• Im Wahlkreis 61 in und um Potsdam treten mit Olaf Scholz und Annalena Baerbock zwei Kanzlerkandidaten direkt gegeneinander an.
  • Der Wahlkampf nimmt dort erst langsam Fahrt auf, was aber auch an der Pandemie liegt.
  • Das Direktmandat in diesem Wahlkreis zu erringen, ist für die Kandidaten vor allem eine Prestigefrage.

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Potsdam Hauptbahnhof, rund vier Wochen vor der Bundestagswahl: Zwei Kanzlerkandidaten, Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne), treten hier in einem gemeinsamen Wahlkreis an, dem Wahlkreis 61 Potsdam - Potsdam-Mittelmark II - Teltow-Fläming II. Man könnte denken, die Spannung ist mit Händen zu greifen, überall werben Wahlkämpfer um die Stimmen der Potsdamer, Dutzende Wahlstände, Menschen mit Flyern. Aber rund um den Hauptbahnhof ist erst einmal: nichts.

Auch die Potsdamer selbst scheinen nicht gerade elektrisiert zu sein von diesem Duell. "Es macht für mich keinen großen Unterschied, ob hier die Kanzlerkandidaten antreten oder nicht", sagt ein Mann, der auf der Potsdamer Freundschaftsinsel Enten füttert. Auch dass in dieser Situation besonders auf Potsdam geschaut werde, empfinde er nicht so.

Dem Politikwissenschaftler Jochen Franzke von der Universität Potsdam geht es mit seinen Eindrücken vom aktuellen Wahlkampf ähnlich. "Besonders große Spannung nehme ich bislang nicht wahr. Das liegt aber auch daran, dass einige der sonst üblichen Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden können, wie Massenkundgebungen oder der Haustür-Wahlkampf", sagte Franzke im Gespräch mit unserer Redaktion.

Potsdamer haben im Schnitt ein höheres Einkommen und höhere Bildung

Dabei ist die Ausgangslage durchaus historisch zu nennen. Es gab nämlich bisher keinen Fall, in dem mehrere Kanzlerkandidaten bei einer Bundestagswahl in demselben Wahlkreis kandidiert haben. Nun kämpfen also Baerbock und Scholz um ein Direktmandat im Wahlkreis 61, in dem viele Ostdeutsche leben, aber mittlerweile auch sehr viele West-Berliner. Auch der Ausländeranteil ist dort höher als im Rest Brandenburgs.

"Potsdam ist die ostdeutsche Stadt mit der höchsten Lebensqualität, es ist sehr dicht besiedelt, die Einkommen und das Bildungsniveau sind höher als im brandenburgischen Landesdurchschnitt", erklärt Franzke und ergänzt gleich, was das für das Wahlverhalten bedeutet: "Wir haben in diesem Wahlkreis eine klar linksorientierte Mehrheit."

Befragt man das Prognoseportal "election.de", spiegelt sich das auch in Zahlen wider: Es sieht die Wahrscheinlichkeit, dass Olaf Scholz den Wahlkreis gewinnt, bei 99 Prozent. Die Prognose basiert unter anderem auf aktuellen repräsentativen Umfragen, aber auch auf vorherigen Ergebnissen, den Kandidaten im Wahlkreis und berücksichtigt Stimmen-Splitting mit unterschiedlicher Erst- und Zweitstimme.

Zwischen "Ich bin von hier" und "Ich bin so halb von hier"

Prognosen können natürlich auch irren, zumal keine Aussage darüber getroffen wird, wie viele Prozent der Stimmen jeder Kandidat oder Kandidatin bekommen wird. Die Tendenz ist aber erstaunlich, zumal Scholz von den drei aussichtsreichsten Kandidaten, zu denen noch Saskia Ludwig von der CDU gehört, am kürzesten in Potsdam wohnt. Aber: Auch für die Potsdamer ist er wahrscheinlich in erster Linie Kanzlerkandidat und somit folgt die Potsdamer Stimmung nur der aktuellen bundesweiten Stimmung.

Insofern erscheint es folgerichtig, dass Scholz nicht groß mit einer tiefen Verankerung in seinem Wahlkreis wirbt. "Für Potsdam, Ludwigsfelde und Potsdam-Mittelmark in den Bundestag" ist recht dezent auf seinem Plakat zu lesen. Anders dagegen die CDU-Kandidatin Ludwig, die auf ihren Wahlplakaten in Potsdam betont, dass sie "eine von hier" ist. Baerbock verzichtet völlig auf eine Verortung, gibt nur den Hinweis: "Erststimme Baerbock, Zweitstimme Grün".

Freude über die Kandidatur der Kanzlerkandidaten in ihrem Wahlkreis verspüren offenbar vor allem jene Potsdamer, die eindeutig für den einen oder die andere sind. "Für uns macht es schon einen Unterschied, dass Annalena Baerbock hier antritt - einfach, weil wir sie favorisieren und uns daher natürlich freuen, dass sie bei uns antritt", sagt ein Paar in der Potsdamer Innenstadt. Die beiden sehen Baerbock eher vorn, "weil sie schon länger in Potsdam ist. Und obwohl Potsdam traditionell eher SPD-dominiert ist, denken wir doch, dass viele der Neu-Zugezogenen Grün wählen."

Was passiert mit dem Verlierer des Duells im Wahlkreis?

Das kann sich auch Politikwissenschaftler Franzke von der Universität Potsdam vorstellen. "Es gibt keine Daten darüber, wie viele Menschen seit der Wende neu nach Potsdam gezogen sind, allerdings ist der Wandel in der Bevölkerung deutlich zu spüren", sagt er. "Bei den letzten Wahlen haben die Grünen in diesem Wahlkreis immer deutlich besser abgeschnitten als im Rest Brandenburgs." Dementsprechend sieht Franzke die Wahl für Annalena Baerbock auch nicht als verloren an: "Sie hat in letzter Zeit wieder an Sicherheit gewonnen und kontert Olaf Scholz' Plus an Regierungserfahrung, das er auch immer wieder hervorhebt, nun damit, dass sie selbst eben für den Wandel stehe."

Da sowohl Scholz als auch Baerbock die jeweilige Nummer Eins ihrer Partei auf der Brandenburger Landesliste sind, steht nicht zu befürchten, dass sie den Einzug in den Bundestag verpassen, wenn sie das Direktmandat nicht gewinnen. Das wäre nur der Fall, wenn etwa den Grünen nach Zweitstimmen weniger Sitze im Bundestag zustünden als sie Direktmandate haben. Rein rechnerisch sei das zwar möglich, erklärt Franzke, "es ist aber sehr, sehr unwahrscheinlich".

Der Sieg im Wahlkreis ist deswegen vor allem eine Prestigefrage - zumal ja zumindest theoretisch gar kein Sitz im Bundestag nötig ist, um sich zum Kanzler oder zur Kanzlerin wählen zu lassen. "Durch ihre Plätze auf den Landeslisten sind die Spitzenkandidaten besonders abgesichert. Das Ergebnis im Wahlkreis ist also vor allem für die persönliche Reputation wichtig. So wie der Wahlkampf aktuell läuft, glaube ich aber nicht, dass der oder die Zweite im Wahlkreis mit einer dauerhaften Beschädigung herauskommt", sagt Franzke.

Der Politikwissenschaftler glaubt nicht, dass die Würfel im Wahlkreis 61 schon gefallen sind: "Die heiße Wahlkampfphase hat gerade erst begonnen." Zu denen, die noch unentschieden sind, gehört auch der Mann auf der Freundschaftsinsel, der die Enten füttert: "Ich weiß noch nicht, wen ich wähle. Und ehrlich gesagt: Ich bin mir bei beiden nicht sicher, dass sie das besser machen als Frau Merkel."

In Merkels Wahlkreis, dem Wahlkreis 15 Vorpommern-Rügen, Vorpommern-Greifswald I, war es übrigens nie eine Frage, ob sie das Direktmandat gewinnt.

Verwendete Quellen:

  • Telefonat mit Professor Jochen Franzke vom Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation der Universität Potsdam
  • election.de: Erststimmen-Prognose Bundestagswahl
  • Zeit.de: Wahlkreis Potsdam: Historisches Duell der Kanzlerkandidaten
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