Beim Abschiedsspiel von Dzsenifer Marozsan unterliegt das DFB-Team mit 1:2 gegen Brasilien – und zeigt eine bisweilen uninspirierte Leistung. Fünf Erkenntnisse zum Testspiel.

Eine Analyse
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DFB-Team: Nur Sydney Lohmann sorgt für Kreativität

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Dem DFB-Team ist über weite Strecken wenig gelungen. Das Team von Voss-Tecklenburg hatte zwar viel Ballbesitz, aber wenig gefährliche Abschlüsse. Immer wieder rannten sie an, ohne dass ein echter Plan ersichtlich wurde, wie sie die tiefen Ketten der Brasilianerinnen knacken wollten.

Im zweiten Durchgang brachte die Bundestrainerin dann Sydney Lohmann. Die Bayern-Spielerin sorgte ansatzlos für ein druckvolleres Spiel der Deutschen. Ihre Dribblings und Läufe sowie die guten Steckpässe in die Tiefe brachten auch Stürmerin Lea Schüller besser ins Spiel.

Bezeichnend dafür war auch das einzige deutsche Tor. Lohmann sorgte abermals im Zwischenraum für Gefahr, spielte den Ball durch die Schnittstelle und Schüllers abgewehrter Schuss landete bei Jule Brand. Insgesamt ist das dennoch zu wenig für den Anspruch der Deutschen, die sich nicht immer darauf verlassen können, wie bei der Europameisterschaft große Räume nach Umschaltsituationen vorzufinden. Im Ballbesitzspiel hakt es noch gewaltig.

Brasilien eiskalt – DFB-Team vielleicht müde?

Überbewerten sollte man das Ergebnis dennoch nicht. Brasilien war clever, stand defensiv meist sehr stabil. Trainerin Pia Sundhage war schon bei Schweden dafür bekannt, viel Wert auf die Defensivarbeit zu legen und offensiv vor allem über schnelle Umschaltmomente gefährlich zu werden. Nun implementiert sie diese Art des Fußballs auch in Brasilien, einem Land, das sonst immer für spektakulären Fußball bekannt war.

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Ein pragmatisches und derart effizientes Brasilien ist automatisch auch bei der Weltmeisterschaft im Sommer ein gefährliches Team. Dass Deutschland keine Lösungen fand, könnte aber auch an müden Spielerinnen gelegen haben. Viele Wolfsburgerinnen wie Alexandra Popp, Svenja Huth oder Lena Oberdorf erwischten nicht ihren besten Tag. Auch Schüller und Lina Magull wirkten bisweilen müde.

Es war ohnehin bemerkenswert, dass die Bundestrainerin derart konsequent auf die Spielerinnen setzte, die bereits eine große Belastung bei ihren Klubs haben. Auf der anderen Seite war es eben ein wichtiger Test vor der WM. Letztendlich ist die größte Erkenntnis aber vielleicht, dass dieses Spiel nur wenige Erkenntnisse liefern konnte.

Mit Tränen in den Augen verabschiedet sich Dzsenifer Marozsan.
Mit Tränen in den Augen verabschiedet sich Dzsenifer Marozsan. © IMAGO/Lobeca/IMAGO/Ines Hähnel

DFB-Team: Defensivprobleme stehen ganz oben auf der To-Do-Liste

Wenn Deutschland aber ein Thema aus dieser Länderspielpause mitnehmen kann, dann ist es die wacklige Defensive, die ohne die verletzte Marina Hegering überhaupt nicht gut aussah. Zu oft ließ sich die Viererkette von langen Bällen überrumpeln, zu einfach wurde es den Gegnerinnen gemacht, sich in den Strafraum zu kombinieren. In der Abstimmung passte nur wenig.

Die Partie gegen Brasilien zeigte aber auch, dass das nicht allein an den Abwehr-Spielerinnen liegt. Denn der Matchplan von Sundhage beinhaltete auch, die Elf von Voss-Tecklenburg vertikal auseinanderzuziehen. Hatten die Brasilianerinnen den Ball, attackierten teilweise bis zu sechs Spielerinnen die offensiven Räume. Dadurch wurden viele DFB-Spielerinnen in der Abwehr gebunden.

Vorne wollte man dennoch druckvoll pressen und so entstanden teils große Räume im Mittelfeld, die Oberdorf nicht allein verteidigen konnte. Brasilien bekam dadurch immer wieder das Tempo der eigenen Spielerinnen in die Partie. Die Organisation gegen den Ball war eine der großen Stärken des deutschen Teams bei der EM im vergangenen Sommer. Bei der WM 2023 in Australien und Neuseeland soll das wieder gelingen. Aktuell liegt dafür noch einiges an Arbeit vor der Trainerin und ihrem Team.

Dzsenifer Marozsan: Eine ganz Große geht

So blieb vor einer Kulisse mit über 30.000 Zuschauerinnen und Zuschauern nur noch der Abschied von Dzsenifer Marozsan. Europameisterin 2013, Olympiasiegerin 2016, sechsfache Champions-League-Siegerin, vierfache französische Meisterin, zweimal für den Ballon d'Or nominiert – die Karriere der 30-Jährigen war besonders, so wie sie auch als Spielerin besonders war – und immer noch ist.

Marozsan war eine für die ganz großen Momente eines Spiels. Wenn sie den Ball bekam, war klar, dass sie etwas Kluges damit anzufangen weiß. Ihre Qualitäten im Passspiel, ihre Übersicht und ihre saubere Ballverarbeitung waren ihrer Zeit voraus. Marozsan sah Lücken in der gegnerischen Abwehr, die Beobachterinnen und Beobachtern auch nach drei Zeitlupen nicht aufgefallen wären. Das zeigte sie mitunter auch in Nürnberg nach ihrer Einwechslung. Mit ihr kamen immerhin einige Ideen für das letzte Drittel auf den Platz, wenngleich ihr der ganz große Moment verwehrt blieb.

Die offensive Mittelfeldspielerin hat in den letzten Jahren viele Mädchen und Frauen begeistert, ihnen Identifikation mit dem Sport ermöglicht und den deutschen Fußball mit ihrer Art und mit ihrer unverkennbaren Liebe zum Spiel geprägt. Dieser Abschied wird ihr einerseits gerecht, weil in Nürnberg so viele Menschen im Stadion waren wie seit zehn Jahren nicht mehr bei einem Spiel des Frauen-Nationalteams. Menschen, die ihr großen Respekt erwiesen.

Auf der anderen Seite war es ein eigentlich viel zu leiser Abschied, was nicht zwingend am Ergebnis oder der dürftigen Leistung des Teams liegt.

Übertragungen des ÖRR in Deutschland: Eine lästige Pflicht?

Grund dafür war die abermals halbherzige Übertragung, diesmal von der ARD. Schon während der Partie war es Kommentator Bernd Schmelzer wichtig, mit einem Augenzwinkern zu betonen, dass die Brasilianerinnen beim Torjubel bitte nicht so lange tanzen sollten. Schließlich müsse man um 20:00 Uhr pünktlich an die Tagesschau übergeben.

Nach Abpfiff bestand die Analyse daraus, dass Claus Lufen dem deutschen Team den Hinweis mit auf den Weg gab, an der Passquote zu arbeiten. "Wir haben keine Daten hier, aber die dürfte bei um die 30 Prozent gelegen haben", sagte er abschätzig. Anschließend verabschiedete er sich vom Publikum und gab in die Werbung. Keine Bilder von Maroszan, kein Interview, keine würdige Berichterstattung.

In Deutschland, das ist nach den Übertragungen der Testspiele gegen Schweden und Brasilien abermals klar geworden, sieht der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Fußball der Frauen eher als lästige Pflicht an. Anders lässt sich der Umgang damit nicht deuten.

Maroszan hätte eine größere Bühne verdient. Eine Spielerin wie sie wird es in Deutschland vielleicht nicht mehr geben. Es ist bedrückend, wie beiläufig sie den DFB nun verlassen hat.

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