Die Polizei, dein Freund und Rassist? Vor nicht allzu langer Zeit schlug die Meldung über eine rassistische Chat-Gruppe von Frankfurter Polizisten Wellen. Doch was ist mit den Polizisten danach passiert und was genau haben die eigentlich gepostet? Die Antworten auf diese Fragen präsentierte Jan Böhmermann am Freitagabend in seinem "ZDF Magazin Royale" – und sie sind beide erschreckend.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Nach knapp sechs Minuten der neuesten Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" erscheint eine Triggerwarnung: "In dieser Sendung geht es um Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus, Holocaustrelativierung, NS-Verherrlichung, Volksverhetzung, Sexismus, Misogynie, sexuellen Missbrauch, Verhöhnung von Toten, Ableismus, Islamfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung und Leichenschändung."
Ja, das sind einige der schlimmsten Sachen, die ein Mensch tun oder denken kann und nein, diese Warnung ist nicht ironisch gemeint.

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Das "ZDF Magazin Royale" ist zwar eine Satire-Sendung, aber irgendwo hört der Spaß ja wohl auf – Satire hin oder her. Oder? Genau darum geht es in der aktuellen Ausgabe am späten Freitagabend. Was ist Satire, was Humor und was Rassismus?

Wer nun denkt, Jan Böhmermann hat über die Stränge geschlagen und wird nun von der Justiz in die Schranken gewiesen, der liegt falsch. Denn diesmal muss nicht die deutsche Justiz irgendjemanden vor Böhmermanns Satire beschützen. Nein, diesmal muss Jan Böhmermann die Satire vor der deutschen Justiz beschützen. Und vor der Polizei. Warum? Die Antwort auf diese Frage beginnt in Frankfurt.

Ist Rassismus von der Kunstfreiheit gedeckt?

"Ich bin heute ein Polizei-Humor-Humor-Polizist. Und Polizei-Humor, den versteht ja nicht jeder. Weil ihn selten jemand zu Gesicht bekommt. Denn PolizistInnen verstecken ihre Art von Humor und ihre sehr, sehr guten Witze gerne in geheimen Chatgruppen", erklärt Böhmermann und zeigt Meldungen über mehrere Fälle, in denen sich Polizisten in Chatgruppen rassistisch geäußert haben. Böhmermanns Plan für die jüngste Folge: "Schauen wir uns so einen Einzelfall doch mal ein bisschen genauer an."

Und dieser Einzelfall spielte eben in Frankfurt und hier zitiert Böhmermann aus einem Beitrag des "Spiegel" vom 29. Juli 2020, in dem es heißt: "In einer WhatsApp-Gruppe namens 'Itiotentreff' zeigten einige Frankfurter Polizisten ihre rechtsextreme Gesinnung. […] 'Das ist so widerwärtig, da dreht sich einem der Magen um', sagt ein leitender Ermittler." Der Fall dürfte vielleicht einigen noch bekannt sein, etwas weniger Menschen vielleicht, was aus diesen Polizisten geworden ist.

Das holt Böhmermann nun nach und zitiert weitere Meldungen, nach denen das Landgericht Frankfurt die Anklage gegen die Polizisten nicht zugelassen habe, da die Inhalte nicht strafbar seien, weil sie nicht verbreitet worden seien. Das Gericht argumentierte mit dem Grundgesetz und dem Recht auf Meinungsfreiheit. Teile der Inhalte würden nicht unter Satire fallen und seien von der Kunstfreiheit gedeckt, erklärt Böhmermann.

Böhmermann veröffentlicht geheimen Chat

Das Landgericht Frankfurt sei nicht näher darauf eingegangen, aber Böhmermann wollte nun genau wissen: "Welche Witze waren denn da Straftaten und welche Straftaten waren da eigentlich Witze? Und was waren das überhaupt für Witze, die sich die PolizistInnen da gegenseitig bei WhatsApp geschickt haben?"

"Wir haben ihn tatsächlich hier. Den geheimen, privaten Comedy-WhatsApp-Chat von mehreren rechtsextremen Polizisten vom 1. Frankfurter Revier und der rechtsextremen Partnerin eines rechtsextremen Polizisten", erklärt Böhmermann und sagt dann: "Wir haben uns das alles ganz genau durchgelesen und sind zu dem Schluss gekommen: Das, was wir da lesen mussten, das sollten unbedingt mal alle lesen können."

Genau deshalb veröffentlicht Böhmermann einen kleinen Teil des Chatverlaufs in der Sendung, den Rest in Zusammenarbeit mit FragDenStaat.de online unter www.itiotentreff.chat. Genau hier setzt dann die eingangs erwähnte Triggerwarnung ein – und das völlig zu Recht. Denn was dort zu lesen ist, ist eine Ansammlung menschenverachtender Widerwärtigkeiten. Bei Persönlichkeitsrechte verletzenden und zu menschenverachtenden, gewaltverherrlichenden oder pornografischen Bildern hat die Redaktion diese entsprechend geschwärzt.

Jan Böhmermann: "Satire verpackt die Wahrheit in den Witz"

Die Bandbreite der Posts reicht von Glückwünschen an Hitlers Geburtstag über das Sich-lustig-machen über Leichen von geflüchteten Kindern bis hin zu offen rassistischen Äußerungen und Darstellungen sowie Vergewaltigungsfantasien und Fantasien von Leichenschändungen. Wie also kann ein Gericht zu dem Schluss kommen, solche Äußerungen seien Satire? Böhmermann erklärt dazu: "Satire verpackt die Wahrheit in den Witz."

Nicht ganz unwichtig sei also die Frage, so Böhmermann: "Was will ein Witzbold seinem Publikum eigentlich sagen?" Die Antwort, die dem Gericht offenbar nicht eingefallen ist: Das ist keine Satire, die meinen das ernst. Wie etwa bei einem Bild jubelnder Wehrmachtssoldaten hinter einem abgefeuerten Geschütz mit der Nachricht "so sollten Asylantrag begrüsst werden" (Rechtschreibfehler wurden beibehalten, Anm. d. Redaktion).

Böhmermann will, so unerträglich es auch anzusehen ist, all das öffentlich machen, was da in manchen Polizeikreisen für widerliches Gedankengut herrscht. Aber nicht nur: Denn dass es sich bei den Posts nicht um Satire handelt, scheint nicht überall klar zu sein, wie das Landgericht Frankfurt bewiesen hat. Also richtet sich Böhmermanns Anklage nicht nur gegen die betreffenden Polizisten, sondern eben auch gegen das Landgericht Frankfurt und die hessische Polizei.

Warum wurden die Frankfurter Polizisten nicht entlassen?

Denn über die betreffenden Polizisten sagt Böhmermann: "Die sind weiter Polizisten. Die rechtsextremen WhatsApp-Komiker in Uniform wurden lediglich vom Dienst freigestellt und werden weiter bezahlt – seit fünf Jahren!" Sein Fazit: Auch wenn es die hessische Polizei anders darstellt – man könnte, ja man sollte die entsprechenden Polizisten entlassen. Denn die sind ganz offenkundig weder willens noch in der Lage ihren Diensteid, also den Schutz der Menschen und der Demokratie, zu erfüllen.

Genau das verdeutlicht Böhmermann dem Zuschauer am Bild einer Vergewaltigungsfantasie eines Polizisten namens Johannes S.: "Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie zeigen eine Vergewaltigung bei der Polizei an und dann steht Ihnen im 1. Revier der Polizei Frankfurt ein Satire-Gott wie Johannes S. gegenüber. Oder Sie sind Opfer eines rassistischen Übergriffs und brauchen die Hilfe der Polizei und der Streifenwagen, der vorbeikommt, ist besetzt mit Mitgliedern dieser coolen WhatsApp-Clique aus bewaffneten Hobby-Satirikern in Uniform."

Die Frage, ob die Posts der Polizisten wirklich Satire sind – wer sollte allen Ernstes ja sagen? Und so kann Böhmermann nach dieser Folge zu Recht sagen: "Jetzt holt sich die Satire die Satire zurück." Das Erstaunliche dabei ist allerdings: Diese Satire-Rückhol-Aktion verläuft fast ohne Satire und das ist angesichts des Inhalts auch gut so. Böhmermann präsentiert seine Show diesmal humoristisch so dezent wie möglich und so deutlich wie nötig. In der kommenden Woche will er das Thema in einem zweiten Teil vertiefen. Sein Fazit bis hierhin: "Wir haben in Deutschland offensichtlich ein Problem mit rechtsextremen Polizisten, die immer wieder sehen: Sie kommen mit allem durch."

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