Stellen Sie sich mal vor, Sie arbeiten viele Jahre lang mit eiserner Disziplin darauf hin, eines Tages Weltmeister zu sein. Weltmeister, also der Beste der Welt. In der Disziplin, in der Sie arbeiten. Die Ihr Beruf ist. Das Metier, in dem Sie seit Jahren zu Hause sind. Und mit einer famosen, einzigartigen Leistung schaffen Sie es dann eines Tages, den Titel tatsächlich zu holen. Weltmeister. Beziehungsweise Weltmeisterin. Und dann, auf dem Zenit Ihrer Karriere, genau in dem Moment, wo sich das jahrelange Trainieren, Üben, Quälen, besser werden und Disziplin zeigen, endlich auszahlt und Sie am größten Ziel ihrer beruflichen Laufbahn angekommen sind, küsst Sie plötzlich ihr Chef auf der Siegesfeier vor Millionen von Zuschauern unangekündigt und ungewollt auf den Mund, tätschelt Ihnen anschließend die Hüfte.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Marie von den Benken dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Und anstatt, dass Sie sich in den kommenden Tagen in den verdienten Lobeshymnen suhlen und den gebührenden Applaus auf sich einprasseln lassen, spricht jetzt die ganze Welt nur über diese unsägliche, inakzeptable Übergriffigkeit – für die Ihr Chef dann aber nicht mal entlassen oder wenigstens versetzt wird, sondern bei der sich das Unternehmen auch noch auf seine Seite schlägt und Sie dafür verklagt, dass Sie sich über den aufgezwungenen Kuss beschwert haben.

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Karl-Heinz Rummenigge küsst Johannes B. Kerner auf den Mund

Ich muss Ihnen hier nicht noch mal explizit nacherzählen, was nach dem WM-Finale der Frauen zwischen Präsident Rubiales und der Spielerin Hermoso passiert ist. Das haben alle in den vergangenen Tagen mitbekommen. Ich möchte auch nicht rekapitulieren, wie die intellektuelle Alte-Weiße-Männer-Elite aus Kandidaten wie Johannes B. Kerner oder Karl-Heinz Rummenigge, über die aus unerfindlichen Gründen noch kein Axel-Springer-Pick-Me-Girl ein Fanbuch geschrieben hat, darauf reagiert hat. Ich möchte zeigen, wohin es führt, wenn Frauen in ihren Jobs als Trophäen und Freiwild angesehen werden – und das sogar, wenn sie gerade Weltmeisterinnen geworden sind. Man stelle sich mal vor, wie es weit weniger prominenten Frauen geht, die in normalen Berufen arbeiten, bei denen niemand den skandalösen Übergriffen ihrer männlichen Kollegen und Vorgesetzten öffentlich zusehen kann.

Ich möchte dieses Machtgefälle – und wie es täglich über Frauen, auch sehr junge Frauen, hereinbricht – anhand des Business erklären, in dem ich selbst groß geworden bin. Als ich 14 Jahre alt war, wurde ich in der Hamburger Innenstadt vom Inhaber einer der bedeutendsten Modelagenturen des Landes angesprochen. Seither arbeite ich in diesem Geschäft, zum Glück seit Jahren nicht mehr ausschließlich. Ich persönlich hatte viel Glück. Eine grandiose Agentur, gute Kunden. Auf mich wurde aufgepasst. Das Glück hat allerdings nicht jedes Mädchen.

Bin ich eine Waschmaschine?

Ein Model ist keine Waschmaschine, heißt es oft, und das soll nett gemeint sein. Wenn man aber mal ehrlich ist: in puncto Marketing irgendwie doch. Ein Model ist ein Produkt, das verkauft werden muss. An Kunden, bei denen Begehrlichkeiten geweckt werden sollen. Ein schmaler Grat, wenn das Produkt dein eigener Körper ist. Mit anderen Worten: Wir sind Ware. Für einen vorher ausgemachten Preis wird eine Dienstleistung erbracht. Der Kunde bezahlt sie. Zahlenden Kunden gegenüber möchte man immer freundlich sein. Sie nicht verärgern.

Und damit steht man als Model vor einer der größten Herausforderungen der Karriere. Wie geht man mit Kunden um? Anders als bei Waschmaschinen ist man nämlich Produkt und Ansprechpartner in Personalunion. Dein Körper ist dein Arbeitsgerät. Es würde kein Kunde auf die Idee kommen, abends mit seiner Waschmaschine auszugehen. Mit seinem Model aber schon. Sogar sehr gerne. Und leider: Solche Situationen sind Alltag.

Als Beispiel: Produktionen gehen nicht selten über viele Tage. Team, Models, Fotograf und Kunde sind nicht nur am Set, sondern oft auch im Hotel zusammen. Klar, dass dadurch Momente entstehen, die man als Model (wir erinnern uns: das gleichzeitig das Produkt ist, das seinem Kunden bestmöglich präsentiert und in bester Erinnerung bleiben soll) abwägen muss. Ein typisches Szenario ist das berühmte Team-Dinner. Der Kunde lädt zum Abendessen ein. Man ist zusammen in einer fremden Stadt, arbeitet gemeinsam an einer Kampagne. Das schweißt zusammen. "Teamwork makes the Dream work" ist einer der Poesiealben-Sprüche, die man als junges Model am häufigsten hört.

Alle sind total unter Druck, da beschwört man natürlich den Mannschaftsgeist. Im Fußball wie beim Modeln. Es heißt also meistens jeden Abend: Erst mal gemütlich Essen gehen und anschließend noch ein wenig an der Hotelbar philosophieren. Und wie man vielleicht schon vermutet, ist die Vokabel "philosophieren" nicht selten nur eine wenig subtile Umschreibung für "Anbaggern". Es ist mir bewusst, dass das erst mal ziemlich nach Klischee klingt. Und klar, große Unternehmen. Die Gobal Player, sind inzwischen viel professioneller aufgestellt als 2003, als ich anfing. Zwielichtige, unangenehme Begegnungen erlebt man als Model dort eigentlich nie.

Allerdings hat nur ein Bruchteil der Mädchen, die ihren Lebensunterhalt als Model verdienen, das Glück, ausschließlich für Top-Marken zu arbeiten. Kaum ein Mädchen in der Branche kann es sich leisten, Jobs aus der zweiten oder dritten Attraktivitäts-Kategorie abzulehnen. Womit wir wieder am Anfang wären. Wie reagiert man professionell auf Avancen seitens des Kunden, ohne seine Chancen auf Folgejobs zu gefährden?

Der Kunde isst auch mit

Ich möchte nicht überdramatisieren: Es geht dabei nicht immer um die Frage, wie man sich einem erzwungenen Sexabenteuer mit seinem Auftraggeber entziehen kann. In diesen kriminellen Bereich geht es in den seltensten Fällen. Unangenehme Situationen entstehen aber oftmals schon im angeblichen Alltag. Plötzlich ist das Dinner mit dem Team ein Dinner zu zweit. Nur Model und Kunde. Daran ist erst mal nichts Verwerfliches. Auch Waschmaschinen-Verkäufer gehen mit ihren Großkunden essen. In der Konstellation "Mädchen vs. Kunde" wird es aber schnell ein Balanceakt.

Wie reagiert man etwa, wenn man sich jovial ein Dessert teilen soll? Wenn dazu Sprüche kommen wie "so schlank wie du bist, isst du doch ganz sicher kein Dessert alleine"? Wenn der Abend dann mit einem kleinen Spaziergang zurück zum Hotel abgerundet werden soll? Wenn es draußen kühler geworden ist und der Kunde besorgt sein Sakko über deine Schultern legt? Wenn man sich plötzlich duzt und vielleicht doch noch vor dem Schlafengehen in der Hotelbar kurz einen Champagner trinken könne, weil man sich doch so gut versteht und man doch gerade so eine tolle Kampagne zusammen produziert? Ist das dann noch professionell vom zumeist deutlich älteren und nicht selten verheirateten Auftraggeber? Vor dem Hintergrund, dass man ein paar Stunden vorher am Set noch für ihn vor der Kamera stand, womöglich sogar quasi nackt oder halbnackt in freizügigen Outfits?

Läuft sowas noch unter "Socializing" oder ist es schon deplatziert? Oder ist vielleicht sogar die wenig subtil verklausulierte Botschaft "wenn du beim nächsten Mal wieder dabei sein möchtest, solltest du dich etwas netter und offener verhalten"? Daran sind viele Mädchen zerbrochen. Diesen Drahtseilakt zu schaffen, ist oftmals die größte Herausforderung für New Faces im Business.

Modelfalle Socializing

Ich weiß, dass es auf der Welt schlimmere Probleme gibt. Dennoch habe ich es unzählige Male selbst erlebt und später noch viel häufiger von den ganz jungen Kolleginnen gehört. Fragen Sie doch mal irgendein Model, das Sie kennen. Jedes Mädchen wird eine solche Situation beschreiben können. Man kann als Model in so einem Szenario nur verlieren. Ist man offen, lustig, nett, charmant, flirty, heißt es: Da musst du dich auch nicht wundern, ist doch klar, dass der Kunde denkt, du findest ihn interessant. Ist man dagegen abwartend oder zeigt sich sogar abwehrend, heißt es: Da musst du dich auch nicht wundern, ist doch klar, dass der Kunde denkt, du bist eine undankbare Zicke. So oder so, es gibt Situationen, die dich überfordern können. Am Ende muss man damit klarkommen und seinen eigenen Weg finden. Oder den Job wechseln.

Die Komplexität eines Jobs vor der Fotokamera geht nämlich, das wird viele verwundern, darüber hinaus, einfach für ein paar Momente gut auszusehen und sich ansonsten eben halbwegs in Shape zu halten. Das Thema Selbstvermarktung ist eines davon. Das Leben als Model hat nicht nur Champagner-Seiten.

Apropos kein Champagner. Borussia Dortmund hat bislang vier Punkte in der noch jungen Bundesliga-Saison geholt. Das sind zwei weniger, als sie hätten haben müssen – aber vier mehr als sie nach ihren Leistungen verdient hätten. Darüber schreibe ich dann aber vielleicht nächste Woche.

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