Bei "maischberger. die woche" geht es am Mittwochabend hoch her, vor allem Sahra Wagenknecht und der frühere Innenminister Gerhart Baum liefern sich einen heftigen verbalen Schlagabtausch zum Thema Impfung und Ukraine. Hendrik Streeck plädiert für stufenweise Lockerungen im Einzelhandel, um die Ungeimpften "aus dem faktischen Lockdown herauszuholen".

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Eine Kritik
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Sowohl die Gästeliste als auch die verhandelten Themen ließen am Mittwoch bei "maischberger. die woche" auf eine spannende Talkrunde hoffen. Unter anderem waren Sahra Wagenknecht und Hendrik Streeck zu Gast, gesprochen wurde über Omikron und die Impfpflicht, die deutsche Rolle in der Ukraine-Krise und die Arbeit der Regierung um Bundeskanzler Olaf Scholz. Und es ging tatsächlich ordentlich zur Sache, was auch an dem fast 90 Jahre alten, früheren Innenminister Gerhart Baum lag.

Mit diesen Gästen diskutierte Sandra Maischberger

Sahra Wagenknecht: Die Bundestagsabgeordnete der Linken ließ sich nicht impfen und erkrankte an COVID-19. "Ich hatte einen leichten Schnupfen, das war es dann auch. Ich will das aber nicht verallgemeinern", erklärte sie und schloss nicht aus, sich in Zukunft vielleicht doch noch impfen zu lassen, falls eine neue Variante dies nötig mache.

Gerhart Baum: Der FDP-Politiker und Jurist war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister. Im Oktober wird er 90 Jahre alt, einen Termin für die vierte Booster-Impfung hat er bereits. "Ich hätte Frau Wagenknecht gerne von einer Impfung überzeugt", sagte er.

Hendrik Streeck: Der Professor ist Direktor des Instituts für Virologie an der medizinischen Fakultät der Universität in Bonn. Streeck ist dreimal geimpft und verglich die Booster-Impfung mit einer kugelsicheren Weste gegen das Coronavirus.

Mathias Richling: Der Kabarettist kritisierte die Corona-Politik und vor allem die Uneinheitlichkeit der Regeln. Er berichtete von der Bahnfahrt einer Freundin, die an der Landesgrenze zu Bayern auf eine FFP2-Maske wechseln musste. "Gesundheitspolitik wird nicht mehr auf dem Wort Gesundheit betont, sondern auf dem Wort Politik", sagte er.

Katharina Hamberger: Die Korrespondentin im Hauptstadtstudio des Deutschlandfunks ärgerte sich über die Kehrtwende des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der die einrichtungsbezogene Impfpflicht in Pflegeberufen aussetzen will. "Es entsteht ein Gefühl der Beliebigkeit der Gesetzgebung", sagte sie.

Alev Dogan: Die Chefreporterin des Medienunternehmens "The Pioneer" pflichtete der Meinung ihrer Kollegin Hamberger zu Söder bei. Dieser sei weder "Team Vorsicht" noch "Team Augenmaß", sondern hauptsächlich daran interessiert, politisch erfolgreich zu sein. "Markus Söder ist in allererster Linie im Team Söder", erklärte sie.

Das sagte Hendrik Streeck bei Maischberger zu Omikron und Lauterbach

Auffällig war, dass Streeck Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach gleich zweimal widersprach. Lauterbach hatte zuletzt gesagt, dass wenn man jetzt wieder alles öffnen würde, dies zur Folge haben könnte, dass "400, vielleicht 500 Menschen" täglich mehr sterben würden. "Das ist ein bisschen Spekulation", erklärte Streeck. Die Wirkung von 2G beispielsweise sei nicht wirklich wissenschaftlich belegt, erklärte der Virologe und legte dann nach.

"Eine Sache noch zu dem, was Herr Lauterbach gesagt hat, dass sich ein Virus nicht zu einer leichteren Variante entwickeln kann", sagte Streeck: "Das stimmt so nicht. Er meinte, es gibt keine Beispiele dafür. Aber es gibt Beispiele, dass sich ein Virus, ein Coronavirus, zu einem leichteren, einem harmloseren Virus entwickeln kann." Als Beispiel nannte Streeck ein Virus, das bei Schweinen vorkommt, mittlerweile die Tiere aber nicht mehr gefährdet.

Streeck plädierte für eine stufenweise Öffnung, sobald die aktuellen Infektionszahlen zurückgehen. "Der Einzelhandel war noch nie der Hauptübertragungsort von Infektionen", sagte er: "Daher sehe ich es auch als gerechtfertigt an, dass man da anfängt zu lockern, dass man diese Maßnahmen zurücknimmt und die Ungeimpften aus ihrem faktischen Lockdown herausholt."

Worüber am heftigsten gestritten wurde bei "maischberger. die woche"

Mit Sahra Wagenknecht und Gerhart Baum trafen zwei Menschen aufeinander, deren politische Positionen extrem weit auseinanderliegen. Entsprechend ging es dann auch zur Sache, zunächst beim Thema Impfung.

"Was mich wahnsinnig ärgert, sind die Impfgegner", erklärte Baum: "Es gibt eine Pflicht zur Solidarität". Das sah die Linken-Politikerin anders. "Die Impfung verringert die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs. Das ist wichtig, aber das ist Selbstschutz", sagte sie: "Der Staat hat nicht die Aufgabe, Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, die er für vernünftig hält. Der Staat hat die Aufgabe, die öffentliche Gesundheit zu schützen, also das Gesundheitssystem vor Überlastung zu bewahren."

Dem widersprach Baum heftig. "Er hat die Aufgabe, Leben zu schützen! Der Staat hat Leben zu schützen, das ist das Grundelement unseres Grundgesetzes", ärgerte sich der Politiker im Ruhestand und verwies auf die Menschenwürde.
"Aber der Staat kann sich doch nicht in Lebensentwürfe einmischen", wurde nun Wagenknecht laut: "Wenn jemand eine Krebsdiagnose hat und er will das durch Heilfasten bekämpfen und er macht keine Chemo und keine OP, dann ist das die freie Entscheidung des Menschen."

Es gehe "um die Bekämpfung einer Seuche, der wir alle ausgesetzt sind", erklärte daraufhin Baum: "Warum verweigern Sie die Solidarität? Wenn Sie als Ungeimpfte sagen: 'Lasst mal die anderen vorangehen.' Sie bekämpfen die Welle und wir stehen als Zuschauer am Rande und freuen uns, dass es nicht so schlimm kommt. Das ist doch kein Ausdruck von Solidarität."

Sorgen machen Baum auch die Proteste gegen die Maßnahmen. "Mich beunruhigt, wer protestiert da eigentlich in diesem Lande. Die Sicherheitsbehörden sagen, dass das zunehmend Leute sind, die unser System verachten. Sie suchen einen Anlass. Die Flüchtlinge waren ein Anlass, in Zukunft ist es vielleicht das Klima", erklärte er.

Worüber noch bei Maischberger gestritten wurde

Zum Thema Impfung wurden sich Wagenknecht und Baum nicht einig, beim Umgang mit der Ukraine-Krise setzte sich der Streit nahtlos fort. "Russland fühlt sich bedroht", sagte Wagenknecht, Wladimir Putin habe als Präsident zunächst die Hand Richtung Europa ausgestreckt und auf Zusammenarbeit gesetzt. "Stattdessen hat die NATO einen Erweiterungsbeschluss nach dem nächsten getroffen", sagte Wagenknecht: "Ich möchte mal erleben, wie die USA reagieren, wenn sich ein mittelamerikanisches Land einem Militärbündnis anschließen würde, das von Russland oder China geführt wird."

Das sah Baum natürlich völlig anders. "Ich widerspreche Ihnen nachdrücklich. Wir bedrohen Russland nicht. Wir haben keinen Anlass dazu gegeben, dass 150.000 Leute an der Grenze zusammengezogen werden. Damit sollen wir bedroht werden, das sind doch keine Manöver. Russland hat sich von unserem Konsens entfernt", sagte Baum.

"Wir müssen Russland die Grenzen zeigen", forderte der FDP-Politiker und zeigte weitaus weniger Verständnis für Putin: "Wir dürfen diesem Mann nicht durchgehen lassen, dass er das Recht bricht, die Demokratie in seinem Land zerstört und uns unter einen Druck setzt, den wir nicht ausüben." Einig wurden sich Baum und Wagenknecht natürlich auch bei diesem Thema nicht.

Das war der Spruch des Abends bei Maischberger

Kabarettist Mathias Richling ist kein Fan von Bundeskanzler Olaf Scholz. "Dieser Mann wäre im Leben nicht Kanzler geworden, wenn Herr Laschet nicht gelacht hätte", erklärte Richling und ärgerte sich vor allem darüber, dass Scholz auf nichts festgelegt werden wolle und weder beim Thema Cum-Ex, noch bei Wirecard Klartext gesprochen habe.

Fazit

"maischberger. die woche" brauchte am Mittwoch nicht viel Anlaufzeit, es wurde leidenschaftlich diskutiert, kritisiert und gestritten. Ein Gewinner des Abends war Gerhart Baum, der sich trotz seines hohen Alters eloquent und engagiert präsentierte.

Sandra Maischberger selbst hatte wenig zu tun und musste nur Stichworte geben, da die Diskussion von Beginn an sehr dynamisch war. Auch die beiden eingeladenen Journalistinnen und Mathias Richling hatten relativ wenig Redezeit, da das Interview mit Streeck und das Streitgespräch zwischen Wagenknecht und Baum den Großteil der Sendezeit einnahmen.

Corona-Pandemie: Rufe nach Lockerungsperspektiven werden lauter

Noch steigt die Zahl der Corona-Infizierten täglich auf immer neue Höchststände. Trotz aller Mahnungen von Gesundheitsminister Lauterbach nimmt die Debatte über Lockerungsperspektiven an Fahrt auf. (Bildnachweis: picture alliance/dpa | Axel Heimken)