Schalke 04 hat einen brutalen Absturz hingelegt und strebt mit neuem Personal zurück ins obere Drittel der Liga. Ganz so leicht dürfte das aber nicht werden, die Vorzeichen sind jedenfalls noch nicht optimal.

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Es war ein vergiftetes Lob, das Martin Schmitt dem FC Schalke aussprach, aber das war Augsburgs Trainer offenbar gar nicht bewusst. Pflichtschuldig beglückwünschte Schmitt nach dem Spiel seiner Mannschaft den Gegner zum Klassenerhalt.

Das war drei Spieltage vor Schluss der letzten Saison. Diese Kombination aus "Schalke 04" und "Klassenerhalt" in einem Satz, das gab es davor zuletzt vor 25 Jahren - Mitte der 90er, als Schalke noch die Skandalnudel des deutschen Fußballs war.

Das ist lange her, und man kann sich gar nicht vorstellen, wie eine Bundesliga ohne Schalke, ohne Derby gegen den BVB, ohne diesen Schlagzeilen produzierenden Mikrokosmos überhaupt funktionieren könnte. Im Frühjahr musste man sich darüber aber tatsächlich ernsthafte Gedanken machen.

Und vermutlich hätte es die Königsblauen auch erwischt, wären mit Hannover, Nürnberg und Stuttgart nicht drei Klubs tatsächlich noch erbärmlicher unterwegs gewesen.

Am Ende wurde es Rang 14, schlechter war Schalke zuletzt in der Saison 1987/88, an deren Ende der Abstieg in die zweite Liga stand. Noch dramatischer gestaltete sich der Absturz aber innerhalb der letzten zwölf Monate. Als Vizemeister lautete die Zielsetzung mindestens internationales Geschäft, im besten Fall sollte es der erneute Einzug in die Champions League sein.

In anderen Klubs, in denen man etwas unbefangener über das ganz große Ziel parlieren darf, wäre der logische Schritt nach Platz zwei wohl der zu Platz eins gewesen. Aber so vermessen wollten sie offenbar nicht einmal auf Schalke sein.

Überhöhte vorletzte Saison

Eher war es so, dass allen Beteiligten klar war: Die Mannschaft hat im ersten Jahr unter Domenico Tedesco weit über ihre Verhältnisse gespielt. Sie hat vom Pech und Unvermögen anderer Klubs profitiert, hatte oft genug das nötige Spielglück und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Das muss man anerkennen, weil es auch eine Qualität ist, die Fehler der Konkurrenz zu nutzen und selbst voll da zu sein. Aber unter dem schönen Glanz der Vizemeisterschaft verbargen sich schon damals unschöne Flecken.

Elf seiner 18 Saisonsiege in der Liga fuhr Schalke mit nur einem Tor Unterschied ein. Nur in drei von 34 Spielen erzielte die Mannschaft mehr als zwei Tore: gegen Aufsteiger Stuttgart, gegen Augsburg und beim legendären 4:4 im Derby gegen Dortmund.

Im goldenen Frühjahr reichten für sechs Siege am Stück neun eigene Tore - Schalke kassierte im Gegenzug nur ein einziges. Womit auch schon die große Stärke und die große Schwäche der Mannschaft beschrieben war.

Fehler auf dem Transfermarkt

Die Arbeit gegen den Ball war Tedescos Steckenpferd und lag damit gerade noch so im etwas abflauenden Trend der Pressing-Liga Bundesliga. Aber wie das oft so ist, wurden auch in Gelsenkirchen im Erfolg die größten Fehler begangen.

Tedesco und Manager Christian Heidel schätzten den Kader und dessen Qualitäten offenbar falsch ein. So wurden etwa fast ausschließlich Spieler für die Defensive gekauft, vom zentralen Mittelfeldspieler bis zum Innenverteidiger. Für die Offensive kam lediglich Steven Skrzybski aus der zweiten Liga.

Die Abgänge von Qualitätsspielern und Galionsfiguren wie Thilo Kehrer, Max Meyer und besonders Leon Goretzka wurden nicht kompensiert. Ein fataler Irrtum, aber nicht das größte Schalker Problem. Das entstand nach und nach in der Kabine.

Die Mannschaft funktionierte schnell nicht mehr als Gruppe, dauernd gab es zwischenmenschliche Differenzen, und die Frage nach der charakterlichen Eignung des einen oder anderen Spielers stand schnell im Raum.

Ständige Unruhe im Klub

Spieler schlugen über die Stränge, wurden undiszipliniert, versäumten Trainingseinheiten oder andere Termine, keiften über die sozialen Medien gegen den eigenen Klub und dessen Verantwortliche. Es herrschte eine permanente Unruhe, Nabil Bentaleb, nur als ein Beispiel, wurde gleich doppelt suspendiert.

Und selbst wenn der eine oder andere Spieler nicht für Schalke unterwegs war, fielen die Probleme auf den Klub zurück: Hamza Mendyl beleidigte nach einem Länderspiel mit Marokko einen Fan auf Instagram aufs Übelste, Schalke durfte die Suppe dann später mit auslöffeln.

Natürlich kamen auch allerhand Verletzungen dazu und dann der Negativstrudel, der nach fünf Niederlagen aus den ersten fünf Spielen in der Liga automatisch einsetzt und den Druck um ein Vielfaches erhöht.

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Der rote Faden blieb aber die Disziplinlosigkeit der Spieler: Mit 71 Gelben Karten und gleich fünf Platzverweisen - beides Rekordzahlen der letzten Saison - war Schalke das mit weitem Abstand unfairste Team der Liga und schadete damit in letzter Konsequenz nur sich selbst.

Die Unfähigkeit, selbst genug Chancen zu erspielen, um die nötigen Tore zu erzielen, blieb der treue Begleiter. Neu dazu kam eine frappierende Defensivschwäche: In den Wochen vor Tedescos Entlassung kassierte Schalke in fünf Spielen 21 Gegentore in der Bundesliga und der Champions League. Tiefpunkt war das 0:7 bei Manchester City.

Das war die Stunde Null, mit Huub Stevens kam wenigstens die tabellarische Rettung, wenngleich selbst der Schalker Jahrhunderttrainer nur zwei mickrige Siege einfuhr, einen bei Absteiger Hannover, den anderen im Derby gegen Dortmund. Schalkes Klassenerhalt erspielte nicht Schalke selbst, sondern die unterirdische Konkurrenz.

Fast alle Protagonisten sind neu

Nun soll alles wieder anders werden, neuer Trainer, neuer Kaderplaner, ein fast neuer Sportvorstand. Jochen Schneider ist der neue starke Mann auf Schalke. Und Schneider hat schnell Nägel mit Köpfen gemacht nach der Horror-Saison.

Mit David Wagner hat er einen hoffnungsvollen, aber eben auch in der Bundesliga unerfahrenen Trainer geholt, mit Michael Reschke einen erfahrenen Kaderplaner mit einem guten Netzwerk - der in Stuttgart aber mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt wurde und jede Menge verbrannte Erde hinterlassen hat.

Immerhin soll Reschke, anders als beim VfB, nur im Hintergrund agieren, was angesichts seiner rhetorischen und diplomatischen Defizite durchaus Sinn ergibt.

"Wir brauchen ein anderes Auftreten, müssen uns anders präsentieren", sagt Schneider im Saison-Sonderheft von Sport1 und der Funke Mediengruppe. Das klingt gut, das will man hören nach so einer Saison. Aber ein Vorsatz ist schnell formuliert, jetzt muss der auch mit Leben gefüllt werden. Und da fangen die Probleme schon wieder an.

Wohin geht die Reise?

Reschke hat Ozan Kabak nach Gelsenkirchen geholt, einen Innenverteidiger aus Stuttgart, dessen Vertragswerk er noch bestens kannte. Reschke hatte den Kontrakt schließlich selbst ausgehandelt.

Nach langem Hin und Her kommt auch Angreifer Benito Raman von Fortuna Düsseldorf. Raman hatte eine starke letzte Saison in einer allerdings funktionierenden Umschaltmannschaft. Ähnlich wie Bernard Tekpetey, den Schalke aus Paderborn zurückholte.

Coach Wagner hat einst mit Huddersfield Town sensationell den Aufstieg in die Premier League geschafft, mit dem unkonventionellen Fußball eines Underdogs.

Wagner, Raman, Tekpetey, noch ein Defensivspieler: Vier Wochen vor Beginn der Saison scheint noch nicht so recht klar, wohin die Reise gehen soll. Jedenfalls waren die Aktivitäten auf dem Transfermarkt bisher eher zurückhaltend. Wagner lässt wohl ein handelsübliches 4-2-3-1 spielen, will schnell ins letzte Drittel gelangen und verzichtet auf ein sehr aggressives Angriffspressing. Das riecht nach einer Mischung aus allem, aus Dominanzanspruch und Reaktivität. Aber wie das funktionieren soll, ist noch offen.

Personell hat sich kaum etwas verändert bisher, die Stinkstiefel der letzten Saison sind immer noch im Kader, dafür mit (Ersatz-)Torhüter Ralf Fährmann ein sehr integrativer Faktor weg.

Es gilt, den Geist in der Truppe neu zu wecken, eine Gemeinschaft zu basteln. Momentan ist das noch mit einigen Unwägbarkeiten verbunden, wie der Test gegen Wattenscheid zuletzt zeigte: Gegen den Viertligisten kam Schalke nur zu einem Remis.

"From darkness comes light" lautet das Motto des Ausrüsters, es soll wohl eine Verheißung sein für die kommende Saison. Schalke 04 will wieder zurück ans Licht. Wie schnell das geht, weiß aber niemand.

Verwendete Quelle:

  • Waz.de: Schalke-Sportvorstand Jochen Schneider fordert: "Wir müssen uns anders präsentieren"
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