Prügeleien, Hassbotschaften und Verhöhnungen – die unschönen Schlagzeilen rund um den Fußball reißen nicht ab. Ein Experte erklärt, warum die Vorfälle der letzten Wochen ganz unterschiedliche Ursachen hatten.

Etwa 200 Chaoten lieferten sich vor dem Bundesligaspiel am Samstag zwischen Hertha BSC und Eintracht Frankfurt eine regelrechte Straßen-Schlacht. Die Hooligans hatten sich offenbar gezielt zu einer Schlägerei verabredet. Es gab mehrere Verletzte, sechs Personen mussten ins Krankenhaus, knapp 100 Beteiligte wurden festgenommen.

Negative Schlagzeilen rund um den Fußball häuften sich zuletzt. Vor zwei Wochen war das Hamburger Millerntor-Stadion Tatort einer Geschmacklosigkeit. Bei der Zweitliga-Partie zwischen dem FC St. Pauli und Dynamo Dresden verhöhnten Hamburger Ultras die Dresdner Kriegsopfer von vor 72 Jahren.

Und erst drei Wochen ist es her, dass die Ausschreitungen von Dortmund landesweit für Empörung sorgten. BVB-Anhänger beleidigten RB Leipzig nicht nur mit Spruchbändern, sondern bewarfen dessen Fans auch noch mit Flaschen und Steinen.

Die drei Vorfälle waren völlig unterschiedlich. Doch immer bleibt die Frage, was die Menschen zu diesen Taten treibt. Der Fan-Forscher Dr. Gabriel Duttler vom Institut für Sportwissenschaft Würzburg ist mit dem Phänomen Hooliganismus sehr vertraut und kennt auch die Motivation dahinter.

"Unter Hooligans gibt es praktisch zwei unterschiedliche Gruppen", erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion. "Es gibt Menschen, die sehr frustriert von ihrem Leben sind. Diesen Frust leben sie über eine Gewaltfaszination aus. Sie transferieren praktisch ihre Wut auf die gegnerischen Hooligans."

Verschiedenste Bevölkerungsgruppen betroffen

Doch sind Hooligans nicht nur Menschen, die im Leben gescheitert sind. Im Gegenteil: Auch Menschen aus der Oberschicht mischen bei den Schlägereien mit. "Diese Hooligans möchten eine Entstressung und eine Distanz zum Alltag. Es gibt Ärzte und Anwälte, die am Wochenende dann richtig die Sau rauslassen." Hooligans beschreiben es als einen unglaublichen Nervenkitzel, wenn sie auf eine verfeindete Gruppierung zugehen und die "Schlacht" unmittelbar bevorsteht. Es soll ein Moment sein, in dem man alles andere vergisst.

Der Vorfall von Berlin war typisch für Hooliganismus, der von Dortmund eher nicht. Die "Süddeutsche" führte einmal ein Interview mit einem anonymen Hooligan, der sagte: "Wir gehen nicht besoffen ins Stadion, wir spielen nicht mit Pyrotechnik rum, wir hauen uns nicht da, wo Kinder und Frauen stehen. Echte Hooligans suchen gleichgesinnte Gegner, keine Opfer."

Das passt nicht mit den Taten von Dortmund überein. Dort sollen sogar Frauen und Kinder angegriffen worden sein. Auch Duttler führt den Vorfall von Dortmund eher auf Menschen zurück, die ihre Fan-Kultur durch das Projekt von RB Leipzig bedroht sahen.

Das würde dann eher für die Ultra-Szene sprechen. Die meisten Ultras sind zwar friedliche Fußball-Fans, doch das trifft leider nicht auf alle zu.

Der Vorfall in Hamburg wiederum hatte ohnehin nichts mit Hooliganismus zu tun. Kein Mensch kam zu einem gesundheitlichen Schaden, als einige St. Pauli-Ultras Transparente mit den Botschaften "Schon Eure Großeltern haben für Dresden gebrannt" und "Gegen den doitschen Opfermythos" in die Luft hielten. Es zeigte allerdings, dass das Fußballstadion auch eine Bühne für politische Botschaften ist.

Politik hinter Hooligans?

Einige Fans des FC St. Pauli gelten als linksmotiviert, einige Anhänger von Dynamo Dresden als rechtsmotiviert. Stoßen diese zwei Lager aufeinander, wird der Fußball ganz schnell zur Nebensache. Duttler sagt: "Es gibt schon lange eine Verwobenheit zwischen Fußball und Politik. Selbst Politiker nutzen den Fußball als Anhängsel, zeigen sich daher mit bekannten Sport-Stars oder kommen nach einem WM-Finale in die Weltmeisterkabine."

Diese Verbindung zwischen Fußball und Politik habe sich auf die Fans übertragen. "Generell erhalten Fans mit ihren Anliegen eher wenig Gehör. Doch wenn sie übertrieben harte Spruchbänder mit ins Stadion bringen, bekommen sie die gewünschte Aufmerksamkeit. Deshalb werden oft krassere Aktionen gemacht als es inhaltlich von Nöten wäre."

Prügelnde Hooligans, gewaltbereite Ultras und politisch extreme Meinungsbilder – es gibt ganz unterschiedliche Probleme, die den Fußball immer wieder in ein unschönes Licht rücken. Umso schwieriger und größer ist die Aufgabe, all diese Extreme gleichzeitig in den Griff zu bekommen.