• In Stuttgart muss Bayern-Torwart Manuel Neuer ein skurriles Gegentor hinnehmen – nach einem bösen Patzer, wie es scheint.
  • Doch nach einem Eingriff des Video-Assistenten befindet der Unparteiische, dass dieser Fehler aus einem Foul resultierte.
  • Der Trainer des VfB ist damit nicht recht einverstanden.
Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Souveränität und Leichtigkeit sind momentan dahin beim Triple-Sieger FC Bayern München, der seit einiger Zeit ein bisschen schwächelt. Die Gegner lädt er bisweilen generös zu Torchancen ein, die Zahl der Gegentore ist für Bayern-Verhältnisse hoch, die Defensive wackelt manchmal bedenklich.

Der Rekordmeister gewinnt meistens dennoch, was nicht zuletzt an der herausragenden individuellen Klasse seiner Spieler liegt. Vorne im Sturm natürlich, vor allem aber auch hinten im Tor, wo Manuel Neuer in der Form seines Lebens ist, wie viele meinen. Immer wieder hält er Bälle, die für die allermeisten Torhüter wohl unerreichbar wären.

Deshalb erstaunte das kuriose Gegentor, das der 34-Jährige im Spiel der Münchner beim VfB Stuttgart nach 39 Minuten hinnehmen musste. Passiert war dies: Nach einem Rückpass von Jerome Boateng ließ Neuer den herbeieilenden Tanguy Coulibaly gekonnt aussteigen, bevor er plötzlich ins Straucheln geriet. Ohne Not, wie es schien.

Er fiel auf die Knie, hielt kurz inne und schaute, augenscheinlich einen Pfiff erwartend, zu Schiedsrichter Harm Osmers, der jedoch nicht reagierte. Als ein weiterer Stuttgarter hinzukam und den Schlussmann unter Druck setzte, gelangte der Ball von diesem irgendwie zu Philipp Förster, der von der Strafraumgrenze abzog und traf.

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Was Coulibaly bezweckte und Neuer entsetzte

Das 2:1 für den Aufsteiger also? Patzte nun auch schon der sonst fast übermenschlich haltende Manuel Neuer? Der Keeper selbst blickte entsetzt den Unparteiischen an, offenbar verwundert über die Anerkennung des Tores. Dieser gab ihm mit einer knappen Geste zu verstehen: Moment, der Video-Assistent überprüft die Szene.

Als im Fernsehen die Wiederholung der Szene gezeigt wurde und Harm Osmers schließlich auf Empfehlung des VAR zum Monitor am Spielfeldrand lief, sah man, dass Manuel Neuer zumindest nicht ohne Fremdeinwirkung aus dem Tritt gekommen war.

Coulibaly hatte den Torhüter nämlich, nachdem dieser den Ball an ihm vorbeigelegt hatte und in der Bewegung war, kurz am Arm festgehalten. Nicht im Kampf um die Kugel, die für ihn nicht erreichbar war, sondern ausschließlich, um Neuer zu beeinträchtigen, vielleicht in der Hoffnung, dass der Unparteiische es durchgehen lässt.

Matarazzo: "Kann man pfeifen, muss man aber nicht"

Diese Hoffnung zerstob schließlich, womit der Stuttgarter Trainer Pellegrino Matarazzo nicht so recht einverstanden war. Dem Sender "Sky" sagte er: "Man kann das pfeifen, man muss aber nicht."

Neuer sei schon im Fallen begriffen gewesen, argumentierte der Coach, "und man kann auf den Bildern nicht einschätzen, mit wie viel Kraft Tanguy [Coulibaly] gezogen hat". Man könne jedenfalls "nicht gerade sehen, dass Neuer die Schulter ausgerissen wird".

Deshalb bezweifelte Matarazzo auch, dass der Eingriff des Video-Assistenten nötig war: "Wenn man die Szene im Spiel nicht pfeift, kann man das nicht zurücknehmen", fand er. "Ich glaube nicht, dass es eine hundertprozentige Fehlentscheidung ist."

Das berührte die Frage nach dem Grund für die Intervention des VAR: Hat Osmers das Halten von Coulibaly gesehen, aber als nicht ahndungswürdig bewertet? Oder hat er es gar nicht wahrgenommen, weil es sich hinter Neuers Rücken abspielte und damit für ihn nicht sichtbar war?

War der Eingriff des VAR berechtigt?

Im erstgenannten Fall wäre die Eingriffsschwelle für den VAR höher, weil er davon überzeugt sein müsste, dass die bewusste Entscheidung des Unparteiischen, nicht zu pfeifen, klar und offensichtlich falsch war.

In letztgenannten Fall läge regeltechnisch ein möglicher übersehener schwerwiegender Vorfall vor, bei dem der Video-Assistent vor einem Eingriff annehmen müsste, dass der Schiedsrichter bei klarer Wahrnehmung gepfiffen hätte. Diese Schwelle wäre niedriger.

Dass Harm Osmers nur wenige Sekunden in der Review Area an der Seitenlinie verbrachte, bevor er auf den Platz zurückkehrte und das Tor annullierte, deutet eher darauf hin, dass er das Halten am Bildschirm zum ersten Mal gesehen hatte. Der Eingriff des VAR wäre damit berechtigt gewesen.

Bleibt die Frage, ob Coulibalys Aktion ursächlich dafür war, dass Neuer erst die Balance verlor und schließlich den Ball, sodass man von einem Foul ausgehen musste. Dafür spricht bei einem Torwart von solcher Klasse und in dieser Form einiges. Abwegig ist Pellegrino Matarazzos Argumentation dennoch nicht.

Warum Süles Handspiel nicht strafbar war

Und dann war da noch das Handspiel von Niklas Süle im Bayern-Strafraum nach 72 Minuten, wodurch der Ball nach einem Schuss von Orel Mangala am Gehäuse der Münchner vorbeiflog.

Schiedsrichter Osmers erkannte auf Eckstoß – und das war korrekt. Denn Süles Arm hing normal vom Körper herab und war nicht abgespreizt, der Verteidiger drehte sich zudem ein Stück aus der Flugbahn. Ein strafbares Handspiel war das nicht.

Der Stuttgarter Sportchef Sven Mislintat sah das allerdings anders. Es gebe "keinen klareren Handelfmeter", fand er laut "Kicker", denn Süles Hand sei "leicht weg vom Körper" gewesen. Der Unparteiische habe den Vorgang "einfach falsch bewertet".

Einmal in Fahrt, wurde Mislintat grundsätzlich. Die Szene sei ein Beispiel dafür, "dass die Prinzipien, die wir haben, denen wir folgen, nicht greifen". Vieles, beispielsweise die Vergrößerung der Körperfläche, sei "nicht genau definiert oder mit Beispielen konkret dargelegt".

Mislintats Vorschläge an die Regelhüter

Das Regelwerk müsse deshalb präziser formuliert, möglicherweise sogar geändert werden: "Man sollte mehr nach dem Prinzip verfahren, was aus so einer Situation resultiert wäre, wenn keine Hand im Spiel gewesen wäre – nämlich ein Tor", regte der 48-Jährige an.

So weit wird es vorerst nicht kommen, doch die Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) erwägen zur kommenden Saison zumindest einige Nachbesserungen bei der Handspielregel, wie die "Sportschau" berichtet.

Geplant ist, dass ein Handspiel mit abgespreiztem oder gar über Schulterhöhe gehaltenem Arm nicht mehr automatisch strafbar ist; die Schiedsrichter sollen in Zukunft bewerten, ob die Haltung der Arme "Teil einer natürlichen Bewegung des Spielers" ist.

Damit sind zum Beispiel Armbewegungen beim Springen und zum Halten des Gleichgewichts gemeint. Was demgegenüber als "unnatürlich" anzusehen ist, soll niedergeschrieben werden und den Schiedsrichtern als Orientierung dienen. Im März 2021 wird das Ifab abschließend darüber befinden.

Figo
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