Ballermann und Diskothek sind im Corona-Sommer tabu. Doch für den Urlaub in den Bergen oder mit einem Rosé am Strand machen die Gäste von Maybrit Illner schon wieder kräftig Werbung.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

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Auch wer nach Wochen des Zuhausebleibens noch keine Reiselust verspürt hat, den dürfte spätestens am Donnerstagabend bei Maybrit Illner das Fernweh packen.

Hinter Armin Laschet prangt die Kulisse des Aachener Doms, Bergsteiger-Legende Reinhold Messner rührt kräftig die Werbetrommel für Südtirol – und selbst ein Virologe träumt schon wieder von Thailand.

Ob man in diesem Sommer noch sorglos verreisen kann, will Maybrit Illner von ihren Gästen wissen. Zusammengefasst könnte die Antwort lauten: ein großes "Ja" und ein kleines "Aber".

Wer sind die Gäste?

Katja Kipping: Die Vorsitzende der Linken gilt als Verfechterin von strengen Corona-Regeln. Doch ausgerechnet der linke Ministerpräsident in Thüringen hat sich gerade an die Spitze der Lockerungsbefürworter gestellt.

Wie sie das Vorpreschen von Bodo Ramelow findet, will Maybrit Illner daher von Kipping wissen. Doch die Parteichefin sucht die Verantwortung eher bei anderen: "Das Kind ist in den Brunnen gefallen, als zwischen Ministerpräsidenten und Bundesregierung die bundesweite Einheitlichkeit aufgeweicht wurde."

Armin Laschet: "Die Menschen haben sich auch nach den Öffnungen an Regeln gehalten", lobt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident. Er findet es daher auch richtig, wenn die Deutschen wieder ins europäische Ausland verreisen dürfen.

Am Ballermann mit vielen zusammen aus einem Sangria-Eimer zu trinken – das könne er sich aber beim besten Willen nicht vorstellen. "Wir brauchen Standards in Europa, die unseren deutschen Standards ähnlich sind."

Jonas Schmidt-Chanasit: Auch der Virologe der Universität Hamburg hat nicht generell etwas gegen das Verreisen. "Man kann sich mehr Freiheiten durch clevere, smarte Maßnahmen erkaufen." Dafür müsse aber zum Beispiel noch mehr Geld in Tests investiert werden.

Marija Linnhoff: "Für mich bedeutet Urlaub, am Strand zu sitzen, ein Glas Rosé zu trinken und die Seele baumeln zu lassen – und das kann man", erklärt die Vorsitzende des Verbands unabhängiger selbstständiger Reisebüros. "Polonaise am Strand" sei derzeit aber schwierig. Sie rät zu Reisen nach Griechenland – da seien die Infektionszahlen niedrig geblieben.

Reinhold Messner: "Berge geben die Möglichkeit, dass sich die Menschen verlieren", sagt der Mann, der den Mount Everest bestiegen hat. Soll heißen: In den Alpen kann man sich gut aus dem Weg gehen. Sie seien deshalb in diesem Jahr ein guter Urlaubsort. Weniger gut sei die Tendenz der vergangenen Jahre gewesen, die Infrastruktur für Massentourismus in der Bergwelt auszubauen.

Was ist der Moment des Abends?

Reinhold Messner nutzt den Talkshow-Auftritt, um nicht nur für seine Heimatregion Südtirol, sondern auch noch für seine sechs eigenen Museen Werbung zu machen. Das nervt.

Passender ist aber sein Plädoyer für Reisen als Zeichen des europäischen Zusammenhalts: "Es wäre gut, wenn viele deutsche Urlauber Italien aufsuchen würden. Die Leute sollten untereinander wieder zirkulieren, um ein Europagefühl, eine Solidarität zu spüren."

Doch freuen sich die leidgeprüften Italiener wirklich über Besuch der Deutschen, deren Solidarität sie in den vergangenen Monaten so stark bezweifelt haben? Messner versteigt sich sogar zu der kühnen Aussage, die Deutschen seien "das beliebteste Volk weltweit". Der Respekt vor ihnen sei jedenfalls "von sehr tief unten auf ein sehr hohes Level gestiegen".

Was ist das Rededuell des Abends?

Die Hälfte der Sendung ist schon vergangen, als die resolute Reisebüro-Besitzerin Marija Linnhoff Schwung in die etwas müde Runde bringt. Sie wisse derzeit nicht, wie eine Busreise von Nordrhein-Westfalen ins rheinland-pfälzische Cochem zu organisieren sei, behauptet sie. An der Politik lässt sie kein gutes Haar. "Wenn Sie es nicht schaffen, sich auf Länderebene zu einigen, dann schaffen Sie es auch in Europa nicht."

Die Schuld schiebt Laschet weiter: Sein Amtskollege Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg sei der Meinung, die Bundesländer müssten sich nicht mehr absprechen. Er selbst sehe das anders: "Wir müssen wieder zusammenkommen – auch mit der Bundeskanzlerin." In den Ländern seien gemeinsame Standards nötig – damit der Bus auch von Nordrhein-Westfalen wieder nach Cochem an die Mosel fahren kann.

Linnhoff aber lässt nicht locker. Seit Monaten leiste ihre Branche Krisenarbeit. Man müsse sich die Regeln und Informationen über Länder mühsam zusammensuchen und sei zudem selbst massiv von der Krise betroffen. Von der Politik fordert sie mehr Unterstützung: "Warum in Gottes Namen können Sie nicht den Rettungsschirm spannen?", fragt sie Armin Laschet. "Wenn Sie sich nichts einfallen lassen, sehe ich schwarz", meint die resolute Verbandsvertreterin – und stichelt. "Sie wollen doch Kanzler werden!"

Was ist das Ergebnis?

Urlaub in Europa ist möglich – aber ohne Tanz in der Disko und ohne Massenandrang am Bierstand. Darauf können sich alle Gäste einigen. Trotzdem bleiben Fragen offen.

Was ist zum Beispiel mit dem Weg dahin? Wie sicher ist das Verreisen mit dem Flugzeug, wenn Passagiere nach dem Aussteigen eng in Bussen zum Terminal fahren? Wie sind die Bahnen auf den Reiseverkehr eingestellt? Und können Gesundheitsämter in Berlin, Bamberg und Baunatal auch europaweit Infektionsketten nachverfolgen?

Vielleicht will diese Bedenken gerade aber auch niemand mehr hören. Nach Monaten der Beschränkungen ist die Reiselust groß. Auch in der Talk-Runde.

Katja Kipping will mit ihrer Familie zumindest Tagesausflüge machen, Jonas Schmidt-Chanasit würde im Dezember gerne nach Thailand – und in Reinhold Messners Leben ist sowieso jeder Tag Urlaub. Armin Laschet verrät noch, dass er wie jedes Jahr an den Bodensee fahren will. Nach Baden-Württemberg also. Vielleicht kann er dort mit Winfried Kretschmann auch noch einmal über einheitliche Corona-Regeln der Bundesländer verhandeln.

Die weltweite Reisewarnung der Bundesregierung soll zum 15. Juni fallen

Der Sommerurlaub außerhalb Deutschlands rückt immer näher. Ein Eckpunktepapier skizziert die Bedingungen zur Wiederbelebung des innereuropäischen Tourismus. Die weltweite Reisewarnung des Bundesaußenministeriums soll ab dem 15. Juni Geschichte sein. (Teaserbild: Apaydin Alain/ABACA/picture alliance)