• Im September 2022 explodierten mehrere Sprengsätze an den Ostseepipelines Nord Stream 1 und 2.
  • Schnell stand Moskau im Verdacht, sabotiert zu haben. Nun deuten neue Spuren in die Ukraine.
  • Denn deutschen Ermittlungsbehörden ist es Berichten zufolge gelungen, das Boot zu identifizieren, mit dem die Täter in See stachen.
  • Was über die Geheimoperation bekannt ist – und was weiterhin ein Rätsel bleibt.

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Es ist rund ein halbes Jahr her, dass Explosionen an den Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 für massive Schuldzuweisungen zwischen Moskau und Washington sorgten. Im September waren in den Wirtschaftszonen Schwedens und Dänemarks in der Ostsee mehrere Lecks in den Pipelines festgestellt worden.

Die Pipelines in der Ostsee, die für den Transport von russischem Gas nach Deutschland gebaut wurden, waren damals nicht in Betrieb, enthielten aber Gas. Schnell war klar: Die vier Explosionen in etwa 80 Meter Tiefe müssen vorsätzlich durchgeführt worden sein. An den Lecks konnten Sprengstoffspuren nachgewiesen werden. Die Vorfälle sorgten in Deutschland damals für einen drohenden Versorgungsengpass und einen weiteren starken Preisanstieg für Erdgas.

Welche neuen Erkenntnisse gibt es?

Während zwischenzeitlich berichtet wurde, Russland oder die USA hätten die Sabotage-Akte in Auftrag gegeben, weisen nun Spuren in Richtung Ukraine. Zum einen berichtet die "New York Times" mit Verweis auf US-Beamte auf Erkenntnisse des US-Geheimdienstes. Auch deutsche Ermittlungen deuten aber auf Verbindungen zu einer pro-ukrainischen Gruppe hin. Wie "ARD", "SWR" und "Zeit" in einer Kollektivrecherche berichten, sollen deutsche Ermittlungsbehörden das Boot identifiziert haben, das für die Geheimmission in der Nacht zum 26. September genutzt wurde.

Was weiß man über das Boot?

Die Yacht soll von einer polnischen Firma angemietet worden sein, die zwei Ukrainern gehört. Eine sechsköpfige Gruppe, bestehend aus einem Kapitän, zwei Tauchern, zwei Tauchassistenten und einer Ärztin, soll mit ihr Anfang September (6.) von Rostock aus in See gestochen sein. Für die Anmietung sollen professionell gefälschte Reisepässe zum Einsatz gekommen sein. Die Ausrüstung für die Geheimoperation soll den Berichten zufolge im Vorfeld mit einem Lieferwagen in den Hafen gebracht worden sein.

Den Ermittlern gelang es, das Boot in Wieck am Darß und später an der dänischen Insel Christiansö zu lokalisieren. Die Ostsee ist eins der am besten überwachten Seegebiete überhaupt, der Schiffs- und Flugverkehr wird von allen Anrainerstaaten mit Sensoren beobachtet. So können beispielsweise Schiffsbewegungen im Wasser mittels akustischer Signaturen und dem Abgleich in Datenbanken verfolgt werden. Das Boot soll in einem ungereinigten Zustand zurückgegeben worden sein. Ermittlern gelang es im Anschluss, Sprengstoffspuren auf einem Tisch im Innern der Yacht zu sichern.

Überblick über Pipeline-Verläufe und Verortung der Lecks © dpa-infografik GmbH

Wer kann so eine Sprengung durchführen?

Ob es sich um Militär- oder Geheimdiensttaucher handelt, die die Sprengsätze gelegt haben, ist nicht geklärt. Vermutlich handelt es sich jedoch um erfahrene Taucher, die möglicherweise eine spezielle Regierungsausbildung erhalten haben. Im kontrollierten Sprengen unter Wasser sind Militärtaucher aller Nationen geschult. So geht man beispielsweise auch bei Seeminen eines möglichen Gegners vor. Kenntnisse vermitteln auch zivile Sprengschulen und Zivilschutzbehörden, in Deutschland etwa das Technische Hilfswerk (THW).

Wer hat die Sabotage in Auftrag gegeben?

Wer hinter dem Vorfall steckt – die Aktion beauftragt oder finanziert hat – bleibt unklar. Kiew weist eine Beteiligung entschieden zurück. So schrieb der ukrainische Präsidentenberater Michailo Podoljak auf Twitter, die Ukraine habe "nichts mit dem Vorfall in der Ostsee zu tun und hat keine Informationen über pro-ukrainische Sabotagegruppen". Tatsächlich halten internationale Experten es auch für möglich, dass bewusst Spuren gelegt wurden, die auf die Ukraine deuten. Dann würde es sich um eine sogenannte False-Flag-Aktion handeln. Es gibt aktuell weder Hinweise, die die ukrainische Regierung belasten noch auf eine False-Flage-Aktion hindeuten.

Wer profitiert von den Explosionen an den Pipelines?

Über die Hintergründe des Anschlags ist bereits viel spekuliert worden. Gesicherte Erkenntnisse gibt es noch nicht. Der Sabotageakt wird von Experten als Mittel der hybriden Kriegsführung eingeordnet. Moskau könnte durch einen solchen Anschlag für Unsicherheit und Spaltung im Westen gesorgt haben wollen, allerdings hätte Moskau damit seine eigene Infrastruktur beschädigt und sich auch selbst die Möglichkeit genommen, die Gasversorgung als Druckmittel auf- und abzudrehen.

Gegner von Wladimir Putin könnten wiederum dem Kreml-Chef durch die Sabotage geschadet haben wollen, es könnte sich aber auch um Gegner des Pipeline-Projekts handeln. Älteren Berichten zufolge, die Washington bereits dementiert hat, hätte US-Präsident Joe Biden mit der Sabotage verhindern wollen, dass Russland seinen Krieg weiter mit den Milliarden aus dem Erdgas-Export finanzieren kann. Ein solches Motiv träfe auch auf pro-ukrainische Akteure zu. Der Ukraine die Explosionen bewusst anzulasten, könnte wiederum auch das Motiv haben, die Unterstützung durch den Westen zu schwächen.

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Dieses Luftbild zeigt das vierte Leck an der Nord Stream 2-Pipeline und wurde von der schwedischen Küstenwache am 28. September 2022 bereitgestellt. © picture alliance/ABACA

Wie reagiert Deutschland?

Die Bundesregierung äußerte sich bislang zurückhaltend zu den Recherchen. Eine Regierungssprecherin erklärte lediglich: "Der Generalbundesanwalt ermittelt seit Anfang Oktober 2022 in der Sache. Er hat damit die Hoheit über das Verfahren. Darüber hinaus laufen Untersuchungen in Schweden und Dänemark zu den Explosionen, jeweils unter Federführung der dortigen nationalen Behörden."

Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) wollte die Berichte im "Deutschlandfunk" noch nicht kommentieren. Er nehme sie mit großem Interesse zur Kenntnis, "aber wir müssen jetzt mal abwarten, was sich davon wirklich bestätigt. Jetzt hypothetisch zu kommentieren, was wäre wenn, halte ich jetzt für nicht zielführend. Das muss geklärt werden." In Reaktion auf die Ereignisse forderte Pistorius einen besseren Schutz der Unter-Wasser-Infrastruktur. Die Unterstützung der Ukraine durch den Westen stehe aber nicht infrage.

Verwendete Quellen:

  • New York Times: Intelligence Suggests Pro-Ukrainian Group Sabotaged Pipelines, U.S. Officials Say
  • Zeit Online: Nord-Stream-Ermittlungen: Spuren führen in die Ukraine
  • Deutschlandfunk: Pistorius reagiert zurückhaltend auf Medienberichte
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