Noch gibt es kein Ergebnis bei der US-Wahl, dafür starke Meinungen: Bei "Illner" streiten ein schmerzbefreiter Trump-Fan und ein hemdsärmliger Top-Manager über die US-Wahlen. Und Thomas Gottschalk hadert mit John Bolton.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Woran erkennt man, dass Donald Trump nicht im Weißen Haus sitzen sollte? Nein, nicht an seinem Desinteresse an demokratischen Gepflogenheiten, persönlichen Umgangsformen und an seiner Politik im Allgemeinen. Nein: Er ist ein "seltsamer Mann", der zu weite Anzüge trägt und sich Ölgemälde in seinen Privatjet hängt. Kurz: "Er hat einen an der Waffel." Findet zumindest Manager Martin Richenhagen bei "Maybrit Illner", und das wiederum erzählt viel über die Sendung an diesem Donnerstagabend.

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Das ist das Thema

In sechs Staaten wird noch immer gezählt, in Wisconsin müssen die Wahlhelfer wohl gleich nochmal von vorn anfangen, Donald Trumps Anwälte beschäftigen dutzende Gerichte mit Beschwerden - es könnte noch Tage dauern, bis der Sieger der US-Wahlen feststeht, also diskutieren Maybrit Illner und ihre Runde unter einem Provisorium: "Bis zur letzten Stimme - bleibt Trump an der Macht?"

Das sind die Gäste bei "Maybrit Illner"

  • Hello again! Einen Tag nach seinem Auftritt bei "Maischberger.die Woche" wiederholt John Bolton seine harsche Kritik an seinem Ex-Chef: Es gebe "keine Beweise" für Wahlbetrug. Allzu dramatisch sieht Donald Trumps ehemaliger Sicherheitsberater den Gang vor die Gerichte aber nicht: "Es verzögert Vieles, aber wir werden nicht im Chaos versinken." Trump werde das Weiße Haus verlassen - "freiwillig, aber nicht anständig".
  • Grünen-Chefin Annalena Baerbock zieht aus Trumps Verhalten eine Lehre für Europa: Populisten dürften nicht erst ins Amt kommen, weil sie sich dann ohnehin entzaubern. "Solche Leute, die Strukturen angreifen wollen, setzen das auch durch."
  • Thomas Gottschalk, Zweitwohnsitzler in Malibu, kann Donald Trump nichts abgewinnen - Joe Biden aber auch nicht besonders viel. "Wenn das die Spitze der amerikanischen Politik sein soll, dann Gute Nacht!" Mehr als einmal lässt er durchblicken, wen er für den bestmöglichen Präsidenten hält: Barack Obama.
  • Die Politologin Sudha David-Wilp vom German Marshall Fund widerspricht: Joe Biden sei der richtige Mann zur richtigen Zeit. "Er kann ein Brückenbauer sein."
  • Das Gegenteil befindet Benjamin Wolfmeier. Der Sprecher der "Republicans Overseas" verteidigt Donald Trump ohne Einschränkungen – den Gang vor die Gerichte wie auch die vorzeitige Siegeserklärung. Das Problem der Demokraten? "Sie hassen Trump mehr als sie das Land lieben."
  • Martin Richenhagen, der den US-Landmaschinen-Konzern AGCO leitet, lobt Donald Trump für seine Steuerreform, das war es dann aber auch. Die neuen Jobs habe die Wirtschaft geschaffen, "dafür brauchten wir den Präsidenten nicht", und sonst habe er Fehler über Fehler gemacht. Der Handelskrieg mit China habe den US-Bauern geschadet, geholfen habe Trump nur der Ölindustrie und dem Bergbau: "Aber auf Kosten der Umwelt, das ist keine nachhaltige Politik."
  • Die Politologin Constanze Stelzenmüller ergründet, warum rund 70 Millionen Amerikaner trotz alledem Trump gewählt haben: "Viele Leute empfinden ihre Lage als ökonomisch sicherer." Außerdem seien einigen Anhängern des Präsidenten Einzelthemen einfach wichtiger als alles andere: Den Waffenbesitzern das 2nd Amendment und den Evangelikalen ein strikteres Abtreibungsrecht.

Das ist der Moment des Abends

Der Sonderpreis für die beste Trump-Imitation geht an: Benjamin Wolfmeier. Nicht nur bindet er seine Krawatte – natürlich im vom Präsidenten bevorzugten Rot – ähnlich nachlässig, er kopiert auch die rhetorischen Spielchen seines Vorbilds in verblüffender Perfektion. Der Höhepunkt: Wolfmeier richtet dem studierten Theologen Richenhagen aus, er müsse doch erschüttert sein über das Programm der Demokraten, das Abtreibung bis zur Geburt fordere.

"Das steht da nicht drin", korrigiert Politologin Stelzenmüller, aber Wolfmeier bleibt standhaft – in Delaware sei das als Gesetz eingebracht worden. "Dann ist es nicht im Programm der Demokraten", folgert Maybrit Illner. Wolfmeier: "Das habe ich auch nie gesagt." Von Null auf Dementi in zehn Sekunden – Trump wäre stolz.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Martin Richenhagen hat an diesem Punkt des Abends die Nase voll von Wolfmeier, schon zu Beginn der Sendung blafft er "den jungen Mann" an, er möge sich "an der Wahrheit orientieren". "Das macht schon ihr Präsident nicht, die Jungen sollten es besser machen, ich finde das unangenehm und unanständig".

Weil Wolfmeier immer noch einen auf Lager hat – so behauptet er, Hillary Clinton hätte als Präsidentin "vielleicht den 3. Weltkrieg ausgelöst" - klettern die beiden im Eiltempo die Eskalationsleiter hinauf.

"Sie hantieren immer mit Unwahrheiten", herrscht Richenhagen Wolfmeier nach dem "Das habe ich nie gesagt" an, und es geht noch weiter: "Halten Sie doch mal den Mund, das ist doch Blödsinn, was Sie da erzählen." - "Lassen Sie mich bitte ausreden!" - "Nein, ich lasse Sie nicht ausreden. Es ist unmöglich, dass Sie überhaupt eingeladen sind."

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

"It takes one to know one", sagen die Amerikaner, es ist also, bei allem Respekt, kein großes Wunder, dass Richenhagen in seinem Widersacher eine flegelhafte Knallcharge entdeckt haben will.

Der "Top-Manager" hat übrigens den selben Schneider wie Trump, und irgendwie meint er deswegen zu wissen, dass Trump "nicht an die Spitze eines Landes oder Unternehmens" gehört: "Er kann seinen Immobilienkram machen, aber hat sonst nichts drauf."

Auf Privataudienz in Trumps Jet war Richenhagen auch, das war der Jet mit den Ölgemälden, und angeblich habe ihm der Donald dabei das Geheimrezept für seine Frisur verraten, jedenfalls habe Trump einen an der Waffel. Wie gesagt: It takes one ...

"Sie können das doch nicht zulassen, Frau Illner", blökt Richenhagen einmal beim Infight mit Wolfmeier Richtung Gastgeberin, und damit hat er nicht Unrecht – Illner hat die beiden eingeladen, und ihnen zu lange zugeschaut beim Niveau-Limbo. So fehlen Raum und Zeit für eine detaillierte Diskussion über die interessanten Fragen - warum Trump von so vielen Hispanics und African Americans gewählt wurde, zum Beispiel, also gar nicht nur "der Liebling der alten weißen Männer" ist.

So wird es eine Sendung wie ein Familien-Meeting über Zoom: Einer raschelt ständig mit dem Mikro herum (meine Güte, Thomas Gottschalk – hat der Mann nicht mal Radio gemacht?), der andere hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht, sich vernünftig anzuziehen, zwei beharken sich ständig, und der Rest glotzt belustigt bis gelangweilt in der Gegend herum.

Das ist das Ergebnis

War irgendjemand überrascht von Donald Trumps Versuch, die Wahlen zur Fälschung zu erklären, sobald die Zeichen auf Niederlage stehen? "Ich war nicht überrascht", meint sein Ex-Sicherheitsberater John Bolton. "Viele Republikaner aber schon. Es ist ihnen unangenehm, wie wenig er in der Lage ist, sein eigenes Interesse von dem des Landes zu trennen."

Thomas Gottschalk enttarnt Boltons Wandlung als Teil der US-Showpolitik: "In mein Leben getreten ist er als Unterstützer von Trump, jetzt bezeichnet er ihn als Gefahr." Diese Leichtigkeit, die er an den Amerikanern so liebe, sei manchmal "fahrlässig".

Sudha David-Wilp zeigt sich vom starken Ergebnis Trumps überrascht: "Offenbar war seine Message effektiv: Er hat Biden als Shutdown-Kandidat und linken Radikalen dargestellt, und sich als Verfechter von Wirtschaft und Law and Order." Allerdings müssten sich die Republikaner langfristig fragen, wofür sie stehen wollen: "Verschwörungstheorien, Populismus?" Ihre Kollegin Constanze Stelzenmüller befürchtet genau das: "Die jungen Republikaner werden weiter Fundamentalopposition betreiben, die die Tea Party amateurhaft aussehen lässt."

Trump habe ihnen eine neue Basis erschlossen, meint Richenhagen: "Die Abgehängten mit schlechter Ausbildung, Arbeitslose, einfache Leute, die haben kaum jemanden interessiert." Für Wolfmeier war noch ein Punkt entscheidend: "Es war einer im Weißen Haus, der keinen neuen Krieg anfängt." Da sind sich sogar die notorischen Streithähne einig … nein, Scherz. Trump sei alles andere als ein Friedensstifter, sagt Richenhagen. "Man muss nur betrachten, was er in den USA angerichtet hat, die Leute schießen aufeinander."