Der FC Bayern und Thomas Tuchel beenden die Zusammenarbeit zum Saisonende. Auch, weil es zwischen dem Trainer und einigen Spielern immer wieder Differenzen gab. So könnten manche Stars vom Tuchel-Aus im Sommer profitieren.

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Michael Schleicher sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Das Kapitel Thomas Tuchel endet beim FC Bayern spätestens im Sommer. Am Mittwoch gab der Verein die Trennung vom Trainer zum Saisonende bekannt – zu diesem Entschluss sei man nach einem "offenen, guten Gespräch" gekommen, wie Bayern-Boss Jan-Christian Dreesen in der offiziellen Vereinsmitteilung zitiert wird.

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Zuletzt setzte es für den deutschen Rekordmeister drei Niederlagen in Folge. Die Meisterschaft ist nach den Pleiten gegen Leverkusen (0:3) und Bochum (2:3) in weite Ferne gerückt, der Rückstand auf Bayer beträgt inzwischen acht Punkte.

Auch in der Champions League müssen die Münchner ums Weiterkommen bangen: Gegen Lazio Rom verlor das Tuchel-Team mit 0:1. Und im DFB-Pokal spielen die Bayern nach dem blamablen Aus gegen Drittligist Saarbrücken ohnehin keine Rolle mehr.

Einer der Gründe für das Tuchel-Aus in München, das bei weiteren Niederlagen möglicherweise sogar vorgezogen werden könnte: Das Verhältnis zwischen Tuchel und einigen Spielern. Denn mit dem einen oder anderen Star gab es Differenzen, die mitunter auch öffentlich ausgetragen wurden.

Manch einer dürfte über die Trennung von Tuchel deshalb wohl nicht völlig traurig sein.

Welche Bayern-Spieler vom Tuchel-Aus profitieren könnten:

Joshua Kimmich

Die größten Probleme im Bayern-Kader hatte und hat Tuchel wohl mit Joshua Kimmich. Zuletzt eskalierte die Situation, als der Mittelfeld-Star in Bochum frühzeitig ausgewechselt wurde und nach dem Schlusspfiff eine hitzige Auseinandersetzung mit Tuchel-Assistent Zsolt Löw folgte.

Joshua Kimmich.
Joshua Kimmich – sichtlich angefressen – nach seiner Auswechslung in Bochum. © IMAGO/Anke Waelischmiller/Sven Simon

Es war bislang der negative Höhepunkt einer sich stetig verschlechternden Entwicklung. Denn in den vergangenen Monaten hatte Tuchel wiederholt den Kader bemängelt – und das in aller Öffentlichkeit. Direkt damit verbunden war vor allem Kimmich.

Mit seinen vehementen Forderungen nach einer "Holding Six", also einem Abräumer im defensiven Mittelfeld, sprach Tuchel zumindest indirekt Kimmich genau jenes Profil ab. Die Reaktion des Spielers folgte kurz darauf: "Ich bin ein Sechser", sagte Kimmich auf der Asien-Reise des FC Bayern im vergangenen Sommer fast schon trotzig.

Auch dass Tuchel Kimmich nach überstandener Schulterverletzung im Topspiel gegen Leverkusen nicht von Anfang an spielen ließ, dürfte beim ehrgeizigen Mentalitätsmonster für Irritationen gesorgt haben. Kimmich kam erst in der 60. Minute ins Spiel, da stand es bereits 2:0 für Leverkusen. Zumindest ein Fingerzeig, dass der Trainer Kimmich im Ernstfall nicht zu 100 Prozent das Vertrauen schenkt.

Die Zoff-Episode in Bochum dürfte nun dafür sorgen, dass das Verhältnis zwischen Spieler und Trainer überhaupt nicht mehr zu retten ist. Kimmich könnte möglicherweise der größte Nutznießer des Tuchel-Endes beim FC Bayern werden und mit einem neuen Trainer an der Seite zu alter Stärke zurückfinden.

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Leon Goretzka

Der Mittelfeld-Partner von Kimmich äußerte sich bereits kurz nach der Entlassung von Tuchel-Vorgänger Julian Nagelsmann äußerst kritisch zum Vorgehen: Von "wenig Liebe" und "wenig Herz" - bezogen aufs Fußballgeschäft - war da die Rede.

Leon Goretzka.
Abgang oder Verbleib in München? Noch ist die Situation von Leon Goretzka ungeklärt. © IMAGO/pepphoto/Horst Mauelshagen

Unter Tuchel hatte und hat Goretzka indes nicht den besten Stand, ist nicht mehr unumstrittener Stammspieler. Im vergangenen Sommer wurde gar über einen möglichen Abgang des Mittelfeldmotors spekuliert.

Hinzu kam, dass der Nationalspieler aufgrund der teilweise arg gebeutelten Abwehr zeitweise den Aushilfs-Innenverteidiger geben musste. Zudem wurde ihm plötzlich sein Platz im Mittelfeld von Youngster Aleksandar Pavlovic streitig gemacht. Für Goretzka keine einfache Situation.

Es bleibt abzuwarten, wie die Entwicklung beim FC Bayern aussehen wird: Es ist nicht auszuschließen, dass der neue Trainer nicht denselben Sechser-Wunsch wie Tuchel hegt. Dann würde es wohl wieder aufs altbewährte Mittelfeld-Duo Kimmich/Goretzka hinauslaufen.

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Matthijs de Ligt

Unter Tuchel hat Matthijs de Ligt, der im Sommer 2022 eigentlich als neuer Abwehrchef geholt wurde, seinen Stammplatz verloren. Der Bayern-Trainer gibt inzwischen Dayot Upamecano und Minjae Kim den Vorzug vor dem Niederländer.

Matthijs de Ligt.
Matthijs de Ligt findet sich in dieser Saison häufig auf der Bank wieder. Trainer Tuchel vertraut lieber anderen Innenverteidigern. © IMAGO/Jan Huebner/Blatterspiel

Nur Anfang des Jahres spielte de Ligt regelmäßig über 90 Minuten – genau die Zeit, in der Kim mit der südkoreanischen Nationalmannschaft beim Asien-Cup weilte. Nach Kims Rückkehr war der Südkoreaner sofort wieder gesetzt, de Ligt fand sich überwiegend auf der Bank wieder. Ein deutliches Zeichen, dass der 24-Jährige unter Tuchel nicht erste oder zweite Wahl ist.

Davon will der Trainer selbst allerdings nichts wissen: "Das sind Kategorien, die kann ich nicht teilen. Ich persönlich habe in meinem Büro keine Nummern und kein Ranking", erklärte Tuchel auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Lazio Rom. Zuvor schmorte de Ligt im Topspiel gegen Leverkusen 90 Minuten auf der Bank.

"Matthijs ist einer von vier Innenverteidigern. Aber es gibt aktuell keine Nummer eins und keine Nummer vier. Alle kämpfen um die Plätze. Es ist auf dieser Position ein sehr intensiver Wettkampf, jetzt noch mit Eric Dier. Jeder hat jede Woche die Chance zu spielen", sagte Tuchel weiter.

Gerüchten zufolge soll de Ligt aufgrund seiner unbefriedigenden Situation bereits über einen Bayern-Abschied im Sommer nachgedacht haben. Die Tuchel-Trennung könnte ihn nun aber möglicherweise wieder zum Umdenken bewegen.

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Mathys Tel

Mathys Tel wurde als große Zukunftshoffnung im Angriff verpflichtet. Geht es nach den Fans, bekommt der junge Franzose jedoch viel zu selten beziehungsweise kurz seine Chance. Meist bleibt es bei Kurzeinsätzen über wenige Minuten – zu wenig Zeit, um sich für weitere Einsätze zu empfehlen.

Mathys Tel kommt unter Thomas Tuchel kaum zu Einsatzminuten.
Mathys Tel kommt unter Thomas Tuchel kaum zu Einsatzminuten. © IMAGO/Revierfoto

Dabei kann Tel durchaus mal den Unterschied machen, wie beispielsweise seine Vorlage zum 2:3-Anschlusstreffer von Harry Kane beim Vier-Minuten-Einsatz gegen Bochum gezeigt hat.

Tel, der in den vergangenen Wochen und Monaten sämtliche Transferthemen vehement abblockte und sich zum FC Bayern bekannte, schien zuletzt angesichts der Rolle unter Tuchel auch ins Grübeln gekommen zu sein.

"Manchmal muss man einfach das Gefühl haben, dass man auf dem gleichen Weg ist", sagte Tels Berater Gadiri Camara kürzlich der "Sport Bild": "Wir werden es sehr bald sehen, aber ich bin zuversichtlich. Aber wenn nicht, müssen wir alle Optionen in Betracht ziehen." Alle Optionen, also auch einen Wechsel.

Manchester United soll großes Interesse an einer Verpflichtung des Offensiv-Talents haben. Doch der Abgang von Tuchel könnte die Lage von Tel im Sommer wieder deutlich verbessern. Gut möglich, dass der 18-Jährige unter dem neuen Bayern-Trainer deutlich mehr Chancen bekommt.

Verwendete Quellen

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