Sie ist so ziemlich das Gegenteil von Jürgen Trittin: bürgerlich, christlich-konservativ, Realo, Joschka Fischer nahe stehend, Ossi. Doch eine schwarz-grüne Koalition lehnt Katrin Göring-Eckardt ab. Die Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und Bundestagsvizepräsidentin ist gegen einen kalten Kapitalismus, spricht gerne von Gerechtigkeit und von Umverteilung und sie engagiert sich für Kinder - ein Porträt.

Jürgen Trittin will es noch einmal wissen - und seine Chancen bei der Bundestagswahl sind nicht schlecht. Die Grünen streben wieder an die Macht.

Mit Katrin Göring-Eckardt hatten die wenigsten gerechnet. So war sie Überraschung groß, als die evangelische Theologin die Urwahl der Grünen im vergangenen Herbst gewann. Sie ließ politische Schwergewichte wie Claudia Roth und Renate Künast hinter sich. Die Grünen-Basis hatte entschieden, sie neben Jürgen Trittin zur Spitzenkandidatin für die Bundestagwahl 2013 zu machen.

Spitzenpolitikerin aus der zweiten Reihe

Bislang stand Göring-Eckardt immer nur für kurze Zeit im politischen Rampenlicht. Wer sie als Spitzenpolitikerin aus der zweiten Reihe beschreibt, trifft es daher ziemlich gut. Denn sie war eigentlich immer mit dabei, wenn es etwas zu entscheiden gab in den letzten Jahren. So kämpfte sie als Fraktionschefin während der Rot-Grünen Koalition für die umstrittenen Hartz-Reformen und die Agenda 2010. Sie trat für eine Senkung der Lohnnebenkosten und eine Erhöhung der Rentenbeiträge ein. Die Erhöhung des Rentenalters wurde von ihr ebenfalls mitgetragen und als notwendig erachtet.

Katrin Dagmar Göring wurde am 3. Mai 1966 in Friedrichroda bei Gotha in Thüringen geboren. Die Tochter eines Tanzlehrers machte 1984 in Gotha Abitur und studierte anschließend in Leipzig evangelische Theologie. 1988 brach sie das Studium ohne akademischen Abschluss ab. Im selben Jahr heiratete sie den Pfarrer Michael Göring und setzte als eine der ersten Frauen in der DDR einen Doppelnamen durch. Das Paar hat zwei Kinder.

Göring-Eckhardt war mit Merkel kurz in einer Partei

1989 gehörte die Theologin zu den Gründungsmitgliedern von Bürgerbewegungen wie "Demokratischer Aufbruch", wo sich auch Angela Merkel engagierte, "Demokratie Jetzt" und "Bündnis 90". 1990 bis 1993 war sie Mitglied im thüringischen Landesvorstand von Bündnis 90, anschließend Referentin für Frauenpolitik, Familie und Jugend bei der thüringischen Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Von 1995 bis 1998 und von 2002 bis 2007 war sie Landessprecherin von Bündnis 90/Die Grünen in Thüringen und 1996 bis 1998 Beisitzerin im Bundesvorstand sowie 1998 bis 2006 Mitglied im Parteirat von Bündnis 90/Die Grünen.

Seit 1998 ist Katrin Göring-Eckardt Mitglied des Bundestags. Bis 2002 hatte sie das Amt der Parlamentarischen Geschäftsführerin inne und war gesundheits- und rentenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. 2002 bis 2005 war sie gemeinsam mit Krista Sager Fraktions-Chefin der Grünen. Als Renate Künast nach der verlorenen Bundestagswahl 2005 diesen Posten übernahm, wurde Göring-Eckardt zur Vizepräsidenten des Bundestags gewählt und 2009 wiedergewählt.

Da Göring-Eckardt nach der Abwahl von Rot-Grün nur noch wenige Aussichten sah, ihre politische Karriere fortzusetzen, engagierte sie sich stärker in der Kirche. Seit 2007 ist Göring-Eckardt Mitglied des Präsidiumsvorstandes des Deutschen Evangelischen Kirchentages und seit 2009 Präses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), ein Amt, das sie bis zum Ende des Wahlkampfs ruhen lässt.

Prototyp einer bürgerlichen Grünen

Offenbar war das stärkere Kirchenengagement genau der richtige Weg, um bei den Grünen wieder Fuß zu fassen. Statt dauerhaft als neoliberal verschrien zu sein, kann Göring-Eckardt nun mit klassischen Themen der Grünen punkten: Umweltschutz und Nachhaltigkeit, soziale Fragen und gesellschaftlicher Ausgleich, Familienpolitik und Feminismus. Allerdings fügt sie noch den Aspekt des Glaubens hinzu, was bei den älter gewordenen Grünen gut ankommt. Göring-Eckardt wurde so etwas wie der Prototyp des bürgerlichen Grünen.

Gerühmt wird Göring-Eckardt für ihr Situationsgespür. Gezeigt hat sie das zum Beispiel bei der Synode im vergangenen Herbst, als sie die Synodalen zum Gedenken an die Opfer des NSU-Terrors aufstehen ließ. Solche Augenblicke werden ihr von vielen hoch angerechnet, auch außerhalb der eigenen Partei.