Kein Schnee, keine Meinungsfreiheit: In Peking beginnen am Freitag die umstrittenen 24. Olympischen Winterspiele. Bei "Hart aber fair" berichtet eine China-Korrespondentin über desinteressierte Gastgeber – und ein Ex-Olympionike lässt kein gutes Haar am IOC.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Stell Dir vor, es ist Olympia, und keinen juckt's. So ungefähr fühlt es sich vier Tage vor der Eröffnungsfeier der 24. Winterspiele in Peking an, schildert ARD-Korrespondentin Tamara Anthony am Montagabend bei "Hart aber fair".

Umso lauter tost die Diskussion um die Spiele im Rest der Welt: Einige Länder haben einen diplomatischen Boykott beschlossen, um ein Zeichen zu setzen gegen die Menschenrechtsverletzungen im autoritären China.

"Winter ohne Schnee, Spiele ohne Freiheit: Was soll Olympia in Peking?", fragt Frank Plasberg seine Runde, die den Zuschauern die Vorfreude auf die Spiele gründlich verdirbt.

Das sind die Gäste

"Wir müssen zu den olympischen Werten zurückkommen", fordert Christian Neureuther, selbst dreimal als Skiläufer bei Winterspielen dabei. Das IOC müsse die Zeichen der Zeit erkennen und sich neu orientieren, hin zu Nachhaltigkeit, Menschenrechten und Freiheit.

Stattdessen hat sich das IOC mal wieder für Gigantismus entschieden, in Yanqing wurde ein riesiges Skigebiet aus dem – sehr trockenen – Boden gestampft. Schneekanonen sorgen für weiße Bänder, soweit die Kameras reichen, berichtet ARD-Korrespondentin Tamara Anthony: "Das wird wie eine Truman Show alles schön gemacht."

"Das IOC und China haben sich die Hand gegeben", sagt Sportjournalistin Marina Schweizer. Das IOC denke mit seinem "Produkt" Olympia nur in Märkten, die Führung in Peking wolle der eigenen Bevölkerung Stärke beweisen.

Von einem "Triumph" für Staatspräsident Xi Jinping spricht Journalist Felix Lee. Die Kritik an den Spielen störe die Machthaber wenig: "Das westliche Bild interessiert die chinesische Führung überhaupt nicht mehr."

Die Entscheidung, die Spiele nach Peking zu vergeben, war "falsch", meint Unions-Außenpolitiker Jürgen Hardt (CDU). "Und eigentlich hätte das IOC allein schon wegen Covid die Spiele um ein Jahr verschieben müssen."

Das ist der Moment des Abends

Vor der Sendung strahlt die ARD die kritische Olympia-Dokumentation "Spiel mit dem Feuer" mit Felix Neureuther aus, auch er Slalomläufer und Olympionike, wie sein Vater Christian. Die ganze Familie, sagt Felix Neureuther in der Dokumentation, sei schon immer Olympia-verrückt gewesen. Aber die Leidenschaft schwindet.

Neureuther trifft eine Uigurin, die in einem chinesischen Lager zwangssterilisiert wurde. Er trifft chinesische Konsulatsmitarbeiter, die das Team an Dreharbeiten vor dem Konsulat in München hindern wollen. Er trifft einen IOC-Mann, der den Pakt mit dem Regime schönredet und jede Kritik als Missgunst auslegt. Es ist eine Entzauberung im Schnelldurchlauf, an dessen Ende eine Frage steht: "Geht es denn nur noch ums Geld?"

Eine rhetorische Frage, schließlich reden wir hier über das IOC, in der anschließenden "Hart aber fair"-Runde wird sie aber noch etwas detaillierter beantwortet: China hat schon 2015 das Ziel ausgegeben, 300 Millionen Menschen für den Wintersport zu begeistern – die Zahl lässt sich nicht überprüfen, aber die Begeisterung steigt merklich, meint Korrespondentin Tamara Anthony.

Auf diese Art können die Chinesen den Tourismus ausbauen und Geld im eigenen Land halten, das die immer kaufkräftigere Bevölkerung sonst im Ausland ausgeben würde. Was das IOC davon hat? Neue Märkte für seine Sponsoren, die Milliarden in den notorisch korrupten Verband pumpen.

Und nebenbei verdienen auch westliche Unternehmen aus der Sportindustrie prächtig mit Peking 2022 - denn aus Europa kommen nicht nur Bedenken, sondern auch die Schneekanonen: Allein im Alpingebiet Yanqing stehen fast 200, geliefert von "AlpineTech" aus Bozen in Südtirol.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Es gehört sich ja eigentlich nicht, gegen Nicht-Anwesende zu polemisieren, aber weil sich in der Runde niemand findet, der das Regime in Peking oder das IOC verteidigen würde, muss ein Einspieler des denkwürdigen Interviews mit dem IOC-Generalsekretär Christophe Dubi aus der Olympia-Dokumentation von Felix Neureuther herhalten.

Dubi erklärt darin allen Ernstes, dass eines Tages vielleicht Neureuthers Kinder nach Yanqing in den Skirurlaub fahren würden. Was den Opa in Rage bringt: "Meine Enkel werden da nicht hinfahren, weil sie anders erzogen werden." Die Gegend habe "nichts mit Wintersport zu tun".

Am IOC lässt der Ex-Skifahrer kein gutes Haar: Es sei kein Wunder, dass Bewerbungen in Deutschland und anderen westlichen Ländern immer wieder am Widerstand der Bevölkerung scheiterten: "Keiner glaubt mehr dem IOC." In Athen und Rio etwa hätten die Spiele "Ruinen" hinterlassen. "Das ist eine Katastrophe."

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

So gut wie alle Facetten des Themas beleuchtet der Gastgeber an diesem Abend – die Menschenrechtslage in China, die Machenschaften des IOC und seines deutschen Präsidenten Thomas Bach, die Corona-Pandemie, die wirtschaftlichen Interessen auf allen Seiten. Nur über eines schweigt die Runde auffallend laut: Die Rolle der Medien.

45 Minuten Neureuther-Dokumentation, 75 Minuten "Hart aber fair" und noch einmal 35 Minuten "China Inside" nach den Tagesthemen, das macht insgesamt schon 155 Minuten kritischen Journalismus. Aber ab Freitag beginnen die Livestrecken in ARD und ZDF - mit insgesamt 120 Stunden Olympia im Fernsehen, plus 500 Stunden im Stream.

Was die Sender dafür berappen, wird traditionell geheim gehalten, Schätzungen belaufen sich auf rund 130 Millionen Euro für Peking 2022 und Paris 2024. Propagandaspiele, powered by Gebührenzahler.

Das ist das Ergebnis

"Peking ist schon die Krönung", sagt Journalist Felix Lee zur Wahl des IOC. Der Umgang mit den Uiguren, die Lage in Hongkong – all das hätten die Hüter der olympischen Werte thematisieren müssen. "Aber auch die Politik hat versagt", fügt Lee hinzu, und auch in diesem Punkt spielt Geld wohl eine Rolle, genauer gesagt: die Verflechtungen der Wirtschaft. Siehe VW, das dutzende Fabriken in China unterhält. Kein Wunder, so Lee, dass die SPD, im VW-Stammland Niedersachsen an der Regierung, auffallend laut schweigt.

Auch Christian Neureuther erwartet sich von der Politik deutlichere Ansagen. "Es darf nicht alles auf die Sportverbände abgewälzt werden." Und vor allem nicht auf die Sportler – die müssen sich gut überlegen, ob sie ihre Meinung zur Politik im Gastgeberland laut kundtun oder sich lieber ganz auf den Wettbewerb konzentrieren.

Sportjournalistin Marina Schweizer sieht die Athleten im "Klammergriff" - einerseits seinen die Spiele natürlich ein Highlight für jeden Sportler, andererseits trüben Corona und die Sorge um die eigene Sicherheit das Erlebnis. "Da frage ich mich schon, wie da olympische Stimmung aufkommen kann." Man wird es ab Freitag sehen, nur eines ist sicher: Den olympischen Geist kann man nicht so einfach per Schneekanone herbeizaubern.