Marko Marin war der Euro-Hopper, ein rastloser Geist, galt als gescheitertes Talent - und erlebt nun bei Roter Stern Belgrad seine sportliche Wiederauferstehung. Jetzt geht es in der Champions League gegen Bayern München.

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Der Boulevard liebt Spitznamen. Die kleinste Ähnlichkeit, ein paar Vorurteile und fertig sind die absurdesten Wortschöpfungen. Besonders einfallsreich sind die Briten, ihre Sprache bietet so viel an und wird von der Yellow Press mit größtem Genuss auch eingesetzt.

Natürlich waren es also die Engländer, die diesem jungen Spieler damals einen Klotz ans Bein banden, der größer und schwerer kaum sein konnte.

"The German Messi" wurde angekündigt, was eine spektakuläre Schlagzeile war, aber eben auch spektakulärer Unsinn. Es reichten die in etwa selbe Größe und Statur, ein niedriger Körperschwerpunkt und der unbedingte Drang zu dribbeln, um aus Marko Marin den deutschen Lionel Messi zu machen.

Vielleicht gehört die Überspitzung mittlerweile ja auch dazu, wenn ein talentierter Spieler aus der Bundesliga in die Premier League wechselt und dann auch gleich noch zum FC Chelsea, der just ein paar Wochen zuvor die Champions League gewonnen hatte. Also, um im superlativen Bild zu bleiben: zur besten Mannschaft der Welt.

Der Wechsel von Bremen nach London im Jahr 2012 sollte für Marin jedenfalls die nächste Etappe einer bis dato doch ziemlich beeindruckenden Entwicklung werden.

Chance und Wagnis in London

Als Marin zwei Jahre alt war, flüchteten seine Eltern aus dem damaligen Jugoslawien nach Frankfurt am Main. Marko kam später zunächst in Eintrachts Nachwuchsleistungszentrum unter, wechselte dann wegen der besseren Perspektive ins Fohlen-Internat von Borussia Mönchengladbach.

Dort unterschrieb er 2007 auch seinen ersten Profivertrag, bevor er zwei Jahre später zu Werder Bremen wechselte und zusammen mit Aaron Hunt und Mesut Özil die Bundesliga verzauberte. 2012 lockte dann die Premier League.

Die Episode in London stand aber vom ersten Tag an unter keinem besonders guten Stern. Andres Villas-Boas, der Marin zu den Blues gelockt hatte, war als Trainer schon lange Geschichte. Sein Nachfolger, Champions-League-Held Robert di Matteo, war trotz des größten Erfolgs der Klubgeschichte eher geduldet als geachtet und wenige Wochen nach Marins Ankunft auch schon wieder weg.

Rafa Benitez versuchte sich als dritter Trainer binnen kürzester Zeit, blieb aber auch nur sechs Monate. Marin spielte kaum, wurde fast ausschließlich in unwichtigen Partien eingesetzt, durfte sich am Ende aber doch - zumindest offiziell - Europa-League-Sieger nennen.

Neun Klubs in acht Ländern

Der Startschuss einer veritablen Odyssee begann dann im Sommer 2013. Erst wurde Marin zum FC Sevilla verliehen und holte auch dort den Europapokal. Dann ging es weiter nach Florenz, von dort nach Anderlecht, später zu Trabzonspor. Olympiakos Piräus wurde zum fünften Klub in nur drei Jahren - und so etwas wie ein kleiner Rettungsanker.

In Griechenland fand Marin wieder zu seinem Spiel, wurde von einer Teilzeitkraft wieder zum Stammspieler und mit 22 Scorerpunkten in 59 Pflichtspielen ein wichtiger Bestandteil der Meistermannschaft von 2018.

Roter Stern Belgrad schlug deshalb im letzten Sommer zu, als Marins Vertrag in Griechenland ausgelaufen war - und landete damit einen Volltreffer. Beim mittlerweile neunten Klub im achten Land holte Marin erneut den nationalen Titel, was die Sammlung für den 30-Jährigen durchaus imposant erscheinen lässt: Zwei Meisterschaften, zwei UEFA-Pokalsiege und der Triumph mit der deutschen U21 bei der EM 2009 können sich durchaus sehen lassen. Speziell für einen, dem in Deutschland lange der Ruf des abgestürzten Talents anhaftete.

Mission mit Roter Stern Belgrad

"Jeder Wechsel hatte seinen Grund. Im Endeffekt waren es wirklich viele Wechsel, das ist unbestritten. Aber abgesehen von Florenz und Anderlecht waren es trotzdem erfolgreiche Jahre für mich", sagte Marin in einem Interview mit dem Sportinformationsdienst sid.

"Das, was ich erlebt habe, das können nicht viele von sich behaupten. Ich habe in vielen Ligen gespielt, meistens bei Topmannschaften, auch erfolgreich. Deswegen sehe ich den Wechsel damals ins Ausland nicht als Fehler."

Nun scheint er in Belgrad sesshaft zu werden. Im Marakana, Roter Sterns berüchtigter Betonschüssel mit seinen heißblütigen Fans, hat er sich zurückgearbeitet auf die größte aller Bühnen. In den 80er- und 90er-Jahren war Roter Stern eine der besten Adressen des europäischen Fußballs, holte 1991 den Pokal der Landesmeister und den Weltpokal.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens in seine Teilrepubliken begann dann aber die Talfahrt, die besten Spieler wechselten schon in jungen Jahren ins Ausland. Crvena Zvezda, wie Roter Stern offiziell in der Landessprache heißt, wurde zu einem Ausbildungsklub. Die erneute Teilnahme an der Champions League soll jetzt wenigstens einen kleinen finanziellen Puffer schaffen, um auf Sicht wieder eine bessere Rolle in Europa spielen zu können.

"Wir haben dazugelernt"

Helfen soll dabei auch der neue Kapitän. Marins Standing im Klub, bei den Fans und innerhalb der Mannschaft ist enorm, schon lange ist er nicht mehr der unbedarfte Dribbler auf der Außenbahn, sondern ein echter Anführer, für den Belgrad eine Herzensangelegenheit ist: "Im Moment wäre ich nirgendwo lieber als hier. Ich habe immer gesagt, dass ich als Kind zwei Traumvereine hatte: Roter Stern Belgrad - und Eintracht Frankfurt. Wenn es also zu einer Rückkehr in die Bundesliga kommen sollte, dann am liebsten zur Eintracht."

Dieses Fernziel kann aber noch warten, die Tagesaufgabe lautet Champions League mit Roter Stern. Am Mittwoch steht in der Allianz Arena gegen die Bayern gleich die größte aller Aufgaben an. "Wir müssen natürlich realistisch bleiben. Wir haben uns gerade erst das zweite Jahr in Folge für die Champions League qualifiziert, schon das ist für den Verein und für ganz Serbien eine Riesensache. [...] Aber wir haben auf jeden Fall aus der letzten Saison dazugelernt", sagt Marin.

In dieser letzten Saison war Roter Stern in der Todesgruppe mit Paris, Napoli und Liverpool ohne Chance auf die K.-o.-Runde, kassierte in sechs Spielen 17 Gegentore - fuhr aber wenigstens einen Sieg ein: gegen den späteren Triumphator FC Liverpool.

Verwendete Quellen:

  • Eurosport.de: "Euro-Hopper Marko Marin mit sich im Reinen: 'Habe mit 29 viel erlebt'"
  • T-online: "Belgrad-Kapitän Marin spricht über eine Bundesliga-Rückkehr"

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