Seit dem 2:0 am Samstag gegen Frankreich erfasst die deutsche Nationalmannschaft plötzlich eine EM-Euphorie. Doch Vorsicht: Der eine Länderspielsieg kann nicht vergessen machen, dass Deutschland noch im November von der Türkei und Österreich gedemütigt wurde.

Eine Kolumne
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Deutschland und das 2:0 gegen Frankreich: Die Bild-Zeitung missbrauchte fast am Ende eines euphorischen Wochenendes sogar ein heiliges Sakrament, um das erfolgreiche Comeback von Toni Kroos gebührend zu feiern. Den früher als "Querpass-Toni" verspotteten Spielmacher tauften die Berliner Schlagzeilenmacher kurzerhand in "Steilpass-Toni" um.

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Und sie haben ja recht: Das Mittelfeld bekam durch die Anwesenheit des fünfmaligen Champions-League-Siegers eine Achse, die Abwehrarbeit und Angriffsabteilung in Balance brachte. Sowas hatte man lange nicht gesehen: Alle Nationalspieler verteidigten und stürmten gemeinsam. Toni Kroos selbst rutschte zum Grätschen auf die Knie. Deutsche Tugenden zum Genießen.

Die Frage bleibt trotzdem: Was ist der Sieg wert? Zunächst: Es war ein Freundschaftsspiel, mehr nicht. Und es ist nicht lange her, dass die Nationalmannschaft von der Türkei (2:3) und von Österreich (0:2) gedemütigt wurde. Im November wollte niemand auf den vierten EM-Sieg der DFB-Historie wetten. Wie kann das eine Länderspiel plötzlich das Krisengefühl einer ganzen Nation drehen?

Wie selbstverständlich diskutiert Bundestrainer Julian Nagelmann öffentlich über seine vorzeitige Vertragsverlängerung über die Heim-EM 2024 hinaus. Schon werden Spekulationen laut, dass Kroos ja ebenfalls an der WM 2026 in Nordamerika teilnehmen könnte. Und so nebenbei: Die Zukunft sei rosig - dank Jamal Musiala und Florian Wirtz. Die Bild wieder: So wirtz was!

Man unterschlägt dann schnell, dass eine ähnliche Euphorie schon beim Amtsantritt von Hansi Flick 2021 ausbrach, als er acht Siege in Folge feierte und in 14 Länderspielen unbesiegt blieb. Auf die Rekordserie folgten: die Heimklatsche gegen Ungarn und die WM-Blamage 2022 in Katar. Eine Amazon-Dokumentation entlarvte eine leblose Mannschaft und ihren ratlosen Cheftrainer.

Dass Nagelsmann Rollenspiele bei der Nationalmannschaft definierte, unangenehme Gespräche zur Torwartfrage frühzeitig abräumte und die Degradierung der launischen BVB-Nationalspieler forcierte, ehrt ihn sehr. Eine Garantie, dass die Dinge jetzt problemlos flutschen, hat er nicht. Das Testspiel am Dienstag gegen die Niederlande kann die Stimmung wieder Richtung Krise kippen.

Danach bleiben noch zwei Testspiele aus der B-Kategorie: am 3. Juni gegen die Ukraine und am 7. Juni gegen Griechenland. Alles andere als überzeugende Siege würde die Verunsicherung vor dem EM-Auftakt am 14. Juni gegen Schottland vertiefen. Man sollte erfreut sein, dass das Frankreich-Spiel so gut lief. Aber vorsichtig bleiben, weil Deutschland noch nicht aus der Krise ist.

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