Zur aktuellen Lage sagt er, es gebe nach wie vor Menschen, die sich infizieren und sterben, aber, so Lauterbach: "Wir sind im endemischen Zustand, wir können zu unserer Normalität zurück." Über die Schulschließungen sagt Lauterbach: "Wir haben sehr viel richtig gemacht, vieles ist gelungen. Aber die langen Schulschließungen, die wir damals gehabt haben, die sind im Nachhinein möglicherweise zu lang gewesen." Lauterbach sagt aber auch: "Sehr viele Dinge sind eben sehr gut gelaufen, daher ist das aus meiner Sicht der einzige Bereich, wo es wirklich hätte anders funktionieren können." Mit Blick auf kommende Pandemien sieht Lauterbach Deutschland zumindest aus technischer Sicht nun besser vorbereitet: "Wir habe ein System, wo wir nach Viren systematisch Ausschau halten." Außerdem könnten nun innerhalb kurzer Zeit Impfstoffe entwickelt werden.
  • Cate Blanchett: Die australische Schauspielerin spricht mit Maischberger über ihren neuen Film Tár, in dem Blanchett eine Dirigentin spielt und in dem es weniger um Geschlechter, sondern um Macht gehe, wie Blanchett sagt: "Wenn ein Mann die Rolle spielen würde: Wir wüssten alle, wie patriarchalische Macht aussieht. (…) Aber mit einer Frau im Zentrum wirkt es aber immer noch wie ein Märchen. So können wir den systemischen Machtmissbrauch ganz anders betrachten, als wenn ein Mann die Rolle spielen würde."

Die Aufarbeitung des Abends:

Sandra Maischberger hatte mit Karl Lauterbach vor allem eines vor: eine Aufarbeitung. Anlässlich des ersten Tages, an dem die meisten Corona-Schutzmaßnahmen aufgehoben sind, will Maischberger zusammen mit Lauterbach herausfinden, welche Fehler denn gemacht wurden in dieser Pandemie. Dabei konfrontiert Maischberger den Gesundheitsminister immer wieder mit früheren Zitaten Lauterbachs oder anderslautenden Einschätzungen von Wissenschaftlern wie Hendrick Streeck, um ihn zu Fehlereingeständnissen zu führen. Nicht, um ihn vorzuführen, sondern um den Blick nach vorne zu richten, wie Maischberger mehrfach erklärt.

Es kommen von Lauterbach auch Fehlereingeständnisse, etwa zu den langen Schulschließungen, aber es wirkt nicht, als wäre Lauterbach an dieser Stelle bereit, eine groß angelegt und detaillierte Fehleranalyse machen zu wollen; stattdessen verweist er immer wieder auf die Verbesserungen und vor allem auf die Dinge, die gut gelaufen sind. Und irgendwann sagt Lauterbach einen Satz, der den Grund für seine Zurückhaltung liefern könnte: "Man muss sehr vorsichtig sein. Wir dürfen jetzt nicht den Eindruck erwecken, als wenn ein großer Teil der Maßnahmen von damals falsch gewesen wären. Das ist einfach nicht richtig."

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So schlug sich Sandra Maischberger:

Mit Licht und Schatten. Im Rahmen der Umstände eines solchen Berlinale-Interviews machte sie das Gespräch mit Cate Blanchett zwar zu einem breitgefächerten, aber dennoch interessanten Interview. Beim Gespräch mit Karl Lauterbach blieb Maischberger hartnäckig, aufmerksam und hakte nach, wenn der Gesundheitsminister bei ihren Fragen nach Fehlern während der Pandemie auswich. Die gleiche Sensibilität und Vehemenz hätte Maischberger aber gerne auch bei den Aussagen von Jan Philipp Burgard an den Tag legen dürfen.

Denn als Burgard eine noch größere Fehleraufarbeitung fordert, weil man "Teile der Gesellschaft an den Pranger gestellt habe, weil sie die massiven Grundrechtseinschränkungen, die es gab, kritisch hinterfragt haben" oder weil man, "wenn man Fragen aufgeworfen habe, man teilweise als Querdenker, als Schwurbler hingestellt worden sei", dann ist das eine reichlich verzerrte Wahrnehmung, mindestens aber eine übertriebene. Da hätte Maischberger gerne mit dem gleichen Verve wie bei Lauterbach dazwischen gehen und die Verhältnisse in Bezug auf Querdenkertum ein wenig gerade rücken dürfen.

Gleiches gilt, als wenig später über die Idee von Cem Özdemir diskutiert wird, Werbung ungesunder Lebensmittel zum Schutz der Kinder zu verbieten. Da ist sich Burgard nicht zu schade, die in Springer-Medien und FDP/CSU/CDU-Kreisen gern bemühte Mär der grünen "Verbotspartei" zu bemühen, als er sagt "Das ist so typisch grüner Verbotsfetischismus." Da hätte Maischberger einfach nur fragen müssen, was denn an Verboten so schlimm ist, schließlich retten Verbote täglich Menschenleben, ohne dass sich jemand darüber beschwert. Aber Maischberger lacht nur an dieser Stelle.

Das Fazit:

Das Gespräch mit Cate Blanchett war wahrscheinlich das inhaltlich breiteste, das Sandra Maischberger in ihren Sendung je geführt hat. Es ging über Blanchetts neuen Film, über ihre Sprachkenntnisse, warum sie mit dem Klavierspielen aufgehört hat, über den Tod ihres Vaters, über die Männerdominanz an Filmsets und über die MeToo-Bewegung und was sich hier geändert hat. Es war also ein wilder, aber nicht uninteressanter Ritt, weil Maischberger anders, als es bei solchen Begleitinterviews zu Filmpremieren üblich ist, auch Fragen stellte, die nichts oder nicht direkt mit dem Film zu tun haben.

Ganz anders hingegen lief das Gespräch mit Karl Lauterbach, dem sie zwar auch Privates entlocken konnte, bei dem es aber hauptsächlich um eine Aufarbeitung der Corona-Politik ging – die Lauterbach im Übrigen nur zum Teil als Gesundheitsminister zu verantworten hatte. Dass Lauterbach bei dieser Aufarbeitung zurückhaltend wirkte und auf die richtige Gewichtung von Fehlern und richtigen Entscheidungen Wert legte, ist aus seiner Sicht verständlich.

Nicht, weil Lauterbach als Verfechter der Wissenschaft nicht mit eigenen Fehlern umgehen könnte, sondern weil er wahrscheinlich nach drei Jahren Umgang mit Querdenkern, Impfgegnern und Corona-Leugnern die Befürchtung hat, dass auch nur das kleinste Fehlereingeständnis neue Verschwörungsphantasien befeuern könnte. Das ist nur eine Vermutung, aber eine plausible.

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