• Kurz vor Weihnachten 2020 empfing Bayer Leverkusen Meister FC Bayern als Bundesliga-Spitzenreiter - und verlor nach einem individuellen Fehler ins letzter Sekunde mit 1:2 und die Tabellenführung.
  • Seitdem geht für Leverkusen fast nichts mehr zusammen. Aus einem Punkt Rückstand auf die Bayern wurden inzwischen zwölf.
  • Dazu kommen die peinlichen Niederlagen im DFB-Pokal gegen Regionalligist Essen und in der Europa League gegen Bern.

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Anfang Dezember 2020 war im Zusammenhang mit Bayer Leverkusen von einer "neuen Sieger-Mentalität" die Rede. Der Werksklub hatte gerade durch einen 3:2-Sieg in Nizza vorzeitig die Qualifikation für das Sechzentelfinale der Europa League geschafft. Die Partie bildete der Auftakt zu fünf Pflichtspielerfolgen nacheinander.

Diese Serie riss, als Leverkusen es an die Tabellenspitze der Bundesliga geschafft hatte und die Bayern kamen, als Verfolger. Das 1:2 in letzter Sekunde war selbstverschuldet und kostete Bayer die Tabellenführung. Seitdem wurden aus einem Punkt Rückstand auf den FC Bayern zwölf.

Im DFB-Pokal scheiterte Leverkusen im Achtelfinale an Regionalligist Rot-Weiß Essen trotz Führung mit 1:2 nach Verlängerung. Sorgte das bei Coach Peter Bosz schon für schlechte Laune und Unverständnis, so setzte seine Mannschaft in der Europa League noch einen drauf.

Da verpasste sie das Achtelfinale gleich ganz. Auf das wilde 3:4 bei den Youns Boys in Bern, die im Hinspiel schon mit 3:0 geführt hatten, folgte ein 0:2 daheim in Leverkusen.

Die Folge: Jetzt hat Bayer Leverkusen eine Trainer-Diskussion, eine Torhüter-Diskussion und eine Mentalitäts-Diskussion.

Dabei hatte Bosz im Interview mit dem "kicker" nach überstandener Gruppenphase in der Europa Legaue noch betont: "Momentan spielen wir sehr stabil. Auch innerhalb der Spiele. Es ist vielleicht nicht mehr so brillant nach oben, aber sicherlich auch nicht mehr sehr schlecht nach unten. Diese Konstanz hilft uns im Moment."

Und genau diese Konstanz hat Leverkusen binnen weniger Wochen verloren und wird seinem Image als "Vizekusen", also als Mannschaft, die jedes Mal scheitert, wenn Großes möglich erscheint, gerecht. Diesen Spitznamen erwarb sich Bayer Leverkusen in der Saison 2001/02. Damals verschenkte der Klub jeweils im entscheidenden Spiel die seitdem nie wiedergekehrte Chance, das Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League zu erringen.

19 Jahre später ist Leverkusen weit davon entfernt, an drei Trophäen Hand anzulegen. "Es ist deutlich, dass wir in einer schwierigen Phase sind. Und das ist noch Understatement", sagte Bosz am Morgen nach dem Zwischenrunden-Aus in der Europa League. "Der Schock war heute Morgen noch nicht verarbeitet." Zwölf Bundesligaspiele vor Saisonende hat Bayer Leverkusen drei große Probleme.

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Die Diskussion um Trainer Peter Bosz

Leverkusens Sportdirektor Simon Rolfes hatte am Morgen vor dem Bern-Spiel im "kicker" versichert: "Ein Trainerwechsel ist kein Thema." Gleichzeitig hatte er klargestellt, dass Bayer nach der Pokal-Blamage in Essen "in der Europa League umso mehr gefordert" sei.

Das Aus in der Zwischenrunde bringt Bosz deshalb schon in Erklärungsnot. Die Champions- League-Qualifikation wird der niederländische Trainer liefern müssen.

Aktuell beträgt der Rückstand auf Rang vier fünf Punkte. Sollten die Bosse den Eindruck bekommen, dass der Niederländer die Wende nicht mehr schafft, ist sogar eine frühere Trennung nicht ausgeschlossen.

Bosz aber gab sich am Morgen nach der Heimniederlage gegen Bern kämpferisch: "Jetzt müssen wir es abhaken und uns auf die Bundesliga konzentrieren. Das ist der Wettbewerb, in dem wir noch was erreichen können." An die Qualifikation für die Champions League glaubt der Niederländer trotz derzeit fünf Punkten Rückstand "absolut. Fünf Punkte sind immer noch machbar."

Die Diskussion um Torwart Niklas Lomb

Dazu aber benötigt es zuvorderst einen zuverlässigen Rückhalt im Tor. Jahrelang war Niklas Lomb Torhüter Nummer zwei bei Bayer, dreimal wurde er in die 2. und 3. Liga verliehen. Nun schlug seine Bewährungschance - und sie wurde zum Albtraum. Vier Tage nach dem Patzer beim 1:1 in Augsburg unterlief dem 27-Jährigen der nächste grobe Schnitzer, als er eine Flanke vor dem 0:1 fallen ließ.

Stammkeeper Lukas Hradecky wird mit seiner Achillessehnenverletzung noch länger ausfallen. Doch es scheint möglich, dass Bosz am Sonntag gegen Freiburg den in der Europa League gar nicht mehr gemeldeten U21-Nationaltorhüter Lennart Grill ins Tor stellt.

Der brauche noch Zeit, hatte der Trainer am Mittwoch noch gesagt. Sollte ihm der verunsicherte Lomb weiter vorgezogen werden, wäre das aber heftig für den im Sommer zwei Millionen teuren Grill. Bosz erklärte auf die Frage nach einem möglichen Torwart-Wechsel: "Ich möchte erst in Ruhe mit allen Beteiligten darüber sprechen." Eine Entscheidung sei diesbezüglich noch nicht gefallen.

Die Diskussion um die Mentalität der Mannschaft

Zwei Ex-Nationalspieler sprachen als Experten bei "Nitro" Klartext. Er habe vermisst, dass die Spieler sich anfeuern oder aufmuntern, sagte Steffen Freund. Auch Roman Weidenfeller hat "die Körpersprache vermisst".

Der aktuelle Nationalspieler Jonathan Tah versicherte dagegen: "Jeder hat alles gegeben." Beides ist richtig. Denn das Leverkusenser Mentalitäts-Problem ist keines des Nicht-Wollens, sondern eines der Hierarchie. Nadiem Amiri drückte es so aus: "Wir müssen erwachsener und dreckiger spielen."

Ohne die Bender-Zwillinge Sven und Lars und die ebenfalls verletzten Hradecky und Julian Baumgartlinger fehlen Anführer. Kapitän Charles Aranguiz ist nach langer Verletzung im Formtief. Die Nationalspieler Tah, Amiri oder Kerem Demirbay sind nicht in Führungs-Rollen nachgewachsen. Das könnte auch in naher Zukunft das Problem sein. Und, um den Kreis zu schließen, für Bosz gefährlich werden. (dpa/hau)

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